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Simultandolmetschen : Göring setzte ganz auf seine Wortgewalt

Tribunal: Herman Göring (Mitte) und Rudolf Heß waren die prominentesten Angeklagten im Nürnberger Justizpalast. Bild: Imago

Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher gilt als Geburtsstunde des Simultandolmetschens. Eine Ausstellung im Frankfurter Landgerichtsgebäude zeigt, wie schwierig und belastend diese Tätigkeit war.

          Auf den Fotos vom Nürnberger Prozess gegen die Spitzen des NS-Regimes tragen Hermann Göring, Rudolf Heß und die anderen Angeklagten häufig Kopfhörer. Wie auch die Richter, Ankläger, Verteidiger und Zeugen. Auf diese Weise war es ihnen möglich, die Reden oder Aussagen in ihnen unbekannten Sprachen als Übersetzung zu hören. Das Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher im Justizpalast in Nürnberg vom 20. November 1945 bis zum 1.Oktober 1946 ist weltweit der erste große Prozess gewesen, in dem Dolmetscher parallel die Worte und Sätze der Sprecher übersetzten. Deshalb gilt diese Gerichtsverhandlung als Geburtsstunde des Simultandolmetschens. Bis dahin war konsekutiv übersetzt worden: Der Dolmetscher gab eine Rede zeitversetzt wieder. Oft machte er sich während eines Vortrags Notizen und referierte das Gesagte danach in der gewünschten Zielsprache.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bis zum Beweis des Gegenteils beim Nürnberger Prozess herrschte damals in Fachkreisen die Überzeugung, dass ein simultanes Übersetzen die menschliche Gehirnleistung übersteige und deshalb unmöglich sei. Heute ist diese Methode Standard etwa bei den Vereinten Nationen und im Europaparlament. Auch Gerichte setzen das zeitsparende Verfahren immer wieder ein. Übersetzungen sind hier an der Tagesordnung, vor allem in Frankfurt. Denn hier leben Bewohner aus etwa 170 Nationen, häufig treffen bei Gerichtsverhandlungen Parteien aufeinander, die verschiedene Sprachen sprechen. 1387 bestellte Dolmetscher übersetzen allein am Frankfurter Landgericht, wie dessen Präsident Wilhelm Wolf bei der Eröffnung der Ausstellung „Dolmetscher und Übersetzer beim Nürnberger Prozess 1945/46“ berichtete.

          Eine neue Simultananlage für sprachliche Korrektheit

          Viele sind im Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer organisiert, dessen hessischer Landesverband aus Anlass des 70.Gründungstags die Ausstellung im ersten Stock des GerichtsgebäudesB organisiert hat. Der Nürnberger Prozess, so sagte Theodoros Radisoglou, der Kurator der Schau, hätte ohne das Simultandolmetschen wohl einige Jahre gedauert oder wäre vielleicht niemals zu einem Ende gekommen, weil bald nach der damaligen Urteilsverkündung der Kalte Krieg in seiner ganzen Schärfe ausbrach. Einem der wichtigsten Angeklagten im Hauptkriegsverbrecher-Prozess, Reichsmarschall Hermann Göring, war von Anfang an klar, dass die Verhandlung in Nürnberg vor allem eine Schlacht der Worte sein würde. Radisoglou zitiert ihn mit den Worten: „Ich brauche keinen Rechtsanwalt. Was ich wirklich brauche, ist ein guter Dolmetscher.“ Tatsächlich setzte Göring, der seine Drogensucht überwunden und wieder voll bei Kräften war, auf seine Wortgewandtheit und Schlagfertigkeit, die natürlich nur zum Tragen kommen konnte, wenn seine Ausführungen gut übersetzt wurden.

          Aus dem ersten Duell zwischen dem amerikanischen Chefankläger Robert Jackson und Göring ging der Reichsmarschall als Sieger hervor – wegen eines Übersetzungsfehlers. Jackson hatte, um Göring die Planung des Krieges nachzuweisen, ein Dokument vorgelegt, in dem von der „Vorbereitung der Befreiung des Rheins“ („Preparation for the liberation of the Rhine“) die Rede war. Göring konterte mit dem Hinweis, dass es dabei nicht um die 1936 erfolgte militärische Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands durch die Wehrmacht gegangen sei, sondern um die „Freimachung“ („clearing“) des Rheins von Hindernissen. Es kam also, dies zeigte dieses Beispiel, auf eine genaue Übersetzung an, sollte die Verhandlung korrekt ablaufen. In Nürnberg wurde eine eigens für diesen Prozess entwickelte Simultananlage eingesetzt, die mehrere Kanäle hatte.

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