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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Heroin-Ambulanz Verständnis für Süchtige, Angst vor Dealern

28.10.2004 ·  Mit eingezogenem Kopf und Schirm eilen Menschen über die Hanauer Landstraße. Aber für ein Gespräch über die Heroinvergabe an der Ecke zur Grünen Straße bleibt die Mutter mit Kinderwagen gerne stehen. "Die Ambulanz an sich stört mich nicht."

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Mit eingezogenem Kopf, hochgekrempeltem Kragen und Schirm eilen Menschen über die Hanauer Landstraße. Es regnet, und da sieht jeder zu, möglichst schnell von A nach B zu kommen. Aber für ein Gespräch über die Heroinvergabe an der Ecke zur Grünen Straße bleibt die Mutter mit Kinderwagen gerne ein paar Minuten stehen. "Die Ambulanz an sich stört mich nicht", sagt Pia Jammer. Sie sei auch noch nie von Süchtigen belästigt worden. Die Projektteilnehmer betreten und verlassen die Einrichtung nach ihren Erfahrungen unauffällig. Aber an der S-Bahn-Station Ostendstraße, die sich unmittelbar an der Ambulanz befindet, und auf dem schräg gegenüber liegenden Spielplatz hielten sich oft Abhängige auf. Dort werde auch mit Drogen gehandelt. "Das ist ganz schlimm." Dennoch lasse sich die Polizei kaum blicken. Besonders ärgert die Mutter des dreijährigen Nils, daß die Stadt Geld für einen solchen Modellversuch ausgebe, aber den Spielplatz verrotten lasse.

Tanja Gerlach, die mit ihrer fünfeinhalbmonatigen Tochter Vivian unterwegs ist, hat dagegen grundsätzlich Verständnis für das Projekt. Aber eine Wohngegend als Standort sei eben ungünstig. Vor Eröffnung der Ambulanz im März 2003 habe sie in der Gegend nie einen Heroinsüchtigen gesehen. "Jetzt saßen sogar schon welche bei uns im Hausgang." Die Anwohner seien gegen die Einrichtung im Ostend gewesen, "aber keiner hat auf uns gehört", sagt Serpil Sanal, an der Hand die dreijährige Gülten. Ihre sechs und neun Jahre alten Töchter, die die nahe gelegene Uhlandschule besuchen, müßten vor und nach dem Unterricht immer an der Ambulanz vorbei. "Ich habe Angst", gesteht Sanal, wenngleich sie einräumt, daß noch nichts passiert sei. Und sie sei besorgt, weil die Fixer den Kindern ein "schlechtes Beispiel" gäben.

Eine Dreiundsiebzigjährige indes kann sich über die Heroinambulanz kein bißchen ereifern. Wenn sie morgens die Zeitung hole, sehe sie die Süchtigen in die Ambulanz gehen, mehr aber auch nicht. "Schauen Sie doch", sagt sie und zeigt auf das Haus: "Alles ordentlich und sauber." In ihrem Garten habe sie einmal eine Spritze gefunden. Aber die könne schließlich nicht von den Süchtigen gewesen sein, die die Ambulanz aufsuchten.

Rund 80 Rauschgiftsüchtige erhalten in der Ambulanz ihre Dosis Heroin vom Arzt - die meisten zweimal täglich. Dadurch ist so gut wie ausgeschlossen, daß sich Abhängige diesen Stoff zusätzlich auf illegalem Weg besorgen. Allerdings berichten Süchtige, daß ihnen Heroin allein nicht den ersehnten "Kick" verschaffe. Die Befürchtung der Bürgerinitiative Ostend - die mit allen Mitteln, auch rechtlichen, den Modellversuch in ihrer Wohngegend zu verhindern versucht hatte -, durch den zusätzlichen Konsum von Crack und Kokain werde es zur Bildung einer Drogenszene in Ambulanznähe kommen, entbehrt daher nicht einer gewissen Logik. Und tatsächlich glauben Nachbarn, einen verstärkten Handel mit diesen beiden Drogen zu beobachten.

Halit Beciri, Filialleiter des Friseursalons "Tiffany II", drückt es so aus: "Die Leute versuchen sich hier als Einzelhandelskaufmann zu etablieren, um Koks und Crack zu verkaufen." An sich habe er mit den Süchtigen jedoch "keinerlei Probleme". Er profitiere sogar von der Ambulanz, weil deren Mitarbeiter sich bei ihm die Haare schneiden ließen. Beciri, die er gerade frisiert, widerspricht: "Hier gibt's zu viele Junkies. Das ist unangenehm und nicht gut für die Kinder." Erwachsene ohne Nachwuchs scheint die Anwesenheit von Süchtigen hingegen wenig zu berühren. "Gut, hier hängen jetzt ein paar Junkies mehr rum. Aber das ist mir egal", meint eine Sechsunddreißigjährige, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Eine andere Nachbarin der Ambulanz gibt sich ebenfalls gleichgültig: "Die gehen durch ihr Türchen und sind wieder weg." Yücel Öztürk dagegen regt sich darüber auf, daß "aus Angst vor Süchtigen" weniger Kunden an seinem Obst- und Gemüsestand gegenüber eben dieser Tür kaufen. Ihm gefällt auch nicht, "daß hier in der Nähe mit vielen Drogen gehandelt wird".

Von einem "leider bekannten Phänomen" spricht Manfred Füllhardt, Pressesprecher der Polizei. Zunächst hätten Dealer geglaubt, vor der Heroinambulanz ihre Geschäfte machen zu können. Das habe nicht geklappt. Beschwerden von Anwohnern führt Füllhardt darauf zurück, daß die Stadt erhebliche Anstrengungen unternehme, um Rauschgiftsüchtige aus der Innenstadt zu verdrängen. Das freilich führe zu Verlagerungen in andere Stadtteile, denn Süchtige liefen ihren Dealern hinterher. Wenn Polizei auftauche, verschwänden sie zwar, "aber nach einigen Tagen sind sie wieder da. Die Leute lösen sich eben nicht in Luft auf." BRIGITTE ROTH

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