27.07.2006 · Mit ihrem „Barbie Girl“-Video haben es zwei junge Frauen aus Frankfurt im Internet zum Kultstatus gebracht. Mehr als 1,5 Millionen Nutzer haben den Clip seit Ende Mai schon gesehen.
Von Benjamin AuerbachAuf den ersten Blick wirkt alles ganz normal. Zwei junge Frauen stehen gelassen in einem Wohnzimmer. Dann wummern die Bässe des Neunziger-Jahre-Sommerhits „Barbie Girl“: Auf einmal tanzen und springen die beiden Frauen wild umher - ihre Lippen bewegen sie synchron zum Liedtext, als ob sie selber singen würden. Die Hauptdarstellerinnen sind Lynne und Tessa, zwei 19 und 20 Jahre alte Freundinnen aus Frankfurt. Mit ihrem „Barbie Girl“-Video haben sie es im Internet zum Kultstatus gebracht. In der Gunst der Nutzer einer amerikanischen Suchmaschine haben die beiden immerhin den legendären Kopfstoß des französischen Fußballhelden Zinedine Zidane hinter sich gelassen. Mehr als 1,5 Millionen Nutzer der Internetsuchmaschine haben sich das Video seit Ende Mai angesehen. Der Film gehört damit zu den meistaufgerufenen Clips im Internet.
Web-Playback heißt der neue Trend unter den zumeist jugendlichen Internetbenutzern. Dabei wird ein bekanntes Lied gespielt, und Menschen wie Lynne und Tessa kreieren dazu eine möglichst originelle Choreographie, nehmen sie mit einer Webcam auf und stellen die Filme ins Internet. Die Frankfurterinnen hatten sich mit „Barbie Girl“ am Videowettbewerb „Google idol“ beteiligt und sich gegen mehrere hundert Konkurrenten aus aller Welt durchgesetzt. Geplant war der Erfolg der beiden allerdings nicht: „Wir haben eigentlich nur aus Langeweile angefangen, die Filme zu drehen“, sagt Tessa. Um so überraschter waren sie über den Erfolg ihres Werks. „Innerhalb weniger Tage hatten sich Tausende unser Video angeschaut, dabei hatten wir uns am Anfang gar nicht getraut, den Clip ins Internet hochzuladen“, sagt Lynne.
12.000 Besucher täglich
Die Voraussetzungen der beiden sind alles andere als professionell. Sie benutzen kein Studio oder aufwendige Technik für den Dreh: Alle Clips entstehen in Lynnes Wohnzimmer, als Aufnahmegerät dient eine schlichte Webcam. „Ich glaube, gerade die Einfachheit unserer Filme ist das Geheimnis des Erfolges - wir haben noch kein einziges Video geprobt, und unsere Choreographie ist völlig spontan“, erklärt Tessa.
Die Resonanz auf die Videos ist beträchtlich. Rund 12.000 Internetnutzer besuchen täglich die Homepage www.lynne-tessa.de, die ein Fan für sie entworfen hat. Mittlerweile kann man die Inhalte ihrer Internetseite nicht nur auf englisch und deutsch, sondern sogar auf polnisch lesen. Mehr als 3000 Personen haben im Gästebuch einen Eintrag hinterlassen. Die meisten kommen aus den Vereinigten Staaten, einige aber auch aus Malaysia oder Pakistan.
In ihrem Internetforum, das seit drei Wochen online ist, haben sich schon 890Personen angemeldet. Die meisten wollen mehr über die beiden Frankfurterinnen erfahren. „Allein für die Beantwortung der Fragen brauche ich mehrere Stunden am Tag“, sagt Lynne. Neben den vielen Fragen nach Wohnort und Freizeitbeschäftigungen erhalten Lynne und Tessa täglich rund 200 Heiratsanträge und Liebesbekundungen. Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen den Freundinnen. „Lynne wollen alle nur mal treffen, mich dagegen wollen alle heiraten“, sagt Tessa.
Wegen der großen Nachfrage nach Devotionalien haben Tessa und Lynne jetzt einen eigenen Fanshop auf ihrer Homepage eingerichtet. Dort werden Uhren, Tassen und T-Shirts mit dem Konterfei der beiden angeboten. „Eigentlich wollten wir so etwas gar nicht machen, aber als andere anfingen, mit unserem Namen Geld zu verdienen, haben wir uns entschlossen, es doch anzubieten“, berichtet Tessa.
Schattenseiten des Internetruhms
Trotz ihres Erfolgs fühlen sich Lynne und Tessa nicht als Stars. Ihr Leben habe sich nicht sonderlich verändert, obwohl in der Schule auf einmal alle ihren Namen gekannt hätten. „Unsere Freunde machen keine große Sache daraus“, sagt Lynne. Obwohl beide gerne im Mittelpunkt stehen, fällt es ihnen manchmal schwer, mit der ungewohnten Popularität umzugehen. „Es ist mitunter etwas seltsam, wie manche einen anstarren oder wenn man auf die Videos angesprochen wird“, sagt Tessa.
Manchmal spüren die beiden Frauen, die im Mai ihr Abitur gemacht haben, auch die Schattenseiten des Internetruhms. Zweimal hätten fremde Männer stundenlang vor ihren Häusern auf sie gewartet. Andere hätten die Telefonnummern der beiden im Internet verbreitet.
Trotz dieser Schwierigkeiten bereuen die beiden Frankfurterinnen nicht, daß sie ihre Videos im Internet veröffentlicht haben. Vielmehr haben sie vor, noch weitere zu drehen. „Wir sind noch lange nicht am Ende mit unseren Ideen“, sagt Lynne.