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Goethe-Haus Es lag die Welt in Scherben

Die Zerstörung des Goethe-Hauses war eine Katastrophe für die Welt des Geistes. Über seinen originalgetreuen Wiederaufbau wurde in Frankfurt und Deutschland vor sechzig Jahren heftig gestritten.

© Wonge Bergmann Vergrößern Alles nachgemacht: Das Goethe-Haus ist eine originalgetreue Kopie des 1944 zerstörten Gebäudes

Der Goethe-Geburtstag am 28. August 1945 stellte für das Freie Deutsche Hochstift wohl den Tiefpunkt in seiner Geschichte dar. „Noch nie ist der Himmel über uns so sonnenlos gewesen wie heute“, klagte Ernst Beutler, der damalige Direktor des Hochstifts, auf der ersten Mitgliederversammlung nach dem Krieg. Sie musste im Sendesaal des Rundfunks an der Eschersheimer Landstraße stattfinden, denn das Goethe-Haus mitsamt dem Goethe-Museum und den angrenzenden Gebäuden lag in Trümmern. Lediglich das Haus Hochstraße 42, eine Schenkung der Frankfurter Bürgerin Jenny Eyssen, war erhalten geblieben, dort befand sich nun das Geschäftszimmer des Hochstifts. Wie das Hochstift diese schwierige Zeit gemeistert hat und vieles andere aus der Geschichte dieser nun 150 Jahre alten Institution stellt Joachim Seng in seinem im November im Wallstein Verlag erscheinenden Buch „Goethe-Enthusiasmus und Bürgersinn. Das Freie Deutsche Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum 1881–1960“ dar.

Hans Riebsamen Folgen:    

Beutler hatte einst gehofft, Frankfurt werde nicht bombardiert werden, weil hier das Goethe-Haus stehe. Doch der Direktor war realitätstüchtig genug gewesen, um dennoch Vorbereitungen für den Ernstfall zu treffen. Auf seine Anweisung hin hatten Mitarbeiter des Hochstifts schon an Goethes Geburtstag im Jahr 1939 damit begonnen, das Museum zu leeren und Bilder aus dem Goethe-Haus nach Oberstedten im Taunus in ein in Frankfurter Besitz befindliches Haus auszulagern.

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Nachtangriff englischer Flieger

1942 ließ Beutler Schülerinnen der Städelschen Kunstgewerbeschule alle Ornamente und Stuckaturen des Goethe-Hauses abzeichnen. Darüber hinaus wurden Zustand und Aussehen von Goethes Geburtshaus in vielen Fotografien festgehalten. Auf Beutlers Bitte hin hat außerdem der Frankfurter Architekt Fritz Josseaux das berühmte Haus am Großen Hirschgraben bis ins kleinste Detail architektonisch aufgenommen und Zeichnungen davon hergestellt.

Einen ersten Vorgeschmack auf die künftige Zerstörung bekamen die Frankfurter am 26. November 1943, als nach einem Nachtangriff englischer Flieger der Dachstuhl des Goethe-Hauses ausbrannte. Beutler scheint geahnt zu haben, dass dies nur der Anfang eines vollkommenen Vernichtungswerks war – und schon damals konnte er sich nichts anderes vorstellen, als im Fall der Fälle für einen originalgetreuen Wiederaufbau zu kämpfen. „Sollte aber das Furchtbarste eintreten“, schrieb er in einem Brief an den Philosophen Karl Jaspers, „so bin ich fest entschlossen, – gesetzt, daß ich lebe und wirken kann – alles daran zu setzen, das Haus genau so wiedererstehen zu lassen, wie es war.“

Namhafte Summen auf Hochstift-Konto

Das Furchtbarste trat ein. Nach einem Luftangriff in der Nacht auf den 19. März 1944 brannten Teile des Goethe-Hauses und die oberen Stockwerke des Museumsgebäudes nieder. Drei Tage später traf eine weitere Luftattacke die Stadt, und als Josefine Rumpf, die Leiterin der Hochstift-Bibliothek, sich am nächsten Morgen zwischen 5 und 6 Uhr auf den Weg zum Goethe-Haus machte, stand sie schließlich vor einem weitgehend zerstörten Bau: „Noch schwelte und brannte alles, es war nicht daran zu denken, hinein zu gehen und irgendetwas zu bergen“, schrieb sie damals nieder. Das Giebelzimmer des Dichters war verschwunden, es standen noch die Fensterreihen einschließlich des zweiten Stocks. Doch am Abend stürzte das Treppenhaus ein, am folgenden Tag neigte sich das Haus und brach zusammen. Hermann Hesse schrieb in der Schweiz: „Es liegt die Welt in Scherben, / Einst liebten wir sie sehr. / Nun hat für uns das Sterben / Nicht viele Schrecken mehr.“

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