24.04.2007 · Immer mehr Vorlesungen werden in englischer Sprache gehalten, vor allem in den Natur- und Wirtschaftswissenschaften. Viele Studenten finden das gut - doch es gibt auch einige, die sich dagegen wehren.
Von Sascha ZoskeRichtlinien für Lesermeinungen
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Nur Muttersprache reicht an tiefe Begrifflichkeit
Mit Verlaub: falsche Klischees!
Ingenieurwissenschaft als nützlichste, genuin muttersprachliche
Disziplin wird gleich mal vergessen.
Die "internationale Wissenschaft" ist weit überzogen.
Die USA-stämmige Blenderei: Veröffentlicheritis, Zitatenkartell,
Konferenztouristik verbreiten sich, mit dem Anspruch,
das sei Wissenschaft. Wer fährt nicht gern in der Welt herum?
Warum, lieber Herr Zoske, muß ein Wissenschaftler
"international reüssieren?" Ist das der Lebenszweck? Er soll
gute Forschung für seinen Ernährer, sein Volk, treiben; es
nicht der Gegenaufklärung aussetzen, wie vor Luther,
als Wissenschaft nur in Geheimsprache Latein stattfand.
Wirkliche Forschung ist das Bilden nützlicher Begriffe zu
Phänomenen, die wir der Welt experimentell und gedanklich
abringen. Damit kann man das Leben unseres Volkes verbessern -
oder auch gefährden, wenn wir es außen vor lassen.
Ständig wird so getan, als seien Sprachen äquivalent;
also besser, eine Vorlesung gleich auf Englisch, als
muttersprachlich abzuhalten: kindliche Auffassung von
Sprache: Wort entspricht Ding! Es ist weit komplexer.
K. Däßler, Mathematische.Intelligenz
Englisch hat sich in den Naturwissenschaften als internationale Verständigungssprache etabliert. Lehre und Forschung eines Landes sollten dagegen, bis auf wenige begründete Ausnahmen, in der Landessprache stattfinden. Würde sie weiter verdrängt, wären Qualitätseinbrüche in der akademischen Ausbildung der Studierenden und Dissoziationen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft die Folge. Wissenschaft, die sich sprachlich vom Alltag verabschiedet, schafft kein Wissen mehr (www.7thesenwissenschaftssprache.de).
Die Sorgen der Studentenschaft, bei einem Sprachwechsel wegen geringer Englischkenntnisse Einbußen im Studium zu erfahren, sind berechtigt, ebenso der Wunsch ausländischer Studenten, in Deutschland in der deutschen Sprache studieren zu können. Die Meinung eines Professors, er unterstütze englische Vorlesungen eines radebrechenden Dozenten, weil die Studenten für diese (Bad Simple Englisch?) fit gemacht werden sollen, geht am Ziel vorbei. Ein hoher Ausbildungsanspruch ist die beste Werbung für eine Universität. Wir entwickeln, formulieren und erklären am präzisesten in der Muttersprache. Auch A. Einstein diskutierte in der seinen noch nach vieljährigem Aufenthalt in den USA.
W.Haße, Berlin, R.Mocikat, München, H.H.Dieter,Ber
Die Bemühungen von Dozenten, die zumeist nicht englische Muttersprachler sind, ihre Lehrveranstaltungen in englischer Sprache abzuhalten, mag zwar ein Hauch von Internationalität an so manche deutsche Universität bringen. Die beiden wichtigsten Ziele dieser Anstrengungen werden aber wohl nicht erreicht: die Erlangung guter Sprachkompetenz im Englischen erfordert einen mindestens einjährigen Aufenthalt in England oder besser noch in den USA, so daß man tagtäglich mit der Sprache konfrontiert wird und jeden Tag von „native speakers“ umgeben ist, an der Uni wie im Alltag und nicht nur in wenigen Vorlesungsstunden.
Den Wettbewerb um die vielzitierten „besten Köpfe“ aus aufstrebenden Nationen wie Indien, wo daß Englische fast den Rang einer zweiten Amtssprache hat, werden wir auch nicht gewinnen: die wirklich guten Leute gehen am besten gleich in die USA oder zumindest nach England. Nach Deutschland kommt dann oft genug nur die zweite Wahl und zusätzlich nicht wenige junge Leute, für die der Studienbeginn in erster Linie die Eintrittskarte in das Sozialparadies Deutschland ist. Ist man erst mal drin, gibt es viele Möglichkeiten, auf Dauer zu bleiben. Empfehlenswert: „Billigstudium made in Germany“ (in der „Zeit“ (!) Nr. 23-2003).
Deutsche Sprache, schwere Sprache
Kleiner Beitrag über meine Erfahrungen zum Thema Deutsch/Englisch im Studium:
Ich studierte 1 Jahr lang an einer deutschen Universität BWL, in der sämtliche Fachwörter sowohl auf deutsch als auch auf Englisch niedergeschrieben waren.
Die Dozenten haben auf deutsch unterrichtet, jedoch alle 5 Minuten mindestens einmal gesagt, dass man bitte auch die englischen Fachbegriffe beherrschen sollte, da einem im Alltag die deutschen NIEMALS wieder unter die Augen kommen werde...
Nachdem einem dieser Spruch dann nun 1000 mal eingetrichtert wurde, habe ich mich von dort verabschiedet und in den Niederlanden ein englischsprachiges BWL Studium begonnen.
Der eigentliche Unterricht in Englisch ist vom deutschen Unterricht eigentlich nicht zu unterscheiden, bis auf die Tatsache, dass ich hier gelernt habe Akzente aller Welt zu erkennen und zu verstehen, was ein SEHR großer Vorteil ist.
Darum kann ich jedem nur nahelegen ein englischsprachiges Studium/Kurse einmal auszuprobieren.
Pflegt die deutsche Sprache anderswo
Ich bin froh, dass die Forschung in Deutschland, zumindest in den meisten Disziplinen, international orientiert ist. Nur im internationalen Vergleich wird ernstzunehmend geforscht. Das bedeutet, wer es dort zu etwas bringen will, für den sind sehr gute Englischkenntnisse ohnehin Pflicht.
Daher sehe ich die Entwicklung, Vorlesungen auch auf Englisch anzubieten, wenn es sich um nicht-deutsche Dozenten handelt oder wenn Austauschstudenten teilnehmen, sehr positiv. Sofern wir wollen, dass bei uns auch eines Tages Leute aus dem angelsächsischen Raum studieren, die keine Germanisten sind, müssen wir diesen Schritt sowieso vollziehen.
Ich habe in Holland studiert, wo es schon lange die Umkehrung der im Text zitierten Regel gibt. Dort wird auf Englisch unterrichtet, sobald ein nicht-holländischer Student am Seminar teilnimmt, mit dem Ergebnis dass die Universitäten dort sehr international sind (und die Herkunft der Austauschstudenten sich nicht fast nur auf Osteuropa und China beschränkt wie hierzulande).
Was die Auswirkungen übertriebener Sprachpflege sein können, sieht man in Frankreich. Dort können sogar viele Dozenten kein Englisch. Wie soll da internationale Forschung funktionieren?