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Herr Amor räumt auf: Der Heddernheimer Ortsdiener soll einen ganzen Stadtteil sauber halten

 ·  Da, schon wieder eine Nestea-Dose unter dem Autoreifen auf dem Parkstreifen. Eine zerknüllte Capri-Sonne steckt im Gebüsch vor der Grundschule. Gegenüber steht ein altes Transistorradio auf dem Gehweg.

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Da, schon wieder eine Nestea-Dose unter dem Autoreifen auf dem Parkstreifen. Eine zerknüllte Capri-Sonne steckt im Gebüsch vor der Grundschule. Gegenüber steht ein altes Transistorradio auf dem Gehweg. Und immer wieder herrenlose Einkaufswagen. An der U-Bahn-Station liegt ein Plastikbecher auf dem Boden, keine fünf Meter vom Abfalleimer entfernt. "Einfach achtlos weggeworfen!" Ben Amor kann es nicht mit ansehen, überlegt kurz, bückt sich und entsorgt den Kaffeebecher. Seit drei Wochen versieht der 52 Jahre alte Tunesier täglich sieben Stunden lang seinen Dienst: als erster Ortsdiener von Heddernheim.

"Die Straßen im Frankfurter Norden können ganz schön lang sein", sagt er seufzend. Zumal, wenn man mit einem Schubkarren bewaffnet zu Fuß durch den Stadtteil zieht. Acht Kilometer sammeln sich am Tag ohne weiteres unter seinen Schuhsohlen. Was er schon zusammengetragen hat? Tempos, Zigarettenkippen, Zeitungen, Flaschen, Pizzakartons, aber auch alte Fahrräder, Lautsprecher, sogar einen Fernseher. "Die Leute sind zu stolz, ihren Müll selbst wegzuräumen", meint der Ortsdiener in der knallorangefarbenen Uniform. Findet er es erniedrigend, den Dreck anderer Leute zu beseitigen? Herr Amor nimmt seine Rolle gelassen: "Es ist eine feste Arbeit, nur das ist wichtig."

Fünf Monate lang war er zuvor ohne Job gewesen. Keine schöne Zeit, meint der gelernte Schlosser. Vor 33 Jahren ist er nach Deutschland gekommen, zunächst nach Lübeck. In einem Betrieb für Tauchausrüstungen hat er angefangen, ging dann nach Frankfurt, wo sein Bruder damals lebte. Hier fand er in einer Schlosserei Anstellung, dann bei einem Rohrverleger, zuletzt war er Fassadenbauer in Niederrad. Danach gab es nur noch sporadisch Zeitarbeitjobs. "Oft hatte ich nichts zu tun", sagt Herr Amor kopfschüttelnd, "das Warten war frustrierend." Und: "Ich arbeite gerne!" Höchstens ein Jahr lang wird er nun in Heddernheim für Ordnung sorgen, Plätze verschönern und kleinere Schäden reparieren. Bis dahin will er eine neue Anstellung in seinem alten Beruf finden. Im Winter wird er ein Praktikum machen, vielleicht im Straßenbahndepot oder bei der Müllverbrennung. Um seine Qualifikation zu steigern. Sein Traumjob? "Hauptsache eine feste Arbeit!" Genug zu tun gibt es in Heddernheim allemal. Da wäre zum Beispiel das Einkaufswagenproblem. 50 herrenlose Drahtroller hat der Ortsdiener bisher eingesammelt, an allen möglichen und unmöglichen Orten stößt er auf sie. Die Urheber dieser mysteriösen Anhäufung hat Ben Amor schon ausgemacht: Zeitungsboten fahren ihre Wurfsendungen mit den Einkaufswagen aus. Ist die Route beendet, entsorgen sie die Gefährte einfach im nächsten Busch. "Man muß sich bei den Firmen beschweren", findet der Ortsdiener. Der Tunesier ergreift gerne die Initiative. Entdeckt er eine illegale Sperrmüllkippe, greift er sofort zum Mobiltelefon und gibt der FES Bescheid. Und auch zu Tomas Rauberger hat er einen guten Draht. Der Vorsitzende des Vereinsrings koordiniert das Ortsdiener-Projekt: "Noch vor wenigen Wochen sah es hier deutlich schlechter aus." Vom Einsatz des "Stadtteil-Hausmeisters" verspricht er sich einen Bewußtseinswandel: "Wenn die Person, die für Ordnung sorgt, für sie ein Gesicht hat, sind die Leute hoffentlich rücksichtsvoller." Auch Herr Amor wird inzwischen wiedererkannt. Grüße und aufmunternde Worte hört er allenthalben: "Gut so" oder "Weiter so" heißt es häufig an den Straßenecken.

"Silberallee" wird die Nassauer Straße genannt. Nicht, weil dort die Schickeria Heddernheims ihr Domizil hat. Alufolien pflastern die Gehwege vor den Dönerbuden und Pizzerien. Sind die Deutschen also besonders sorglos im Wegwerfen? In Tunesien, meint Herr Amor, sei der Müll kein so großes Problem. "In meiner Heimat haben wir einfach weniger Verpackungen. Da stecken die Zigaretten ohne Silberpapier und Folie in der Pappschachtel." Über die kleinen Getränkepäckchen kann er sich besonders aufregen: "Warum kaufen die Leute diesen Quatsch, wenn sie den Durst doch nicht stillen?" Und dann ist er schnell beim Dosenpfand angelangt, das nach seiner Ansicht derzeit noch nicht funktioniert.

Es ist 14 Uhr, und Herr Amor hat seinen Rundgang beendet. Vor der Turnhalle in Heddernheim sitzt er auf einem umgedrehten blauen Papierkorb. Im Umkleideraum der Halle kann er pausieren und sich duschen, bevor er in seine Wohnung nach Höchst zurückfährt. Erschöpft schlüpft er aus seiner orangefarbenen Uniform. Noch prangen dunkelblau und weit sichtbar die Buchstaben FES auf der Jacke. Doch nicht mehr lange. Auf "Schöneres Heddernheim. Herr Ben Amor" haben sich die Förderer des Projektes statt dessen geeinigt. Herrn Amors Vorschlag "Formel Eins" fand keine Mehrheit. RAINER SCHULZE

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Von Matthias Alexander

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