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Historisches Museum : Mit der Wehrmacht auf Reisen

Die private Seite des Krieges: Die Fotos aus dem Album des SA-Führers Martin Kliemt zeigen, wie sehr das Militär den Alltag der Menschen bestimmt hat. Bild: Wolfgang Eilmes

Im Historischen Museum nehmen Fachleute private Fotoalben aus der Zeit des „Dritten Reichs“ unter die Lupe.

          Ist das Nebel oder Pulverdampf? Viel ist nicht zu erkennen auf dem kleinen Schwarzweiß-Foto mit den gezackte Rändern. Gottfried Kößler kann nur mit den Schultern zucken und blättert eine Seite des Albums der Familie Geißler um. Im Historischen Museum analysiert der Geschichtspädagoge des Fritz-Bauer-Instituts private Fotos aus der Zeit des Nationalsozialismus. „Ihr Fotoalbum unter der Lupe“ heißt die Aktion aus dem Begleitprogramm der Ausstellung „Fremde im Visier“, die einen anderen Blick auf die deutsche Geschichte wirft als die „Wehrmachtsausstellung“, die vor 15 Jahren die Gemüter erregt hatte.

          Christian Palm

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Während damals anhand von Bildern gezeigt wurde, welche Verbrechen von deutschen Soldaten begangen wurden, geht es diesmal eher um die private Seite des Zweiten Weltkriegs. So makaber es klingt: Deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg sind nach Ansicht Kößlers die Vorreiter des Massentourismus gewesen. „Der Krieg war in dem Sinn nichts anderes als eine Gruppenreise“, sagt der freundliche Mann mit randloser Brille, der in Sandalen, Polohemd und Khaki-Hosen am Tisch im Vorraum des Museums sitzt.

          „Trostloser Anblick“

          Er weiß zu berichten von Soldaten, die im Nachhinein froh waren, im Krieg gewesen zu sein. Denn andernfalls hätten sie niemals die Chance gehabt, nach Frankreich oder Russland zu kommen. Wie in einer Gruppe Pauschaltouristen war schon damals der Tausch der Bilder organisiert. Anhand der Nummer auf der Rückseite der Fotos konnten die Kameraden Abzüge bestellen. Filmrollen wurden meist von der Front in die Heimat geschickt, die Fotos dann wieder zurück. Ein halbes Jahr habe das durchaus dauern können, erklärt Kößler. Aber was tut man nicht alles, um Erinnerungen zu konservieren.

          Von der Reiselust zeugt denn auch mancher Schnappschuss im Album der Geißlers. Die Soldaten ließen sich gerne vor den Sehenswürdigkeiten der besetzten Länder ablichten. In den östlichen Kriegsgebieten rückten dann eher die Zerstörungen in den Vordergrund, die die Wehrmacht hinterlassen hatte. Manche Soldaten nahmen die Schäden als etwas Unerfreuliches wahr wie SA-Führer Martin Kliemt, der Vater von Ursula Geißler. „Trostloser Anblick“, hatte er auf der Rückseite eines Fotos von der Ostfront notiert. „Alles ein Trümmerhaufen“, steht auf einem anderen, das einen zerstörten Hafen zeigt.

          Es wurde nicht so viel gesprochen

          Auch wie sehr das Militär seinerzeit den Alltag der Menschen bestimmte, zeigen die Fotos aus dem Familienalbum. Ob beim Ballspielen, auf Volksfesten oder auf Brautschau: Stets tragen die Männer Uniformen. Eines zeigt 13 Kameraden, die fröhlich in die Kamera grinsen. Sie tragen weiße Nachthemden, haben Dolche in der Hand und Stahlhelme auf dem Kopf. Der Schnappschuss erinnert an nächtliche Eskapaden im Schullandheim. Ob das ein Ritual dieser Einheit war oder einfach von einem lustigen Abend unter Kameraden zeugt, lässt sich aus heutiger Sicht schwer sagen.

          Die Menschen, die mit den Fotos ins Historische Museum kommen, hoffen auf Antworten auf Fragen, die sie ihren Angehörigen zu Lebzeiten nicht gestellt haben. Auch in der Familie Kliemt-Geißler wurde nicht viel gesprochen über die Zeit des „Dritten Reichs“.

          „Ein Fußballspiel können die gewinnen, einen Krieg nicht!“

          Sein Schwiegervater habe auch nach dem Krieg an das geglaubt, wofür er gekämpft habe, sagt Wolf-Dieter Geißler. Eine gemeinsame Basis habe er deshalb nie mit ihm gefunden, erinnert sich der Pensionär, der sich seit zehn Jahren mit Ahnenforschung und damit auch mit der Vita des Vaters seiner Frau beschäftigt. Dessen soldatische Laufbahn hat er auf drei Din-A4-Seiten zusammengefasst.

          Ursula Geißler zog früh von zu Hause aus. Wenn sie dann zu Familienfesten kam, war das Thema Weltkrieg meist tabu. Auch die Fotos blieben in ihren Kartons, es sei denn, ihr Vater ging zu einem Veteranen-Treffen. Dass er weiterhin überzeugter Nationalsozialist war, zeigte sich für sie zum Beispiel im Jahr 1954. Nach dem WM-Finale von Bern habe sich ihr Vater nicht sonderlich über den Sieg der Deutschen gefreut. Geschimpft habe er sogar: „Ein Fußballspiel können die gewinnen, einen Krieg nicht!“

          Eine lange Liste voller Fragen

          Geschichtspädagoge Kößler weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, einen Überzeugungstäter in der Familie zu haben. Heute wünscht er sich, er hätte seinerzeit öfter zugehört, als seinen Großvater anzuschreien. Viel Wissen über die dunkle Zeit sei dadurch verloren gegangen. Andererseits durchliefen die Erinnerungen innerhalb der Familien häufig eine Art Filter-Prozess, erklärt Gößler. Oft hätten die Frauen nach dem Tod ihrer Männer Bilder von Leichen oder Dokumente von Kriegsverbrechen aussortiert. Mit den Fotos verschwanden dann auch die Erinnerungen an die Überzeugungen der Familienmitglieder.

          Nicht so bei den Geißlers. Sie stießen zufällig auf die Kartons mit den Fotos. Mehr Informationen als die knappen Aufschriften auf der Rückseite mancher der Abzüge haben sie nicht. Wolf-Dieter Geißler hat die Bilder in zwei Alben eingeklebt, versuchte dabei Ordnung in die Fotos zu bringen und damit wohl auch in das Bild, das er sich selbst von seinem Schwiegervater gemacht hat.

          Kößler möchte dabei helfen. Er werde versuchen, mehr über die Einheit herauszufinden, in der Kliemt ein Sturmgeschütz bedient hatte. Die Liste mit den Fragen, die er sich während des Gesprächs notiert hat, ist lang.

          Die letzten Termine der Aktion „Ihre Fotoalben unter der Lupe“ sind der 21. Juli sowie der 4. und 18. August, jeweils von 16 bis 18 Uhr. Die Ausstellung „Fremde im Visier“ ist bis 29. August zu sehen.

          Quelle: F.A.Z.

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