Home
http://www.faz.net/-gzh-12t6z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Goldenes Buch Zedillos Seite ist bis heute leer

29.06.2009 ·  Kaiser Wilhelm II., Jimmy Carter, Sting und die deutsche Nationalmannschaft – sie alle haben sich schon im „Goldenen Buch“ verewigt. Und immer wieder kommen neue prominente Besucher der Stadt hinzu. Karlheinz Voß kümmert sich seit mehr als 30 Jahren darum, dass beim Signieren nichts schiefgeht.

Von Philipp von Bremen
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Die Herbstsonne leuchtete in den Raum, in dem wir zusammensaßen“, schrieb Albert Schweitzer am 9. Oktober 1959 ins „Goldene Buch“. Fast 50 Jahre später ist es die Frühlingssonne, die schräg durch die Fenster des Kaisersaals im Römer scheint. Der goldene Einband des Frankfurter Ehrenbuchs glänzt in ihrem Licht besonders edel. Vorsichtig öffnet Karlheinz Voß die goldenen Schließen und hebt langsam den schweren Buchdeckel.

Gut einen halben Meter lang, 38 Zentimeter breit und gut 20 Kilogramm schwer ist das „Goldene Buch“ der Stadt Frankfurt. Allein der Einband ist anderthalb Zentimeter dick. Eine geschnitzte Elfenbeinplatte auf dem Deckel zeigt Karl den Großen bei der Kirchensynode im Jahr 794, dem Anlass der ersten urkundlichen Erwähnung Frankfurts. Der breite, mit Edelsteinen verzierte goldene Rahmen trägt die Wappen der Herrscherhäuser, die wegen Wahl, Krönung oder anderer Anlässen an den Main kamen. Darüber thront der Adler des Kaiserreiches, unten das Frankfurter Wappen.

Besonderes Engagement

Karlheinz Voß kümmert sich seit mehr als 30 Jahren um die namhaften Besucher der Stadt und ihre Einträge ins „Goldene Buch“. Als er 1978 zum Protokoll kam, habe er nur knapp Jimmy Carter verpasst, erzählt Voß und wirkt dabei immer noch etwas enttäuscht. Dabei hat er später so viele Größen aus Politik, Sport und Unterhaltung im Römer gesehen, dass er sie gar nicht so schnell aufzählen kann. Margaret Thatcher, Franz Beckenbauer, Nelson Mandela, Sting oder der Dalai Lama – Voß war immer dabei. Richtig kennengelernt hat er die prominenten Besucher allerdings nicht. Das Protokoll hält sich schließlich vornehm im Hintergrund und sorgt für einen reibungslosen Ablauf.

Dazu gehört unter anderem die Vorauswahl jener, die sich eintragen dürfen. Bei Staatsoberhäuptern und Ministerpräsidenten ist schon der Besuch der Stadt Grund genug – bei anderen Gästen muss ein bestimmter Anlass oder besonderes Engagement den Eintrag rechtfertigen. Der britische Sänger Sting zum Beispiel: Der hat es nicht ins „Goldene Buch“ geschafft, weil er in der Festhalle so schön musizierte, sondern weil ihn die Stadt für sein Engagement für die Regenwälder geehrt hatte.

Wirbelsturm „Paulina“

Für den Tag der Eintragung ist dann eine genaue Vorbereitung das A und O. „Wenn ein fehlerhafter Bescheid rausgeht, dann schreibt man einfach einen Entschuldigungsbrief“, sagt Voß. „Aber bei uns muss zum Tag X alles perfekt funktionieren.“ Doch auch das Protokoll kann nicht alles vorhersehen, und so ist es für Voß der größte Erfolg, wenn trotz kurzfristiger Änderungen und überraschender Ereignisse alles wie selbstverständlich abläuft. „Je weniger man uns bemerkt, desto besser“, sagt Voß und erinnert sich an die deutsch-französischen Konsultationen im Oktober 1986. Drei Monate lang hätten er und seine Kollegen den Besuch damals vorbereitet, bis ins kleinste Detail. Doch dann sei der Zeitplan am Ende doch völlig durcheinandergeraten. Der Abflug der Staatsgäste verschob sich um zwei Stunden, und in seiner Not übertrug das Auswärtige Amt Voß und seinen Kollegen wegen ihrer Ortskenntnisse die Federführung. Und die brachten den Präsidenten und seine Entourage kurzerhand ins Städel, wo eine Ausstellung französischer Künstler lief.

Aber auch im „Goldenen Buch“ selbst zeigen einige Einträge, dass nicht immer alles bis ins Letzte geplant werden kann. Der mexikanische Präsident Ernesto Zedillo etwa musste 1997 seine Deutschland-Reise wegen des Wirbelsturms „Paulina“ in seiner Heimat abbrechen. Die für ihn vorgesehene Seite unter dem kalligraphischen Voreintrag ist bis heute leer, während jener für Romano Prodi nur Stunden vor der Eintragung noch einmal geändert werden musste: Er hatte ursprünglich als italienischer Ministerpräsident unterschreiben sollen, wurde kurz vor seiner Ankunft aber als neuer EU-Kommissionspräsident nominiert – und wollte sich dann als solcher auch verewigen.

13 leere Seiten

Die reichverzierten Buchdeckel, zwischen denen sich die Mächtigen und Berühmten eintragen, wurden vor mehr als 100 Jahren gefertigt. Simon Moritz und Helene von Bethmann hatten der Stadt das „Goldene Buch“ Anfang des 20. Jahrhunderts gestiftet und den italienischen Bildhauer Augusto Varnesi beauftragt, es zu fertigen. Dieser vollendete die kunstvolle Arbeit 1907, erst nach dem Tod des Stifters. Der erste Eintrag stammt allerdings schon von 1903: Kaiser Wilhelm II. setzte seinen „Kaiser Wilhelm“ damals auf ein einzelnes Blatt, das nachträglich in das „Goldene Buch“ geheftet wurde.

Anfang 1966 waren die ersten 500 Seiten dann fast vollgeschrieben. Und weil der Magistrat das prachtvolle Buch weiterführen wollte, wurde entschieden, sämtliche Blätter auszuwechseln. Johann Philipp von Bethmann stiftete den neuen Einband und setzte so das Engagement der Bankiersfamilie für das „Goldene Buch“ fort. Die beschriebenen Seiten sind seitdem etwas schlichter – aber nicht weniger edel – in rotem Schweinsleder gebunden. Die frühen Eintragungen darin zeigen unter anderen die Signaturen von Nuntius Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., Friedrich Ebert, Paul von Hindenburg und Thomas Mann. Über die Blätter mit den Unterschriften führender Nationalsozialisten wie Adolf Hitler, Hermann Göring und Heinrich Himmler gab es nach dem Zweiten Weltkrieg Streit. Es gab Überlegungen, sie herauszutrennen. Letztlich aber blieben sie im Buch, allerdings gefolgt von 13 leeren Seiten, um symbolisch den Abstand zum Nazi-Regime zu zeigen.

John F. Kennedy

Voß blättert schnell durch die Eintragungen zwischen 1933 und 1945. Die Einträge sind ihm sichtlich unangenehm. Viel lieber hält er auf Seite 461 inne. Dort hat sich am 25. Juni 1963 John F. Kennedy eingetragen. Mit dem Protokoll hatte Voß damals noch nichts zu tun. Er erinnert sich aber noch gut, wie er als zehn Jahre alter Schüler an der Hanauer Landstraße auf den Schultern seines Vaters saß und zusah, wie der Präsident im offenen Wagen Richtung Innenstadt fuhr – um sich im Römer ins „Goldene Buch“ zu verewigen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr