07.08.2006 · Von den E-Learning-Angeboten der Universitäten sollen nicht nur Studenten profitieren. Immer mehr Lernprogramme sind für alle Internetnutzer frei zugänglich.
Von Eva-Maria MagelDaß die Neandertaler sich hauptsächlich von Schokolade und Gummibärchen ernährt haben, werden wohl nur die wenigsten Biologiestudenten annehmen: Diese Antwortmöglichkeit haben Christine Hertler und Friedemann Schrenk nur als kleines „Bonbon“ in den Wissenstest hineingemogelt. Denn es sind 13 dichtbeschriebene Seiten, durch die sich der Lernwillige lesend klicken muß bis zu dem nicht eben leichten „Quiz“, das die beiden Paläoanthropologen der Universität Frankfurt entworfen haben.
Wer „Expeditionen zu den Wurzeln der Menschen“, so der Name des Lernprogramms, unternehmen will, kommt ohne Konzentration nicht weit. Die Belohnung besteht im Freischalten weiterer Seiten zum Selbsttesten - Zensuren gibt es nicht. Bislang ist von den „Expeditionen“ nur das Kapitel „Neandertaler“ online, zum Jubiläum von dessen Entdeckung vor 150 Jahren (www.palaeo.net/biologie/bio_dt/start.html). Doch Hertler hofft nicht nur, daß im Herbst die englischsprachige Version fertig ist, sondern wünscht sich auch die baldige Schließung der Lücken. Denn die gesamte Lernplattform soll Teil eines internationalen Master-Studiengangs Paläoanthropologie werden.
1,7 Millionen Euro für „Megadigitale“
Die digitale Erschließung der Lehre macht an den hiesigen Hochschulen große Fortschritte. Im Frankfurter Vorlesungsverzeichnis etwa wird die Paläoanthropologie zum Wintersemester ebenso wie zahlreiche andere Lehrveranstaltungen mit einem speziellen Symbol für „E-Learning“, also elektronisch unterstütztes Lernen, gekennzeichnet. Auch den Start der „Expeditionen“ hat das Projekt „Megadigitale“ finanziert, mit 22.000 Euro. „Megadigitale“ hat seit 2005 aus Mitteln des Bundesforschungsministeriums insgesamt 1,7 Millionen Euro zur Verfügung, um das E-Learning in der gesamten Universität zu verankern.
Damit, so Claudia Bremer, die das Projekt betreut, schließe man zur Spitze der elektronisch lehrenden deutschen Hochschulen auf. Sukzessive sollen die Fachbereiche von ihnen selbst für ihre Bedürfnisse maßgeschneiderte Zusatzangebote bereitstellen, aus denen ein hochschulübergreifendes Netz entstehen soll. Hilfe und die nötigen Mittel in Form von Fördergeld, Arbeitsstunden und Material liefert eine etwas sperrig als „Kompetenzzentrum Neue Medien in der Lehre“ firmierende Gruppe im Zentrum für Weiterbildung. Dort arbeiten auch auf Programmierung und Gestaltung spezialisierte studentische Hilfskräfte, wie sie ebenso in den Fachbereichen zur Pflege des Online-Angebots geschult und eingesetzt werden. Vor allem Vertreter des Mittelbaus und der Nachwuchs sollen Zusatzqualifikationen erwerben, etwa als „Teletutoren“.
Solche Koordinationsstellen für E-Learning, die Hochschullehrer beraten und Material bereitstellen, gibt es an jeder Hochschule - doch der Ehrgeiz ist unterschiedlich: An der Technischen Universität (TU) Darmstadt etwa, einem der deutschen Spitzenreiter, hat man sich zum Ziel gesetzt, jeder Student müsse mindestens ein E-Learning-Angebot in seinem Curriculum haben. Langfristig sollen etwa 30 Prozent der Veranstaltungen durch E-Learning abgedeckt werden.
Virtuelle Semesterapparate
„Dual Mode TUD“, so das Programm aus Präsenzlehre und E-Learning, steht in der Endrunde des „Medida Prix“, einer Auszeichnung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft, die im September vergeben wird. Die Darmstädter Angebote (www.elc.tu-darmstadt.de) sollen zu einem großen Teil öffentlich zugänglich sein. Ein neuer Trend, denn die Hochschulen haben erkannt, daß solche Angebote der Imagepflege dienen. Auch die „Expeditionen“ des kürzlich für seine Wissensvermittlung mit dem Communicator-Preis ausgezeichneten Schrenk sind für jeden Internetnutzer abrufbar.
An eine Verringerung der Präsenzlehre ist allerdings nicht gedacht - sie wird auch vom hessischen Wissenschaftsministerium ausdrücklich nicht gewünscht. Ähnlich sieht man das an der Universität Mainz, wo eher auf ein einheitliches Erscheinungsbild der Online-Angebote geachtet wird. Seit Ende der neunziger Jahre können etwa mit dem hauseigenen System „Readerplus“ virtuelle Semesterapparate und Aufgaben angeboten werden. Neue, ambitionierte Wege gehen seit wenigen Wochen die Mainzer Mediziner, so wie viele Fachkollegen anderenorts: Sind es doch vor allem lernintensive Fächer wie Anatomie, in denen sich etliche Angebote entwickelt haben. Das hessische universitätsübergreifende Projekt „K-Med“ etwa wird seit 2001 mit mehr als drei Millionen Euro gefördert (www.k-med.org).
In Mainz erproben die Chirurgen erst einmal bis Ende des Jahres die elektronische Aufzeichnung und Testierung von Vorlesungen. Damit aber stehen sie nicht allein: Wegen der Modularisierung der Studiengänge und der neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse sehen die meisten Fächer eine Notwendigkeit, ergänzende Angebote zu schaffen. Auch die Zunahme der Einzeltestate verlangt mehr Arbeit von Lernenden und Lehrenden. In Mainz werden immer öfter Klausuren am Computer geschrieben: Zum Ende des Sommersemesters wurden mehr als 2000 Studenten an den universitätseigenen Rechnern im PC-Pool geprüft. Laut Günter Wetter, im Mainzer Zentrum für Datenverarbeitung für das E-Learning verantwortlich, hat sich dieses Angebot bewährt. Im Gegensatz zu den „Expeditionen“ geht es dabei allerdings um mehr als nur um ein „Quiz“.