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Gesundheitspolitik Aids-Aufklärung vom Fachmann

 ·  Das Boot steuert unaufhaltsam auf einen großen, unter Wasser verborgenen Baumstamm zu. Gleich wird es an dem Hindernis zerschellen. Doch der Afrikaner an Bord will die lauernde Gefahr nicht sehen.

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Das Boot steuert unaufhaltsam auf einen großen, unter Wasser verborgenen Baumstamm zu. Gleich wird es an dem Hindernis zerschellen. Doch der Afrikaner an Bord will die lauernde Gefahr nicht sehen: "Macht euch keine Sorgen, es sind ja nur ein paar Äste, die im Wasser treiben", steht in der Sprechblase über seinem Kopf.

Die Zeichnung wird an die Wand des Biologieraums der Ernst-Reuter-Schule am Hammarskjöldring projiziert. "Vor allem in Afrika nehmen die Menschen nur die Aids-Kranken im Endstadium wahr und nicht die viel größere Zahl der HIV- Infizierten, die noch keine Symptome zeigen", erklärt Wolfgang Preiser. Die 16 bis 18 Jahre alten Elftkläßler hören ihm aufmerksam zu. "Viruserkrankungen des Menschen - Neue Erkenntnisse über HIV" heißt der Vortrag, den Preiser vor den Schülern hält.

Biologielehrer Klaus von Wangenheim hat es sich an einem Schülertisch an der Wand bequem gemacht. Er hat den Oberarzt am Institut für medizinische Virologie der Goethe-Universität für den Vortrag "gebucht". Wissenschaftler als Lehrer an Schulen - das "Projekt Brückenschlagen" des Frankfurter Schuldezernats, des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, der BHF-Bank-Stiftung und der Goethe-Universität macht das seit vier Jahren möglich. Beteiligt ist außerdem die "Modellregion Frankfurt". Mehr als 100 Vorträge haben Naturwissenschaftler von Forschungsinstituten und Universitäten im Rhein-Main-Gebiet schon in den etwa 25 teilnehmenden Schulen gehalten. Zusätzlich zu den Einzelvorträgen gibt es seit Februar eine weitere Veranstaltungsform: Morgen findet der zweite "Studientag Biologie" statt, dieses Mal in der Freiherr-vom-Stein-Schule. Dort werden eine Hirnforscherin, ein Genetiker, ein Evolutionsforscher und ein Virologe Vorträge halten. Aus den vier Referaten können sich Schüler der Jahrgangsstufe zwölf jeweils zwei aussuchen.

Mehr als 120 naturwissenschaftliche Vorträge werden im Katalog des Projekts angeboten. Preisers Aids-Referat hat sich Biologielehrer Wangenheim aus dem Katalog ausgesucht, weil im Unterricht Fragen zu der Krankheit aufgetaucht sind, das Thema aber nicht im Lehrplan der elften Klassen vorgesehen ist. Er selbst fühlt sich nicht hundertprozentig sicher auf dem Gebiet. Deshalb erscheint ihm der Vortrag des Wissenschaftlers als ideale Lösung.

Preiser ist gerade dabei, den Unterschied zwischen "HIV-infiziert" und "Aids-krank" zu definieren. Dann erklärt er anschaulich, wo das Virus herkommt, wann und wie es sich verbreitet hat. Zwischendurch gerät der Vortrag ein wenig zu einer medizinischen Beratung: Ob Herpes "etwas mit Aids zu tun" habe, wollen die Schüler wissen. Und ob man sich durch einen Mückenstich oder durch eine gemeinsam benutzte Zahnbürste infizieren könne. "Ein Arzt kann bei solchen Fragen viel überzeugender antworten als ich", sagt der Biologielehrer. Und Unsicherheit sei "Gift für die Prävention". Preiser jedoch scheint die Schüler mit seiner Warnung vor der Ansteckungsgefahr beim Tätowieren und beim Piercing zu überzeugen.

Dann spricht er von den 40 Millionen Infizierten weltweit, den etwa drei Millionen Toten im vergangenen Jahr und den fast fünf Millionen Neuinfektionen im gleichen Zeitraum. Die Zahl steige noch immer. Aber dann sterbe die Menschheit doch irgendwann aus, bemerkt eine Schülerin besorgt. Das sei unwahrscheinlich, beruhigt Preiser und erklärt, wie sich in Botswana, wo jeder vierte infiziert ist, ein "Sättigungseffekt" eingestellt hat.

Gegen Ende der Stunde laufen einige Schülerinnen zu Hochform auf: Über Impfstoffe, Medikamente und Resistenzen wird unter Preisers Anleitung lebhaft diskutiert. Das sei viel weiter gegangen, als er geplant habe, sagt der Mediziner nach der Schulstunde erfreut. Auch der 17 Jahre alten Asli hat die Veranstaltung gut gefallen. "Ich hätte nie gedacht, daß ich mich so lange konzentrieren kann." Preiser habe viel verständlicher erklärt als die meisten Lehrer, sagt die 16 Jahre alte Charlotte. Überrascht zeigen sich die beiden Mädchen darüber, wie aufmerksam ihre männlichen Mitschüler gewesen sind. Preiser ist sehr zufrieden mit seinen Schülern. "Ich weiß aber, daß ich heute die Schokoladenseite des Lehrerberufs erlebt habe."

DANIELA MARTENS

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