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Hessischer Tatort-Kommissar Am Zaun rütteln und brüllen

05.11.2009 ·  Der Hessische Rundfunk sucht neue Ermittler für den Frankfurter „Tatort“. Er hat zu „originellen Vorschlägen“aufgerufen. Nun wittern viele Schauspieler ihre große Chance.

Von Friederike Haupt
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Michael Jäger ist ganz dicht dran an seinem Traumjob. Glaubt er zumindest. Jägers Traumjob ist ein Ermittlerposten im Fernsehkrimi „Tatort“, und er ist ungefähr so dicht dran wie eine Sechzehnjährige, die es wagt, vor Dieter Bohlen ihr Lieblingslied zu singen, am Titel „Deutschlands nächster Superstar“. Soll heißen: Möglich ist alles. Denn seit die Fernsehspielchefin des Hessischen Rundfunks Mitte September auf der Internetseite des Magazins „Stern“ bekundet hat, sie sei „begeistert über jeden originellen Vorschlag“ für die vakante Stelle des „Tatort“-Kommissars in Frankfurt, träumt so mancher von der Rolle, der vorher kaum Chancen witterte. Wohlmeinende sprechen von Außenseitern, Boshaftere von B- bis D-Promis.

In diese Kategorie gehört Michael Jäger. Wer den 43 Jahre alten Schauspieler kennt, der kennt ihn wohl aus der ARD-Soap „Marienhof“. Da spielte er zehn Jahre lang, bis 2007, den Lehrer Matthias Kruse. Als nun im Sommer bekannt wurde, dass Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki als Frankfurter „Tatort“-Ermittlerduo Friedrich Dellwo und Charlotte Sänger aufhören, sah Jäger seine Stunde gekommen. „Seit Jahren will ich diesen Job“, sagt er.

„Charmantes Rauhbein Schimanski 2.0“

Und nun das: Jeder, also auch er, der Vorabendseriendarsteller, könnte den deutschen TV-Olymp erklimmen. Nur originell solle die Bewerbung sein, diese Bedingung der Fernsehspielchefin hat sich ihm eingeprägt. Und so wählte Jäger das, was er „Bewerbung 2.0“ nennt, den Weg über soziale Netzwerke im Internet. Er ließ sich die Internetseite www.tatort-kommissar.de registrieren: „Nur wer am Zaun rüttelt und brüllt, dass er rein will, kommt auch rein!“, steht dort über einem Foto, das Jäger in düsterer Fahnderpose zeigt. Nach wenigen Sekunden wird der Besucher auf Jägers eigentliche Internetseite umgeleitet. Dort gibt es unter anderem einen Fünf-Minuten-Film zu sehen, der seine Eignung als Kommissar beweisen soll. In dem Streifen, der recht aufwendig gemacht ist, wirkt sogar Schauspielerkollege Ralf Bauer mit.

Jäger rekrutiert Unterstützer bei Facebook und über Twitter. „Seit fünf Wochen sitze ich quasi 24 Stunden am Tag vorm Rechner“, sagt Jäger. Seine Fans schicken Mails an den Hessischen Rundfunk, bloggen und twittern ihrerseits – seine „virale Kampagne“ laufe prima, beteuert Jäger, der gern als „charmantes Rauhbein Schimanski 2.0“ in Erscheinung treten würde.

Absage im letzten Moment

Und er ist nicht der Einzige, der sich selbst für die begehrte Ermittlerrolle ins Gespräch bringt. Über die „Bild“-Zeitung bewarb sich im Oktober Cosma Shiva Hagen um den Posten: „Ich würde mich sehr freuen, wenn ich die Rolle angeboten bekäme“, wird die 28 Jahre alte Schauspielerin dort zitiert. Ein Gespräch über den „Tatort“-Plan mit dieser Zeitung „muss“ Hagens Berliner Agentur zwar ohne Begründung „leider absagen“, doch das Angebot an den Hessischen Rundfunk steht. Aber auch erfahrenere Kollegen lassen sehr deutlich ihr Interesse am Ermitteln erkennen. Schon Anfang September merkte etwa Heiner Lauterbach an, dass er sich das „durchaus vorstellen“ könne. „,Tatort‘-Kommissar ist eine gute Sache“, sagte er der Nachrichtenagentur AP. Und Theatermann Michael Quast liebäugelte kürzlich – wenn auch eher scherzhaft – in einem Gespräch mit dieser Zeitung mit einer „Tatort“-Kommissar-Bewerbung: „Vielleicht mit Walter Renneisen zusammen ein Team bilden – witzige, gescheite Kommissare aus Hessen für Hessen, das wäre doch was.“

Langsam scheint der öffentliche Aufruf des Hessischen Rundfunks – frei nach Beuys: „Jeder Mensch ist ein ,Tatort‘-Kommissar“ – mehr für Verwirrung denn für originelle und gleichzeitig brauchbare Vorschläge zu sorgen. Mit der Bewerberliste wächst das Bauchgrimmen. Die Fernsehspielchefin des Hessischen Rundfunks, Liane Jessen, möchte die Sache endlich zum Abschluss bringen. Doch während sie Ulrich Tukur als „Tatort“-Ermittler in Wiesbaden gewinnen konnte, sprang Christoph Waltz im August im letzten Moment ab, nachdem er schon als Frankfurter Ermittler ins Gespräch gebracht worden war.

Bewerbungen zur Kenntnis genommen

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist, jemanden zu finden“, sagt Jessen. Eigentlich habe sie den Plan gehabt, ein neues Ermittlerduo mit „einem sehr viel älteren und einem sehr viel jüngeren Mann“ zu besetzen; so eine Paarung gebe es zurzeit nicht unter den „Tatort“-Ermittlern. „Aber dann will der mit dem nicht, dieser mit jenem nicht.“ Sie überlege nun doch wieder, eine Frau dazuzunehmen. Man konzentriere sich derzeit auf Gespräche mit „mehreren Personen“, es gehe um die Konzeption der Rollen, auch um Gage. Sie sei täglich mit dem Thema beschäftigt – mehr möchte die Fernsehspielchefin dazu nicht sagen. Dass die zähe Suche sie bedrücke, gibt sie zu: „Ich hoffe, dass wir bis Ende November jemanden gefunden haben.“ Selbst wenn nicht – vorerst ist die kriminalpolizeiliche Arbeit in Frankfurt gesichert. In den drei neuen HR-„Tatorten“, die 2010 ausgestrahlt werden sollen, ermitteln noch Schüttauf und Sawatzki, in einem Fall Tukur.

Die Bewerbungen von Michael Jäger, Cosma Shiva Hagen und all den anderen hat Liane Jessen zur Kenntnis genommen. Doch Jäger etwa hat noch nichts vom Hessischen Rundfunk gehört. In die Endrundengespräche wird er nicht einbezogen.

„Sehr kaputte Seiten“

Etwas ratlos angesichts des Hin und Her sind auch die Tatort-Fans. Franois Werner, der die Fan-Seite www.tatort-fundus.de betreibt, ist sogar verärgert. Der Aufruf Jessens zu Bewerbungen sei ein „Kommunikations-Super-GAU“ und ein Armutszeugnis, denn für den „Tatort“ werde man ausgewählt. Das verunglückte Waltz-Engagement sei „peinlich“, die Bewerbung Hagens „amüsant“, Jägers Kampagne „nervt kolossal“. Auch er selbst sei gefragt worden, ob er dessen Bewerbung nicht unterstützen könne; dabei empfinde er den Film auf der Internetseite, überhaupt die ganze Bewerbung, als schreckliche Anbiederung. „Die Frankfurter ,Tatorte‘ sind etwas Besonderes, sowohl vom Thema als auch filmisch“, sagt der Krimikenner, der die Folgen vom Main sehr schätzt. Jägers brachiales Auftreten passe überhaupt nicht dazu.

Dabei hat Werner nichts gegen unverbrauchte Kandidaten. Er könnte sich gut ein Frauen-Duo vorstellen oder auch ein älteres, kaum bekanntes Gesicht. Aber auch Jürgen Vogel wäre eine gute Besetzung. Der habe ebenso wie Frankfurt „sehr kaputte Seiten“, könne sich aber auch gut anpassen. Zwar habe der wohl schon einmal ein „Tatort“-Angebot abgelehnt, aber das müsse ja nicht für immer gewesen sein.

„Titelsong von Klaus Lage“

Bewerbern und Fans bleibt nur übrig, abzuwarten. Letztere verkürzen sich die Zeit bis zur Verkündung mit wilden Spekulationen. Wenn schon jeder Ermittler werden kann, scheint alles möglich: Einer äußert im Internet die „Hoffnung, dass Klaus Lage oder Chris Norman mal wieder einen Titelsong schreiben“. Dem fügt er noch hinzu: „Allerdings würde ich das Ganze von Frankfurt nach Offenbach verlegen, is’ einfach realer!“

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