Ein paar Monate lang sind sich fast alle einig, Anhänger wie Gegner von Christoph Mäckler: Die Sache mit dem Opernturm, dem ersten richtigen Hochhaus des Frankfurter Architekten in seiner Heimatstadt, geht schief. Als der Turm im Rohbau Etage um Etage nach oben wächst, scheint es, als entstehe dort ein Monstrum der Langeweile, und das am schönsten Platz der Stadt, dessen Erscheinungsbild Mäckler doch zu schließen und damit zu heilen versprochen hatte. Und als die ersten Elemente der hellen Fassade angebracht werden, sieht es aus, als werde der Turm mit einer Tapete versehen.
Es ist dann doch gutgegangen. Wie ein guter Erzähler hat sich Mäckler die überraschende Wendung für den Schluss aufbewahrt. Das Geheimnis des Erfolgs ist der Kopf des Opernturms. Er hebt sich deutlich von den Regelgeschossen darunter ab. In die schmalen Seiten hat Mäckler große rechteckige Fensterflächen eingeschnitten, die Fensterreihen der beiden breiteren Fronten münden oben in langgestreckten Stützen.
Extravaganz aus der trapezförmigen Gestaltung
Pathetisch könnte man von einer Krone sprechen, die der Architekt seinem Hochhaus aufgesetzt hat. Die Fernwirkung bestätigt den Herrschaftsanspruch. Der Opernturm, der mit rund 170 Metern Höhe nur der sechstlängste Wolkenkratzer der Stadt ist, ist ein Blickfänger. Sein helles Erscheinungsbild trägt dazu bei, doch wieder ist es die markante Spitze, die Respekt einflößt.
Ein Blick auf ein älteres Modell des Opernturms zeigt, dass Mäckler die Krone zunächst sehr zurückhaltend ausgeformt hatte. Extravaganz bezog sein Entwurf in jenem frühen Stadium eher aus der trapezförmigen Gestaltung. Die Fassaden des durch Fugen in vier Teile gegliederten Turms wurden dabei leicht nach innen angewinkelt, so dass ein Grundriss entstand, der von Ferne an die Form eines Schmetterlings erinnerte. Mit Rücksicht auf die Effizienz der Bürogrundrisse zwang der Bauherr den Architekten, sich von dieser Idee zu verabschieden. Leider, muss man wohl sagen, es wäre spannend gewesen, auch diese Gestaltungsidee einmal in der Praxis ausgeführt zu sehen.
Die meisten Türme enden jedoch mehr oder weniger unmotiviert
Man muss sich jedenfalls wundern, wie nachlässig die Frage des oberen Gebäudeabschlusses von vielen Hochhaus-Architekten in Frankfurt behandelt wird. Der Messeturm ist die prominenteste Ausnahme von der Regel: Er variiert die traditionelle Lehre aus Amerika, wonach ein gutes Hochhaus wie eine Säule aufgebaut sein sollte – Sockel, Schaft, Kapitell –, besonders kunstvoll. Und natürlich, das Kronenhaus der DZ Bank folgt dieser Forderung fast schon ironisch-überdeutlich.
Die meisten Türme enden jedoch mehr oder weniger unmotiviert – als sei man jeder Zeit bereit, das Gebäude aufzustocken; besonders ausgeprägt ist das der Fall beim Commerzbank-Turm, dessen drei Ecken wie Stelzen einer Bohrinsel in den Himmel ragen. Die beiden Türme der Deutschen Bank, die derzeit so saniert werden, dass sie sich anschließend äußerlich unverändert präsentieren, sehen aus wie abgeschnitten. In ihrem Fall ist das allerdings ein Kunstgriff: Sie beziehen ihre Spannung aus ihrem ungewöhnlichen Grundriss mit vielen Knicken und Faltungen.
Der kleine Bruder
Betrachtet man die übrigen Hochhäuser, die in den vergangenen zwei Jahren im Westend fertiggestellt worden sind, so fällt auf, dass sie alle mit einem überhöhten Geschoss für Haustechnik oder Konferenzräume enden, das die Fassadengestalt nur wenig variiert fortschreibt. Den Architekten war offenbar bewusst, dass sie sich für das Ende etwas einfallen lassen müssen. Das Ergebnis kann man je nach Geschmack und Temperament als dezent oder ideenlos bezeichnen.
In ihrer gestalterischen Freiheit begrenzt waren die Architekten von AS&P, die den alten SGZ-Turm zum 115 Meter hohen Parktower umgebaut haben. Der Rohbau wurde erhalten und mit einer neuen Glasfassade versehen. Schon mit Blick auf die Pläne auf dem ehemaligen Zürich-Areal wurde der Anbau leicht in die Straßenflucht verdreht und mit einer hellen Natursteinfassade versehen. Nun steht er da wie der kleine Bruder des Opernturms – eine demütige und städtebaulich sehr lobenswerte Haltung.
Eine Hommage an die klassische Moderne
Wählt der Architekt Glas als Fassadenmaterial, ist eine Variation allerdings auch denkbar schwierig. Immerhin scheinen einige der Baumeister Lehren aus den Enttäuschungen gezogen zu haben, die Glas im Hochhausbau bereitet hat. Auf den Computersimulationen sind dann kristalline Transparenz-Wunderwerke zu sehen, in der Realität bleiben konturlose Gebäudeschatten übrig, die je nach Wetterlage blau, grün oder grau schimmern. Das Büro KSP Jürgen Engel hat die Fassade seines Westend-Duos an der Bockenheimer Landstraße mit Aluminiumpaneelen versehen, die als Lüftungsschlitze dienen und über jeweils zwei Geschosse verlaufen. Die leicht gewölbte Fassade des Doppelhochhauses sorgt ebenfalls für eine gewisse Spannung, wie überhaupt die Einbindung in den städtebaulichen Kontext die große Stärke des 96-Meter-Turms ist.
Das Berliner Büro Sauerbruch Hutton ist ganz ähnlich wie KSP vorgegangen. Die Architekten bringen Leben in den neuen Glaspalast für die KfW-Bankengruppe an der Zeppelinallee, indem sie mit geschwungenen Formen und mit Grün-, Gelb- und Rottönen arbeiten, was beim Vorbeifahren zu hübschen Farbenspielen führt. Das Ganze passt gut zur Lage in Nachbarschaft zum Palmengarten und auch zum Öko-Image des Bauherrn und hat auf den ersten Blick auch etwas anheimelnd Freundliches. Bleibt nur die Frage, ob der Bau nach ein paar Jahren nicht doch eher als Technikkitsch wahrgenommen werden wird. Da es sich mit 54 Metern für Frankfurter Verhältnisse um ein Türmchen handelt, hielte sich der Schaden in Grenzen.
Die Frage der Zeitgebundenheit stellt sich im Fall des Westend First nicht. Max Dudler hat sich beim Umbau eines unansehnlichen Turms an der Ulmenstraße für eine Hommage an die klassische Moderne entschieden. Der Stahl-Glas-Turm mit seinen markanten Mies-Ecken passt nach Größe und Fassadenmaterial überhaupt nicht in seine Umgebung. Aber an diesem Fall lässt sich studieren, dass eine Regel auch mal gebrochen werden darf, wenn es nicht zu oft vorkommt und vor allem mit Stil passiert.
