14.10.2007 · Um Operationen der Halsschlagader geht es bei einem weiteren Qualitätsvergleich für das Jahr 2006, bei dem die Krankenhäuser Einblicke in ihre Arbeit gewähren müssen. Es gilt, Nutzen und Operationsrisiko gegeneinander abzuwägen.
Von Brigitte RothDie Halsschlagadern sind die wichtigsten Blutgefäße, um das Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen. Sie verlaufen jeweils auf der rechten und linken Halsseite und führen aufwärts zum Kopf. Sind sie verkalkt und verengt, kann das schlimmstenfalls zum Verschluss dieser Gefäße kommen. Die Blutversorgung des Gehirns ist somit gestört, was zu einem Schlaganfall führen kann. Diese Gefahr droht auch, wenn sich Ablagerungen lösen und ins Gehirn gelangen.
Nach Angaben der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung erleiden in Deutschland jährlich etwa 200.000 Menschen einen Gehirninfarkt; 30.000 dieser Schlaganfälle würden durch eine Verengung oder einen Verschluss einer der beiden wichtigsten Halsschlagadern verursacht. Andreas Doermer, Oberarzt in der Gefäßchirurgie am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt, sagt: Eine verengte Halsschlagader werde operiert, um einen Schlaganfall zu verhindern. Diese Indikation ist nach seiner Meinung der Schlüssel zum Verständnis der bundesweit zu veröffentlichenden Daten zu den Qualitätsindikatoren „OP aufgrund eindeutiger Symptome“ und „OP nach Zufallsbefund“. Es handele sich also um einen prophylaktischen Eingriff, bekräftigt der Oberarzt. Nutzen und Operationsrisiken müssten daher sehr sorgsam gegeneinander abgewogen werden.
Risiko einer Arterienverkalkung
Als Hauptursache für eine Verengung der Schlagadern gilt die Arterienverkalkung, auch Arteriosklerose genannt. Hauptrisikofaktoren sind neben dem Alterungsprozess vor allem das Rauchen von Zigaretten, ein hoher Blutdruck, Zuckerkrankheit und Fettstoffwechselstörungen. Durch eine gesundheitsbewusste Lebensführung lässt sich das Risiko einer Arterienverkalkung somit durchaus beeinflussen. Doch wie schwer das ist, sieht Doermer immer wieder in seinem Alltag. Selbst Patienten mit stark ausgeprägter Arterienverkalkung ließen sich oft nicht davon überzeugen, den Tabakkonsum einzustellen. Ohne Symptome (Zufallsbefund) entscheiden sich Ärzte nach Auskunft Doermers zur Operation, wenn bei einer Routineuntersuchung eine Verengung festgestellt werde.
Da es sich aber um einen vorbeugenden chirurgischen Eingriff handele und dieser mit Operationsrisiken einhergehe, solle nur bei einem Verengungsgrad von mindestens 60 Prozent zum Skalpell gegriffen werden. Dieses Qualitätsziel gelte als erreicht, wenn bei mindestens 80 Prozent der operierten Patienten eine solche hochgradige Verengung vorliege. Nach Angaben der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung erreichten die Krankenhäuser in Deutschland 2006 zu diesem Kriterium eine durchschnittliche Versorgungsqualität von 91,4 Prozent. Die meisten Kliniken in der Region erzielten somit im vergangenen Jahr ein gutes beziehungsweise sogar überdurchschnittliches Ergebnis. Wie Doermer erläutert, kann es für statistische Abweichungen aber durchaus plausible Begründungen geben.
Verengungen der Halsschlagader können sich aber auch deutlich bemerkbar machen, zum Beispiel durch vorübergehende Lähmungserscheinungen – einer Hand oder eines Beins etwa. Diese Zeichen einer zeitweisen Minderdurchblutung des Gehirns seien Vorboten eines Schlaganfalls und eine „dringliche Indikation für eine operative Wiederherstellung der Durchlässigkeit dieser Halsschlagader“, erklärt der Gefäßchirurg. Den Sollwert von 90 Prozent erreichen fast alle Krankenhäuser in der Rhein-Main-Region. Doermer weist allerdings darauf hin, dass die Operationsbelastung für einen Patienten auch durchaus zu hoch sein könne, zum Beispiel für einen 80 Jahre alten Mann, der bereits einen Herzinfarkt hatte. Denn Schlaganfälle oder gar Tod (durch einen Herzinfarkt) als schwerwiegendste Folge des Eingriffs müssten als potentielles Risiko in Erwägung gezogen werden, meint Doermer.
Daten über die Qualität bei Bypass-Operationen
Gerade bei diesem Kriterium ist es nach seiner Einschätzung gefährlich, nur die „nackten Zahlen“ zu betrachten. Denn in Hessen setzten nur 27 Prozent der Kliniken einen Neurologen als „neutrale Kontrollinstanz“ nach dem chirurgischen Eingriff ein, um zu beurteilen, ob ein Patient neurologische Ausfälle zeige, also einen Schlaganfall erlitten habe. „Wir machen das in 97 Prozent der Fälle“, merkt Doermer an. Und bei der Rate dokumentierter Schlaganfälle als Folge der etwa einstündigen Operation sei es selbstverständlich ein Unterschied, ob nach dem Eingriff immer ein Neurologe eingeschaltet werde oder nur seltener.
Wie häufig Schlaganfälle oder gar Todesfälle vorkommen, hänge nicht alleine von der Versorgungsqualität eines Krankenhauses ab. Auch Lebensalter, schwere Begleiterkrankungen oder Störungen der Hirnfunktion vor dem Eingriff beeinflussten die Komplikationsrate, so die Geschäftsstelle Qualitätssicherung. Wie Doermer erläutert, sind selbst optimale Bedingungen, eine noch so gute Indikationsstellung und erstklassige chirurgische Leistung keine hundertprozentige Erfolgsgarantie. So könnten sich bei der Operation kleine Ablagerungen aus der Engstelle lösen und mit dem Blutstrom ins Gehirn geraten, wo es zum Infarkt komme. Verengungen der Halsschlagader sind nach Worten des Oberarztes generell ein Zeichen für Verengungen im gesamten Gefäßsystem – somit auch der Herzkranzgefäße. Das erkläre auch, dass Herzinfarkte neben einem Schlaganfall die Haupttodesursache im Zusammenhang mit diesem Eingriff darstellten, sagt Doermer.
Daten über ihre Qualität bei Bypass-Operationen müssen alle Krankenhäuser in Deutschland für 2006 erstmals ebenfalls der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. In der Rhein-Main-Region allerdings nehmen nur wenige Krankenhäuser solche Eingriffe an den Herzkranzgefäßen überhaupt vor. Von diesen wiederum waren nur wenige bereit, die bis spätestens Ende des Monats zu publizierenden Daten dieser Zeitung schon jetzt zukommen zu lassen. Deshalb schließt diese Serie mit dem Leistungsvergleich von Operationen der Halsschlagader ab. In einem Abschlussartikel diese Woche sollen die neuen Qualitätsinformationen noch von verschiedenen Seiten beleuchtet werden.