Home
http://www.faz.net/-gzh-u9bj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hochschule Paprika aus dem Ried

 ·  Auch in Hessen wird es immer wärmer. Wie sich die Menschen darauf einstellen können, soll das Projekt „Klara-Net“ der Technischen Universität Darmstadt zeigen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Südhessen, Juli 2050: Drückende Hitze lastet über dem Ried, 30 Grad und mehr, seit Wochen schon. Ein wenig Abkühlung bringen nur die heftigen Gewitter, die hin und wieder übers Land ziehen. Den Pegel des Stroms, den man an manchen Stellen zu Fuß durchqueren kann, heben die Regengüsse kaum. Aber sie überfluten die Keller in den Orten am Fluss, wo die Menschen gerade erst die schlimmsten Schäden des Frühjahrshochwassers beseitigt haben.

Südhessen, Oktober 2050: Wieder erwarten die Bergsträßer Winzer eine Rekordlese. Statt Rieslingtrauben reifen nun Merlot und Cabernet Sauvignon an den Hängen. Von Zwingenberg bis Michelstadt sind die Hotels ausgebucht - viele, die es früher zum Kurzurlaub in den Süden zog, genießen jetzt die milden Herbsttage in heimischen Gefilden. Selbst Radfahrer zieht es bis in den Dezember hinein in den Odenwald: Schnee auf den Wegen müssen sie nicht mehr fürchten.

Konsequenzen des Temperaturanstiegs für Südhessen

„Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen Windmühlen.“ Das chinesische Sprichwort aus der Informationsbroschüre fasst anschaulich die Idee zusammen, die hinter „Klara-Net“ steht: Das Weltklima ändert sich, Deutschland bekommt die Folgen zu spüren. Viele dieser Auswirkungen werden negativ sein, einige aber auch erfreulich. Die Konsequenzen des Temperaturanstiegs für Südhessen zu erfassen und Wege zu finden, damit umzugehen, ist das Ziel des „Netzwerks zur Klimaadaption in der Region Starkenburg“, kurz „Klara-Net“. Koordiniert wird das Projekt vom Fachgebiet Umwelt- und Raumplanung der Technischen Universität (TU) Darmstadt; das Bundesforschungsministerium zahlt im ersten Jahr einen Zuschuss von 125.000 Euro.

Etwa 40 Aktive - Ingenieure und Ärzte, Landwirte und Tourismusfachleute - treffen sich seit Oktober in vier Arbeitsgruppen, um darüber zu diskutieren, was die globale Erwärmung für die Region bedeutet. Statt auf Beschlüsse der Politiker zu warten, sollten die Mitwirkenden Vorschläge erarbeiten, die an Ort und Stelle verwirklicht werden könnten, erläutert Hans Reiner Böhm, emeritierter TU-Professor und wissenschaftlicher Leiter des Projekts.

Extreme Wetterereignisse

Grundlage der Arbeit von „Klara-Net“ ist die im vergangenen Jahr vorgestellte Prognose des Integrierten Klimaschutzprogramms Hessen (Inklim) für die Zeit bis zum Jahr 2100. Wichtigste Erkenntnisse: Die Sommer werden heißer und trockener, die Winter wärmer und feuchter (siehe Grafik). Außerdem ist häufiger mit extremen Wetterereignissen zu rechnen - Hitzewellen, Hochwasser, Hagelschlag, Tornados. Mit dem Anstieg der Temperaturen verändern sich Flora und Fauna: Bestimmte Pflanzen gedeihen nicht mehr, neue Schädlinge können sich ausbreiten, Menschen von Krankheiten heimgesucht werden, die in gemäßigten Breiten bisher unbekannt waren.

Viele Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen sind, liegen auf der Hand. Der Schutz gegen Überschwemmungen muss verbessert, dem Wassermangel in der heißen Jahreszeit vorgebeugt werden. Bauern müssen sich über den Anbau neuer Sorten Gedanken machen, Mediziner ihren Patienten erklären, wie sie heiße Tage am besten überstehen. In den „Klara-Net“-Arbeitsgruppen werden aber auch Zusammenhänge erörtert, an die bisher kaum jemand gedacht hat, wie Projektkoordinatorin Lena Herlitzius erläutert. So habe ein Arzt darauf hingewiesen, dass bei neblig-trübem Wetter ohne Schnee, wie es in der kalten Jahreszeit künftig öfter auftreten werde, mehr Fälle von Winterdepression zu erwarten seien.

Zuflucht für hitzegeplagte Bewohner

Stimmungsaufhellend könnte der Klimawandel dagegen auf die Tourismusbranche wirken. Das schöne Sommerwetter dürfte mehr Menschen in die Naherholungsgebiete locken, vermutet Herlitzius. Der Odenwald werde zur Zuflucht für die hitzegeplagten Bewohner der Rheinebene, und Gemeinden, die ein Badegewässer ihr Eigen nennen, könnten sich glücklich schätzen. Auch die Anbieter ökologischer, energiesparender Bautechnik werden vermutlich zu den Profiteuren zählen. Begrünte Dächer etwa könnten künftig sehr begehrt sein, glaubt die Ingenieurin. „Sie speichern Wasser und sind bei Sturm stabiler.“ Für Landwirtschaft und Weinbau eröffnen sich bei allen Risiken auch neue Perspektiven: Bald könnten auf den Feldern Melonen oder Paprika gedeihen, an der Bergstraße Merlot und andere Sorten aus dem Süden die heimischen Reben verdrängen. Entsprechende Anbauversuche laufen längst.

Dass die Darmstädter Forscher dem Treibhauseffekt auch Gutes abgewinnen, mag manchen Umweltschützer irritieren. Doch Böhm sieht „Klara“ keinesfalls als Netzwerk der Katastrophengewinnler. Klimaschutz und Klimafolgen-Anpassung seien „siamesische Zwillinge“, hebt der Ingenieur hervor. Nach wie vor müsse alles getan werden, um den Temperaturanstieg zu bremsen, denn global gesehen, seien die Konsequenzen der Erwärmung verheerend. Erfolge erziele aber nur, wer die „Egoismen“ der Akteure einkalkuliere und beispielsweise der Wirtschaft verdeutliche, welche Chancen die Veränderungen mit sich brächten. Chancen, die nach Böhms Worten schnell genutzt sein wollen: „Jeden Euro, den wir jetzt nicht ausgeben, werden wir später vielfach aufwenden müssen.“

  Weitersagen Kommentieren (0) Merken Drucken

01.01.2007, 20:35 Uhr

Weitersagen
 

Alternativlose Umweltzone

Von Mechthild Harting

Mit der Diskussion um hohe Feinstaubwerte hebt augenblicklich auch wieder die Debatte um Sinn und Unsinn einer Umweltzone an. Doch: Was wäre eine Alternative zur Umweltzone? Mehr 27 5