02.02.2005 · Der Vierzehnjährige hatte auf dem Weg zur Party in der U-Bahn soviel "Jägermeister" in sich hineingeschüttet, daß er statt auf dem Fest im Frankfurter Bürgerhospital landete. Mit einer Alkoholvergiftung.
Der Vierzehnjährige hatte auf dem Weg zur Party in der U-Bahn soviel "Jägermeister" in sich hineingeschüttet, daß er statt auf dem Fest im Frankfurter Bürgerhospital landete. Dort wurden mit Alkoholvergiftung auch jene beiden 13Jahre alte Mädchen aufgenommen, die sich zuhause getroffen und an Spirituosen zusammengemischt hatten, was sie finden konnten. Solche und ähnliche Fälle sind nicht selten: Seit Anfang November vergangenen Jahres bringt der Frankfurter Rettungsdienst Jugendliche, die nicht nur ein bißchen lallen, sondern überhaupt nicht mehr ansprechbar sind, als Teil eines Modellprojekts inn das Krankenhaus im Nordend. Sechs junge Leute mit einem Blutalkoholspiegel zwischen 1,4 und 2,8 Promille sind nach den Worten von Wilfried Köhler, dem ärztlicher Direktor des Bürgerhospitals, seither dort untersucht, behandelt und in Zusammenarbeit mit dem Suchthilfeverbund "Jugendberatung und Jugendhilfe" für einen verantwortungsbewußteren Umgang mit Alkohol sensibilisiert worden.
Vor allem das sogenannte Komatrinken habe in den vergangenen Jahren bei Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren stark zugenommen, berichtete Gerd Krämer, Staatssekretär im hessischen Sozialministerium. Während im Jahr 2000 in Hessen 721 Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung behandelt worden seien, seien es zwei Jahre später schon 867 gewesen. In Frankfurt würden jährlich zwischen 60 und 100 Kinder und Jugendliche nach Alkoholexzessen in eine Klinik gebracht. Vor allem den sogenannten Alkopops - Limonaden-Spirituosen-Mischgetränken, gibt Krämer die Schuld dafür, daß schon Dreizehn- und Vierzehnjähige übermäßig viel Alkohol zu sich nehmen. Mit dem bis Ende 2006 angelegten Programm "Halt - Hart am Limit" sollen deshalb suchtgefährdete junge Menschen erreicht und andere frühzeitig vom Alkoholmißbrauch abgehalten werden. Ziel sei es, so der Staatssekretär, die Jugendlichen noch in der Klinik anzusprechen, weil sie dann für eine Verhaltensänderung besonders offen seien.
Die Kosten für das knapp 162000 Euro teure Projekt teilen sich der Bund (60 Prozent), das Land Hessen (30 Prozent) und der Verein Jugendberatung und Jugendhilfe. Für Organisation und Abstimmung mit dem Rettungsdienst hat das Frankfurter Gesundheitsamt die Verantwortung übernommen. Auf der Entgiftungs- und Motivationsstation für Alkohol- und Medikamentenabhängige im Bürgerhospital werden nach Angaben Köhlers, der die Abteilung leitet, jedes Jahr 1000 alkoholkranke Menschen aufgenommen. Auch die sechs seit November aufgenommenen jungen Leute seien anschließend auf die Suchtstation verlegt worden. In Gesprächen in einer Beratungsstelle gaben sie nach Auskunft des Projektsleiters Joachim Messer an, sie hätten aus Neugier getrunken. Oder, um "lustig" zu werden. Im Laufe der Unterhaltung seien jedoch weitere Motive offenbar geworden, darunter Leistungsdruck, die Trennung der Eltern oder Schwierigkeiten mit der sexuellen Identität. Er wisse aber auch, so Messer, daß sich Jugendliche gezielt "zum Trinken bis zum Umfallen" verabredeten. Im Unterschied zu früher spielten dabei heute Spirituosen eine größere Rolle. Bier dagegen sei verpönt, und die Alkopops verleiteten insbesondere Mädchen zum "Saufen".
Köhler ergänzte, daß bei drei der sechs Jugendlichen erhebliche Entwicklungsstörungen vorgelegen hätten. Wenn jemand seinen Platz im Leben und seine Identität noch nicht gefunden habe und erfahre, daß er sich mit Alkohol besser fühle und weniger Hemmungen habe, dann werde diese positive Erfahrung im Gehirn abgespeichert, erklärte der Klinikchef. Je jünger ein Mensch sei, um so größer sei die Suchtgefahr. Deshalb sei es so wichtig, früh gegenzusteuern.
Einen Einblick in den Alltag junger Menschen gab im Gespräch mit dieser Zeitung eine Schülerin. Etwa ein Drittel der Vierzehn- bis Sechzehnjährigen in ihrer Klasse auf einem Gymnasium im Rhein-Main-Gebiet betrinke sich an den Wochenende regelmäßig. Sie kenne Mädchen, die ohne jedes Maß Mixgetränke tränken und mit ihren "Sauferfahrungen" dann vor Mitschülern prahlten: "Du letzten Samstag war ich mal wieder so dicht, daß ich nicht wußte, was ich rede. Aber das macht nix, die anderen hatten auch keinen Plan mehr." Andere "füllen sich regelmäßig ab", um sich in einer Clique beliebt zu machen oder die Eltern zu provozieren. (rig.)