30.11.2006 · Nicht jedes Vergessen im Alter muß gleich Sorgen bereiten. Doch wann weiß man, ob man selbst oder ein Angehöriger nicht nur ein wenig vergeßlich, sondern ernsthaft erkrankt ist? Ärzte raten zu frühzeitigen Tests.
Von Manfred KöhlerWie jede noch so weite Reise mit einem kleinen Schritt beginnt, so fangen auch viele schwere Krankheiten mit ganz kleinen Beschwerden an. Wann aber gibt es Anlaß, sich Sorgen zu machen, ob man selbst oder ein Angehöriger nicht nur ein wenig vergeßlich ist, worunter viele Menschen mit zunehmenden Lebensjahren leiden, sondern ernsthaft erkrankt? Es gibt viele Tests, mit denen Ärzte dies ermitteln können.
Einer ist hier abgedruckt; er wurde vom Pharmakonzern Pfizer zur Verfügung gestellt. Es sind Aufgaben, die zu lösen einem Gesunden nicht schwerfallen sollte - so läßt der Test ahnen, wie schwer jemand beeinträchtigt sein muß, bis wirklich von einem Verdacht auf Demenz zu sprechen ist. Von der gewöhnlichen Tütteligkeit bis zur ernsthaften Alzheimer-Krankheit ist es ein weiter Weg.
Die Menschen warten zu lange
Gleichwohl: Die Behandlung von Demenz leidet gerade darunter, daß die Menschen zu lange warten, bis sie zu einem Arzt gehen. Demenz werde zu oft bagatellisiert, sagt der Gerontopsychiater Johannes Pantel vom Frankfurter Universitätsklinikum. Kein Anlaß zur Sorge ist es nach seinen Worten, wenn im Alter alles etwas langsamer abläuft, auch das Denken und Erinnern. Tatsächlich wird auch in Demenztests wie dem hier abgedruckten geprüft, wie schnell jemand lernt - aber ein Mensch, der an Alzheimer leidet, lernt nicht nur einfach langsamer als in gesunden Jahren, sondern praktisch überhaupt nicht mehr, wie Pantel sagt.
Das Frankfurter Universitätsklinikum hat eine Gedächtnissprechstunde organisiert, während der Menschen und ihre Angehörigen beraten werden, wenn sie glauben, sie vergäßen mehr als andere. Oft kommen die Menschen, wenn ihnen selbst oder Angehörigen aufgefallen ist, daß sie Namen und Telefonnummern vergessen oder daß sie in einem Geschäft stehen und mit einem Mal gar nicht mehr wissen, was sie dort wollen. Oder Angehörige beschweren sich, sie müßten alles fünfmal sagen, bis es befolgt werde.
Viele, die besorgt in die Gedächtnissprechstunde kommen, kann Pantel beruhigen. Ein Viertel, so hat er gelernt, ist völlig zu Unrecht besorgt. Von den anderen, die behandelt werden müssen, stellt sich bei ungefähr der Hälfte tatsächlich heraus, daß sie eine degenerative Demenz haben, wobei Pantel hervorhebt, daß von den ersten Anzeichen bis zur Diagnose zwei, drei Jahre vergehen könnten und es bis zu einer schweren Beeinträchtigung des Lebens sogar zehn, fünfzehn Jahre dauern könne. Ungefähr ein Drittel derjenigen, die einer Behandlung bedürfen, hat zwar eine Demenz, doch ist diese auf Durchblutungsstörungen zurückzuführen, also gefäßbedingt. Hier geht es darum, die Risikofaktoren zu bekämpfen, wie Pantel sagt. Wenn die Demenz noch im Anfangsstadium steckt, kann es dann sogar eine Verbesserung geben. Sonst läßt sich zumindest mit einigen Erfolgsaussichten verhindern, daß es schlimmer wird.
Nicht jeder Vergeßliche ist dement
Doch nicht jeder, der in der Gedächtnissprechstunde wegen seiner Vergeßlichkeit auffällt und behandelt werden muß, ist dement. Es kommen, wie der Arzt berichtet, Leute mit einer Depression, die therapiert werden kann, und Menschen mit ganz anderen Krankheiten wie einer Unterfunktion der Schilddrüse oder gutartigen Hirntumoren.
Vergeßlichkeit ist mithin ähnlich wie Schwindel ein Befund, hinter dem viele Krankheiten stecken können. Pantel rät gleichwohl zu einem Besuch bei einem Arzt, wenn sich erste Zweifel einstellen, ob die Vergeßlichkeit über das normale Maß hinausgeht. Kann man sich denn vor der Alzheimer-Krankheit schützen? "Absolut", sagt der Mediziner, und nennt die gleichen Verhaltensweisen, die auch sonst nach allgemeiner Einschätzung vielen Krankheiten vorbeugen: eine ausgewogene, gesunde Ernährung, regelmäßiger Sport - kurzum: ein gesundheitsverträglicher Lebensstil.
Daß es nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist gut ist, wenn er in Bewegung gehalten wird, versteht sich. Kognitives Training und motorische Aufgaben verstärkten sich in ihrer positiven Wirkung gegenseitig, meint der Mediziner. Pantel empfiehlt, Bücher zu lesen, weniger Fernsehen zu schauen, auch im Alter noch eine Sprache zu lernen und Bildungsreisen zu unternehmen. Auch Zeitunglesen, das sei ergänzt, kann vor Schlimmeren schützen, sowieso.
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