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Helmut Sinn : Ein Mann, der kein Held sein will

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Zeit-Zeuge: Helmut Sinn, Fluglehrer und Uhren-Unternehmer aus Frankfurt, feiert runden Geburtstag. Bild: Frank Röth

Der Unternehmer Helmut Sinn feiert heute seinen 100. Geburtstag. Bekannt wurde er durch seine Uhren. Doch die sind nur seine zweitgrößte Leidenschaft.

          Helmut Sinn trägt eine Chronosport am Handgelenk, einen sportlichen Chronographen mit zwei Zeitzonen. Eine Uhr einer jener Marken, die untrennbar mit seinem Namen verbunden sind. Die Hälfte seines Lebens widmete Sinn den Zeitmessern, entwickelte neue Modelle und verkaufte sie. Für die vielen Liebhaber seiner Uhren ist er bis heute eine Ikone, auch wenn er sich längst aus dem Geschäft zurückgezogen hat. Denn er wird heute 100 Jahre alt.

          In seinen Schränken im Arbeitszimmer liegen noch einige wenige Uhren, vor allem solche, die einmal das Cockpit eines Flugzeugs schmückten. Etwa der Original-Zeitmesser einer JU 52, Tante Ju genannt, mit der er selbst rund 2000 Mal flog, wie Sinn stolz erzählt. Denn Uhren waren immer nur sein zweitliebstes Kind, nach dem Fliegen. Heute sind sie Sammlerstücke. 1956 hatte der gebürtige Lothringer seine erste Uhrenfirma gegründet, die „Sinn Spezialuhren“, die er 1994 verkaufte. Das Unternehmen Jubilar-Uhren, das er als 80 Jahre alter Jungunternehmer ins Leben rief und mit der Schweizer Marke Guinand fusionierte, hat er ebenfalls abgegeben. Mittlerweile führt der Frankfurter Matthias Klüh die Marke; er hat gerade den Chronographen HS 100 herausgebracht - dem Jubilar zu Ehren.

          „Ich will mein eigener Meister sein.“

          Ob die Chronosport an Sinns Arm die exakte Uhrzeit anzeigt oder nicht, ist Helmut Sinn heute nicht mehr so wichtig. Mit 99 Jahren dehnen sich die Stunden stärker als früher. Er bemüht sich daher um Struktur, steht um 6 Uhr morgens auf, gönnt sich zwei Stunden lang Körperpflege. Dreimal am Tag steigt er die zwei Treppen seiner Rödelheimer Wohnung nach unten und geht für eine halbe Stunde in den nahe gelegenen Park.

          Er bewegt sich langsamer als früher, denn ein Oberschenkelhalsbruch hat ihn vor zwei Jahren ziemlich aus der Bahn geworfen. Doch Helmut Sinn kämpfte sich wieder auf die Beine, mit eiserner Disziplin, mit Härte gegen sich selbst, so, wie er seinen Körper morgens mit der Wurzelbürste massiert. „Ich will mein eigener Meister sein“, sagt er. Ein Glas Rotwein am Abend gönnt er sich zwar regelmäßig. „Aber nie mehr, das wird genau abgemessen, damit die Flasche für eine Woche reicht.“

          Möglichst gut und zugleich günstig sollten seine Uhren sein

          Disziplin und Durchhaltevermögen hat er bereits in jungen Jahren entwickelt. Damals, als er nichts anderes wollte als fliegen. Seinen Pilotenschein erwarb er 1939 beim Militär, dann begann der Krieg, und es war vorbei mit der großen Freiheit in der Luft. Sinn musste Aufklärungsflüge machen. Über russischem Gebiet stürzte er ab, verletzte sich schwer am Rücken und verlor die beide kleinen Finger. Er kam aber wieder auf die Beine und arbeitete als Fluglehrer, vor allem auf der JU 52 und der JU 88. Nach dem Krieg durfte Sinn aufgrund des von den Alliierten verhängten Verbots zunächst nicht fliegen.

          Also verlegte er sich aufs Rallyefahren und gewann 1953 mit einem VW-Käfer die „Rallye Méditerranée“ von Algier nach Kapstadt. Aus der Not heraus wandte er sich dem Uhrenhandwerk zu. Zunächst verkaufte Sinn Kuckucksuhren an die Amerikaner. Dann baute er funktionale Uhren für Piloten und Fluglehrer, brachte sie direkt an die Kunden. Möglichst gut und zugleich günstig, so lautete seine Devise. „Ich hatte keinen Beruf. Ich habe etwas gesucht, was nicht viel Platz und wenig Material brauchte.“

          Im Flugzeug sitzt Sinn heute nur noch als Passagier

          Vom Balkon seiner Wohnung in Rödelheim aus schaut er auf den ehemaligen Pferdestall, in dem er seine Werkstatt einrichtete und wohnte. Dort legte er den Grundstein für den Erfolg, der mit dem Namen Sinn verbunden ist. Und dennoch: „Eigentlich wollte ich immer zurück zur Fliegerei, aber das hat nicht geklappt“, sagt er heute mit ein wenig Bedauern.

          Die Liebe zu den Flugzeugen spürt er in sich, seit er sie als kleiner Junge über sein Elternhaus in Metz fliegen sah. „Damals dachte ich noch, der liebe Gott ist über den Wolken, da wollte ich auch sein.“ Über seinem Schreibtisch hängt ein hölzerner Propeller von einer Schulungsmaschine, die er einst geflogen ist. Das Modell eines Segelfliegers, mit dem er unzählige Male startete, steht auf dem Schrank. Es soll ins Museum auf die Wasserkuppe. Regelmäßig fährt Sinn dorthin, sogar noch im eigenen Auto, schaut den Modellbauern zu und hebt auch selbst noch mal ab, wenn ihn ein Kollege mitnimmt. Seinen eigenen Flugschein ließ er nach mehr als 15 000 Starts in den neunziger Jahren nicht mehr verlängern. „Ich habe viele Kapriolen gemacht, bin aber nie ein zu großes Risiko eingegangen.“

          Kein Nachfolger aus dem Kreis der Familie

          Seine Pläne, sein bewegtes Leben in einem Buch zu verewigen, hat Helmut Sinn mittlerweile aufgegeben. Seine Ko-Autoren hätten ihn zum Helden machen wollen, das sei ihm nicht recht gewesen. Ein bisschen wird er sich aber feiern lassen müssen. 100 Gäste habe er eingeladen zum 100. Geburtstag. Natürlich kommen auch die Tochter aus Vancouver und der Sohn, der in der Schweiz lebt. Eine aber fehlt. Seine älteste Tochter ist 2015 mit 78 Jahren verstorben. Ein Bild von ihr steht in seinem Arbeitszimmer. Er bedaure sehr, dass sich niemand aus seiner Familie für die Fliegerei und für seine Uhrenfirma interessiert habe, sagt Sinn und meint nachdenklich: „Vielleicht war ich zu grob, ich bin nun mal sehr direkt.“

          Doch ebenso schnell schaut er wieder nach vorne, und das so angstfrei, wie es sich für einen tollkühnen Flieger gehört: „Ich bin zwar katholisch erzogen, ich glaube aber an nichts. Wenn wir tot sind, sind wir tot.“ Seinen Freunden habe er immer gesagt, wenn er in den Himmel komme, schreibe er eine Postkarte. Geht es nach Helmut Sinn, wird das noch dauern. Zwei seiner Tanten seien 101 und 102 Jahre alt geworden. „Das muss ich doch toppen“, sagt er lächelnd.

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