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Großer Diktatwettbewerb : Kärrnerarbeit in der orthographischen Beletage

Ganz schön fies: Kulturstaatsministerin Monika Grütters zerbricht sich beim Schreiben den Kopf .... Bild: Wonge Bergmann

Im Umgang mit der deutschen Sprache kann man schon einmal ins Schwitzen kommen. So wie die 250 Schüler, Lehrer und Eltern im Finale des „Großen Diktatwettbewerbs“.

          Die Staatsministerin für Kultur und Medien hat Unterstützung aus der Heimat mitgebracht. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula des Goethe-Gymnasiums sitzt auch eine Delegation der Marienschule aus Münster, jenes Mädchengymnasiums, das Monika Grütters einst selbst besucht hat. „Wer hätte wohl gedacht, dass ich noch einmal ein Diktat schreibe?“, fragt die CDU-Politikerin. Sie selbst offenbar nicht, wobei sie dem „Großen Diktatwettbewerb“, den die Stiftung Polytechnische Gesellschaft vor sechs Jahren aus der Taufe gehoben hat und der seitdem weit über die Grenzen der Rhein-Main-Region hinausgewachsen ist, ziemlich viel abzugewinnen vermag. Wer mitmache, könne über die Auseinandersetzung mit der Orthographie „unsere Sprache besser kennenlernen und dabei ins Schwitzen kommen“, sagt sie.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Rund 250 Schüler, Eltern und Lehrer stellen sich der Herausforderung eines Textes, den die Krimi-Autorin Nele Neuhaus für das Wettbewerbsfinale geschrieben hat (siehe Kasten). Kurz nachdem die ersten Sätze diktiert sind, treten die von Grütters prophezeiten Schweißperlen auf die Stirn der Teilnehmer. Ein ums andere Mal gehen Aufschreie durch die Reihen, die bei der „piekfeinen Beletage“ und „dieserart Dilettanten“ vermutlich bis auf die angrenzende Friedrich-Ebert-Anlage zu hören sind. Wie schon in früheren Runden des Wettbewerbs erweisen sich die Zweifelsfälle der Groß- und Kleinschreibung sowie der Zusammen- und Getrenntschreibung als besonders knifflig. Als Beispiel wird die Leiterin der Dudenredaktion und Juryvorsitzende Kathrin Kunkel-Razum bei der anschließenden Korrektur den Satz „Sie konnte das Löcher-in-den-Bauch-Fragen bis zum Gehtnichtmehr fortsetzen“ anführen.

          Die vorgeschaltete Steigerung schweißt zusammen

          Bei der ersten Wortzusammensetzung werden alle Bestandteile wie üblich mit Bindestrichen gekoppelt, wobei nicht nur das erste Wort großgeschrieben wird, sondern auch das letzte, weil sich die Nominalisierung auf es bezieht. Zusammengeschrieben wird hingegen das Nomen in „bis zum Gehtnichtmehr“, weil es sich um ein Wort handelt, das nur in genau dieser umgangssprachlichen Wendung vorkommt. Wie Kunkel-Razum weiter erklärt, bezeichnet das heute nicht mehr allen Schülern geläufige Adjektiv „bärbeißig“ einen grimmigen Zeitgenossen, ursprünglich wurde es jedoch für Hunde verwendet, die aufgrund ihrer Bissigkeit zur Bärenjagd taugten. Nur noch im übertragenen Sinn kommt auch das Wort „Kärrnerarbeit“ vor, dessen korrekte Schreibweise sich demjenigen erschließt, der den Bezug zum Karren herstellt, den die Fuhrmänner einst vor sich her schoben und somit harte Arbeit leisteten.

          ...während Autorin Nele Neuhaus, die den Diktattext verfasst hat, auf dem Sofa sitzt und wissend lächelt.
          ...während Autorin Nele Neuhaus, die den Diktattext verfasst hat, auf dem Sofa sitzt und wissend lächelt. : Bild: Wonge Bergmann

          Etwas für Kenner der Zusammen- und Getrenntschreibung ist die „äußerst gänsehauterregende Atmosphäre“, bei der es auf das Wörtchen „äußerst“ ankommt. Ohne es könnte man auch „Gänsehaut erregende“ schreiben, doch die vorgeschaltete Steigerung bezieht sich auf die gesamte Verbindung, die damit sozusagen zusammengeschweißt wird. Ähnlich liegt der Fall beim etwas früher vorkommenden „sehr verdachterregend“ – getrennt wird dagegen, wie Kunkel-Razum zur Verwunderung der meisten Teilnehmer erläutert, die Wendung „in Null Komma nichts“ geschrieben. Und als ob das nicht schwer genug zu verstehen wäre: In der Dativform mit einem „im“ am Anfang wird die Aneinanderreihung dann wieder zu einem einzigen Nomen zusammengezogen.

          Keiner behält eine makellose Weste

          Etwas gemein ist auch das „fahrige Gebaren“, das Krimi-Autorin Nele Neuhaus dem verdächtigen Zeugen zugeschrieben hat. Obwohl der Vokal „a“ in beiden Wörtern lang gesprochen wird, folgt auf ihn einmal ein Dehnungs-h, das andere Mal fehlt es. Logisch ist das nicht unbedingt, am besten merken kann man es sich aber mit der Verwandtschaft von „fahrig“ zu „fahren“ oder „zerfahren“ und der Nähe des „Gebarens“ zu „gebärden“ und „gebären“.

          Eine makellose Weste behält in der Aula des Goethe-Gymnasiums keiner, aber einige sind nahe dran. Den drei Siegern unterlaufen nur je zwei Fehler, und auch die beiden Erstplazierten der Schülerkategorie schlagen sich mit sieben Fehlern wacker. Zudem verteilen sich die Podiumsplätze ziemlich gleichmäßig unter den Lokalmatadoren aus Frankfurt und Hessen sowie den Teilnehmern aus Hamburg, Münster und dem Rhein-Pfalz-Kreis. Im nächsten Jahr dürfte die Konkurrenz noch etwas größer werden. Dann wird der Kreis der Diktatschreiber noch einmal erweitert, wahrscheinlich um Teams aus Bonn und Zürich.

          Das Diktat im Original

          Im Taunus ist gut morden Kommissarin Sander wandte sich vom Leichnam ab. Er musste schon tagelang mausetot daliegen. Der Anblick war der schlaksigen Spürnase zuwider. „Ich frage geradeheraus: Kennen Sie den Toten?“ Sie hakte zum x-ten Mal nach und würde nicht lockerlassen. Sie konnte das Löcher-in-den-Bauch-Fragen bis zum Gehtnichtmehr fortsetzen. „Nö“ war aber alles, was der bärbeißige Kraftmeier erwiderte. Er war derjenige, der die Leiche samstagmorgens auf der Terrasse entdeckt hatte. Die kryptischen Tätowierungen, der Fünftagebart und sein fahriges Gebaren verliehen ihm etwas Zwielichtiges.

          Alles in allem war er sehr verdachterregend. Sander war sich todsicher, dass er nicht alles preisgab. Währenddessen war Professor Kirchhoff damit zugange, alle DNA-Spuren sicherzustellen. Er war der Beste der Besten in der forensischen Anthropologie. Hauptkommissar von Bodenstein, ein weltgewandter Mittfünfziger in einem dreiviertellangen Trenchcoat, hatte sich wiederum darangesetzt, die piekfeine Beletage des Dahingeschiedenen zu inspizieren. Eine echte Kärrnerarbeit! Ein Juchhuruf ließ die zwei auf einmal herumfahren. „Wir haben etwas von Interesse!“

          Infolgedessen hasteten beide hinein, ohne zurückzublicken. Sogleich war die äußerst gänsehauterregende Atmosphäre spürbar. Auf dem Sekretär lag ein blutbefleckter DIN-A4-Umschlag, der mit Fingerabdrücken übersät war. Kirchhoff griff verdrießlich mit der behandschuhten Rechten nach dem Beweisstück. „Fast enttäuschend, dass es dieserart Dilettanten gibt“, mokierte sich Bodenstein mit einem Anflug von Melancholie. „Damit ist der Täter in null Komma nichts dingfest gemacht.“

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