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Großmarkthalle Einbauten sollen Fassade durchstoßen

14.08.2006 ·  Die Debatte um die Frankfurter Großmarkthalle wird immer verwirrender. Nachdem die Anbauten verloren scheinen, rückt jetzt die Nordfassade in den Fokus.

Von Matthias Alexander
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Diese Planungen für die Frankfurter Großmarkthalle lassen Schlimmes befürchten - doch angeblich sind sie unverbindlich. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach Informationen der F.A.Z. vor wenigen Wochen einen Entwurf für ihren neuen Hauptsitz zur Vorprüfung bei der Stadt eingereicht, der Eingriffe in die Nordfassade des denkmalgeschützten Gebäudes vorsieht, die weit über das hinausgehen, was bisher diskutiert wurde. Dem Vorschlag des Architektenbüros Coop Himmelb(l)au zufolge sollen zwei große kubusförmige Baukörper in die Halle hineingestellt werden, die mit einer Ecke deren Fassade durchbrechen.

Die Wiener Architekten wollen die beiden Einbauten, in denen unter anderem Konferenzräume unterkommen sollen, im rechten Winkel zu dem geplanten Gebäudekeil anordnen, der die Halle durchstoßen soll. Der Keil soll in der Nordfassade den Haupteingang markieren und zugleich eine Brücke zum Doppelturm bilden, der im Süden des Riesenbauwerks plaziert werden soll. Für den Fall, daß dieser Entwurf realisiert würde, wäre die Nordfassade nach Ansicht von Experten mindestens zu einem Viertel zerstört. Noch gravierender wären die Folgen auf die überwältigende Raumwirkung im Innern der Halle. Die Planer der Stadt und die Vertreter des Landesdenkmalamts, die die Notwendigkeit von Einbauten durchaus anerkennen, wollen dem Vernehmen nach jedoch erreichen, daß sie parallel zu den Wänden stehen, ohne diese zu berühren. „Hinter dem Vorschlag steht keine funktionale Überlegung“, äußerte ein Beteiligter.

Diskussion um die „Gemüsekirche“

Eine Sprecherin der EZB teilte auf Anfrage mit, daß die Planungen noch nicht abgeschlossen seien. Die Architekten seien erst seit März mit den Details befaßt und probierten Varianten aus. Auch aus dem Stadtplanungsamt ist zu hören, die Gespräche hätten derzeit „Werkstattcharakter“, den Architekten um Wolf Prix, dem Gründer von Coop Himmelb(l)au, sei die Bedeutung der Großmarkthalle bewußt. Im Herbst, vielleicht schon Anfang September könnten die Ergebnisse der Verhandlungen präsentiert werden.

Bis es soweit ist, haben sich die EZB und die Frankfurter Koalition aus CDU und Grünen Stillschweigen auferlegt, um die Debatte nicht durch weitere Spekulationen anzuheizen. „Von den Grünen wird es erst wieder eine Stellungnahme geben, sobald eine abgeschlossene Planung vorliegt, zu der sich die EZB bekennt“, sagt Stefan Majer, planungspolitischer Sprecher der Grünen.

Tatsächlich ist die Debatte um die „Gemüsekirche“, wie die Halle im Ostend auch genannt wird, in den vergangenen Monaten wie Kraut und Rüben verlaufen. Daran waren die Notenbank, der Denkmalschutz und die Kommunalpolitik fast zu gleichen Teilen schuld. Die Europäische Zentralbank versäumte es, sich mit klaren Worten zur Bedeutung der Großmarkthalle zu bekennen. Immerhin hat die Stadt der Notenbank einen erheblichen Preisnachlaß beim Kauf des Grundstücks eingeräumt, mit dem die Sanierung der Halle subventioniert werden soll. Zudem war der Denkmalschutz bei der Ausschreibung des Architektenwettbewerbs bekannt.

Sorge um den Denkmalschutz

Doch die EZB ließ Äußerungen ihres Architekten Wolf Prix unwidersprochen, als dieser im Frühsommer die Halle als unwirtlichen Ort bezeichnete. Das schien auf eine „Salamitaktik“ hinzudeuten. Modellfotos wurden veröffentlicht, auf denen von der Betonrasterfassade, die im unteren Teil verklinkert, im oberen verglast ist, nicht viel übriggeblieben war. Und die beiden L-förmigen Annexbauten im Süden der Halle waren im überarbeiteten Entwurf von Coop Himmelb(l)au plötzlich verschwunden - angeblich aus Sicherheitsgründen und mit Blick auf die Verkehrsführung auf dem Areal. Später wurde ergänzt, die beiden Anbauten seien statisch nicht geeignet für eine Nutzung als Büros.

Als Christoph Mohr vom Landesdenkmalamt vor einigen Wochen die Abrißpläne für die Annexbauten öffentlich machte, sorgte das für einen Proteststurm in Fachkreisen. Jetzt erst wurde den Vertretern von CDU, SPD, Grünen und FDP die Tragweite ihrer Zusagen bewußt. Ende vorigen Jahres hatte das damalige Viererbündnis die Planungen der EZB, deren aktueller Stand in einer vertraulichen Sitzung vorgestellt wurde, noch unbeanstandet passieren lassen. Angeblich hat nur Heike Hambrock von den Grünen, als Kunsthistorikerin eine Kennerin der Materie, kurz eingehakt, als es um die Annexbauten ging, jedoch auf weitere Nachfragen verzichtet.

Die Sprecher von CDU und Grünen äußerten sich nach der Intervention von Mohr plötzlich besorgt um den Denkmalschutz, die mittlerweile in die Opposition verbannte SPD zeigte sich gar entsetzt über den Umgang mit der Halle. Und auch Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) setzte sich nunmehr in einer Presseerklärung für den Erhalt der Annexbauten ein. Kein Wunder, daß die Europäische Zentralbank äußerst verärgert über das mangelnde Stehvermögen der Kommunalpolitiker war. Bei einem Gespräch mit Schwarz soll das zuständige EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi sehr deutlich geworden sein.

Keine Helden in der Geschichte um die Halle

Der Druck, dem sich Schwarz ausgesetzt sah, war jedenfalls enorm. Es ist davon auszugehen, daß die EZB auch über die Landesregierung Einfluß auf den Magistrat ausgeübt hat. Jedenfalls knickte Schwarz, der in der Sache von Anfang an mehr Führungsstärke hätte zeigen müssen, Ende Juli ein und bat das Landesamt für Denkmalpflege in einem Brief darum, die Annexbauten aus dem Denkmalschutz herauszunehmen. Um die Verantwortung nicht allein tragen zu müssen, stellte er diesen Antrag allerdings unter Parlamentsvorbehalt - nun müssen zunächst die Stadtverordneten noch zustimmen. Für diesen Umweg gibt es nur eine politische, jedoch keine juristische Begründung. Der Antrag auf Aufhebung des Denkmalschutzes ist Sache der laufenden Verwaltung. Schwarz hat sich also in gewisser Weise für die wankelmütige Haltung der Fraktionen von CDU und Grünen revanchiert, die nun im Herbst vor einer unangenehmen Abstimmung stehen. Sie werden Schwarz wohl folgen. Und der zuständige Landesminister Udo Corts (CDU) wird es nach allgemeiner Erwartung ebenfalls tun.

Helden gibt es in dieser Geschichte um die Großmarkthalle nicht, auch unter den Denkmalschützern nicht. Christoph Mohr vom Landesamt für Denkmalschutz hatte sich noch nach der Entscheidung für den Entwurf von Coop Himmelb(l)au vehement dagegen ausgesprochen, einen Querriegel durch die Halle hindurchzutreiben. Nach wenigen Monaten hatte er seine Meinung in diesem Punkt aber geändert. Dadurch war seine Position im Kampf um die Annexbauten nicht eben gestärkt worden. Fachleute vermissen zudem eine klare öffentliche Äußerung von Gerd Weiß, dem Präsidenten des Landesamts. „Sonst ist der doch bei jeder Dorfkirche präsent“, höhnt ein hoher Beamter der Stadt.

Auch die Experten aus der Architektenschaft haben der Sache des Denkmalschutzes nicht unbedingt einen Gefallen getan. Fast jeder sprach sich zwar grundsätzlich für die Erhaltung der Halle aus, nannte einschränkend aber einen Bauteil, der vielleicht doch verzichtbar sei. So läßt sich eine schlagkräftige Lobby für die Großmarkthalle nicht organisieren. Das läßt Schlimmes befürchten.

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Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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