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Nachruf auf den AfE-Turm : Die Zeitmaschine

Ende: Weil schon im Verlauf der Entkernungsarbeiten viele Beschwerden über Lärm eingingen, wird der AfE-Turm nun mit einem lauten Knall gesprengt Bild: Helmut Fricke

Er war der Hort kritischer Wissenschaft an der Goethe-Universität. Ein Koloss aus rohem Beton, Ort eines Romans, der nie geschrieben wurde. Sonntagmorgen wird der AfE-Turm gesprengt.

          Als vor ein paar Jahren „Der Turm“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis auftauchte, dachte ich: endlich. Endlich hatte jemand sich dieses nach literarischer Überformung geradezu drängenden Ortes angenommen. Ein Stück deutscher Geschichte en miniature, schrieben die Feuilletons. Ein kaleidoskopartiger Blick auf ein bildungsbürgerliches Milieu und dessen Suche nach dem richtigen, dem guten, dem freien Leben. Das klang vielversprechend, und vor dem inneren Auge saßen die Studenten schon im „Tuca“, dem Turm-Café, rauchend, entsetzlich bitteren Kaffee trinkend, diskutierend über Postfordismus, Gramscis Gefängnishefte und die Putzordnung ihrer WG.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Charaktere und Handlungsstränge begannen sich zu verflechten, die baulichen Analogien dazu lieferten die verschachtelten Treppenhäuser und der Bewehrungsstahl des Betonskeletts, in subtilen, nur dem Kenner gleich verständlichen Anspielungen traten Ludwig von Friedeburg, Habermas und Iring Fetscher auf. Am Ende des etwa 800 Seiten starken Romans folgte ein Glossar, der die Akteure den verschiedenen autonomen, marxistischen, trotzkistischen, libertären, antisexistischen, antirassistischen, radikaldemokratischen und veganen Studentengruppen zuordnete und dabei auch sorgsam zwischen Linksruck und Linkswende unterschied.

          Gerade überlegte ich, ob der Autor auch auf den Gedanken gekommen sein mochte, dem Anhang eine Querschnittsskizze der 38 Geschosse hinzuzufügen - das hätte dem Leser die Orientierung sicher erleichtert -, als ich mit Verwunderung zur Kenntnis nahm, dass der Roman in einem Dresdner Villenviertel spielen sollte. Da mussten die Kollegen vom Feuilleton etwas missverstanden haben, steht „der Turm“ doch in Frankfurt. Noch jedenfalls - im Verlauf dieses 2. Februar ist Schluss damit.

          Ausgedient: Wegen des Umzugs der Universität ins Frankfurter Westend ist der „AfE-Turm“ (“Abteilung für Erziehungswissenschaft“)  nun überflüssig geworden Bilderstrecke
          Hochhaus-Sprengung in Frankfurt : Ende eines Unikums

          Am 10. Oktober 1973 fand die „Einweihungsfeier“ statt, das ist im Archiv dieser Zeitung belegt. Beziehungsweise, sie fand eigentlich nicht statt; die Goethe-Universität sagte sie aufgrund „zu erwartender massiver Störungen von radikalen Studentengruppen“ ab, was vermutlich die einzig angemessene Form einer Einweihung war.

          Denn zum Repräsentieren taugte dieses Bauwerk nie, auch wenn es mit 116 Metern anfangs das höchste der Stadt war. Dieser Rekord ging schnell wieder verloren, die kryptische Abkürzung im offiziellen Namen blieb hingegen erhalten. AfE-Turm lautet er bis heute. Die namensgebende „Abteilung für Erziehungswissenschaft“ muss freilich nicht ausziehen, weil sie niemals eingezogen ist. Sie war schon geschlossen, als die Universität das Hochhaus an der Ecke von Robert-Mayer-Straße und Senckenbergallee eröffnete. Stattdessen fanden die Politologen, Soziologen und Pädagogen hier ihr Zuhause, vom „Lehrerturm“ und vom „Paukersilo“ war die Rede, doch keine Bezeichnung konnte sich etablieren.

          Akademische Antipoden

          Jedermann und, um den geschlechtergerechten Ansprüchen der Turm-Nutzer_Innen wenigstens an dieser Stelle zu genügen, auch jederfrau, der beziehungsweise die dort jemals studiert hat, spricht ohnehin nur vom „Turm“. Und natürlich auch jene, die dort nicht ein- und ausgingen, selbst die auf den 38 Geschossen nur als Kürzel bekannten „BWLer“, die akademischen Antipoden der jeglicher Marktverwertbarkeit abholden Gesellschaftswissenschaftler. Wenn die vom „Turm“ sprachen, hatte das allerdings einen geringschätzenden bis unheilvollen Unterton, was die Adepten Adornos und Horkheimers wiederum nur in ihrem Bewusstsein bestärkte, den Herrschaftswissenschaften intellektuell überlegen zu sein.

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