Home
http://www.faz.net/-gzh-utxv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Grüngürtel-Spaziergang Auf die Gedichte folgen Gerichte

07.05.2007 ·  Heiße Schokolade, wie Goethe sie gerne trank, und Quittenbast à la Marianne von Willemer verkosteten die Teilnehmer des ersten Grüngürtelspaziergangs der Saison.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Weniger literarische Deutungshilfe als ein anregendes und vor allem kulinarisches Unterhaltungsprogramm: Auf den Spuren Goethes und seiner späten Liebe Marianne von Willemer sind am Sonntag 120 Wanderer beim ersten „Grüngürtelspaziergang“ der Saison durch den Frankfurter Süden gewandelt. Auf dem linksmainischen Teil des Goethewegs ging es an den historischen Stätten um die Beziehung des alternden Dichters zu der jungen Frau seines Freundes Jakob von Willemer, inklusive zeitgenössischer Gerichte, deren Genuss dem Paar zugeschrieben wird.

An der Gerbermühle, dem damaligen Wohnsitz der Bankiersfamilie Willemer, versammelten sich die Wanderer. Während Schauspielschüler der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst aus Briefen rezitierten, die sich die Liebenden schrieben, konnten sie heiße Schokolade verkosten, wie sie Goethe gerne trank. „Er war im Alter leiblichen Genüssen zunehmend aufgeschlossen. Sie spielten auch in dieser Beziehung eine wichtige Rolle“, sagte Klaus Hoppe vom Umweltamt, Mitorganisator der Veranstaltung.

Von der Gerbermühle gen Süden

Auf dem Spaziergang wurde dies deutlich, wann immer die Schauspielschüler unter Leitung Hildburg Schmidts aus der Korrespondenz Goethes und Mariannes lasen. Mehrfach orderte der Dichter, der allerdings vor der eigenen Courage in Liebesdingen im September 1815 nach Thüringen floh, Artischocken, Senf oder Wein in Frankfurt. Beide verband weiterhin ein intensiver Briefwechsel. Der Bankier Willemer habe den Kontakt seiner Frau zu Goethe des sozialen Prestiges wegen geduldet, wenn nicht sogar gefördert, so Hoppe.

Wie Onno Faller, zusammen mit Dorothee Becker Betreiberin der kulinarisch verantwortlichen Kochwerkstatt, berichtete, verdankte sich aber der rege Warenverkehr nach Weimar eher den – offenbar fruchtlosen – Versuchen Goethes, in seinem Garten „repräsentative Speisen“ wie etwa Artischocken zu züchten. Auch scheint es ihm die Mühe nicht immer wert gewesen zu sein. So schrieb er an die Willemers: „Ich bin lieber Gast in der wasserreichen Mühle als Wirt im trockenen Thüringen.“

Von der Gerbermühle führte der Weg zunächst gen Süden auf die Kräuterfelder in Oberrad. Inmitten der Zutaten der Grünen Soße wurden Kartoffeltorte und Quittenbast gereicht, Letzteres eine klebrige Süßigkeit, die „den Geschmack des Herbstes konserviert“, so Faller. Mit der geleeartigen Masse ließ Goethe sich von Marianne ebenfalls versorgen. Die Kartoffel wiederum hatte im „Hungerwinter“ 1770/71 Eingang in die Speisepläne gefunden, wurde aber zunächst in traditionelle Gerichte integriert, um die Menschen an die neumodische Knolle zu gewöhnen. In Tortenform aß auch Goethe sie gelegentlich.

Verse aus dem „West-östlichen Diwan“ als Beilage

Auf dessen sonstige Ernährungsgewohnheiten stellte die Schauspieltruppe ab, als sie beim nächsten Zwischenhalt an der Verladerampe hinter dem Oberräder Rewe-Markt eine Volksweise aus der Feder Bachs vortrug: „Kraut und Rüben haben mich vertrieben. Hätt mein Mutter Fleisch gekocht, so wär ich länger blieben.“ Dem entsprach die Kochwerkstatt, die in einer Schutzhütte im Scheerwald zur Halbzeit der Wanderung „Olla podrida“ servierte, eine üppige Bouillon spanischen Ursprungs, die im deutschen Sprachraum zu Goethes Zeit dadurch bestach, dass ein Koch als Zeichen des Reichtums seines Herrn möglichst viele Zutaten hineinwarf.

Bis auf die Wacholderdrosseln, eine mittlerweile bedrohte Vogelart, war auch bei der Kochwerkstatt alles im Topf, was eine gemeinsame Freundin Goethes und der Familie Willemer, Rätin Schlosser, häufig auftischte – Tauben, Speck und Rindfleisch, zahlreiche weitere Fleisch- und auch Gemüsesorten. Als Beilage wurden Verse aus dem „West-östlichen Diwan“ gereicht, jenem Alterswerk Goethes, in dem er Mariannes Gedichte und den intimeren Teil ihres Briefwechsels verarbeitet und ihr mit der Figur der „Suleika“ ein Denkmal gesetzt hat.

Treffpunkt Goethes und Mariannes

Zügigen Schrittes ging es anschließend den Sachsenhäuser Landwehr entlang zur Goetheruh, wo dragierte Pfefferkörner und Mandeln der Verdauung dienen sollten. Zwischen Schrebergärten führte der Weg schließlich bergab. Das Willemerhäuschen im Hühnerweg, Treffpunkt Goethes und Mariannes, war Ziel der Wanderung. Aus den Fenstern des schieferumhüllten Türmchens trugen die jungen Schauspieler aus dem „Diwan“ vor, ehe die Wanderer mit einer Kastanie auf die Hand entlassen wurden, jener Spezerei, die Marianne Goethe noch wenige Tage vor seinem Tod 1832 zum letzten Mal geschickt hatte.

Der nächste Spaziergang findet am 3. Juni statt und führt durch die Anbaugebiete der Grünen Soße. Weitere Daten sind einem Faltblatt oder der Internetseite www.gruenguertel.de zu entnehmen. Der Goethe-Spaziergang soll im Oktober wiederholt werden, Interessierte können sich in Vormerklisten eintragen, die im Goethe-Haus, Großer Hirschgraben 23-25, ausliegen.

Quelle: nisc., F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr