21.05.2009 · Sie wollen jeden Schritt ganz genau spüren: Die Mönche der buddhistischen Pagode Phat Hue aus Frankfurt betreiben Gehmeditation. So wollen sie auf den Besuch des Dalai Lamas Ende August aufmerksam machen - und innerlich ruhig werden.
Von Kathrin Frank, FrankfurtCarolin Oberheide geht über die Zeil. Passanten drängen sich an ihr vorbei, „frischer Spargel“, ruft ein Straßenhändler, jemand spielt „O when the Saints“ auf dem Saxophon. Oberheide blickt sich um, sie spricht kein Wort. Sie denkt: „Ich gehe.“ Das zumindest ist ihr erklärtes Ziel: sich ganz auf das Gehen zu konzentrieren, ganz bewusst jeden Schritt zu spüren. „Es hat erstaunlich gut geklappt“, sagt sie danach.
Danach – das ist eineinhalb Stunden später, als Oberheide an der Alten Oper ankommt. Zusammen mit etwa 150 anderen ist sie die Strecke von der Hauptwache über die Zeil und zurück zur Alten Oper gelaufen – langsam und schweigend. Organisiert hat das die Frankfurter buddhistische Pagode Phat Hue. Gehmeditation nennen es die Mönche. Sie wollen die Frankfurter so darauf einstimmen, dass der Dalai Lama Anfang August in die Stadt kommt.
Manche Lachen - „Ich bewerte das nicht“, sagt Oberheide.
„Normalerweise haben wir immer ein Ziel vor Augen, das stresst“, sagt der Abt der Pagode, Thich Thien Son, bevor die Gruppe losläuft. Bei der Gehmeditation dagegen soll niemand etwas erreichen wollen, wie der Abt sagt: „Wir versuchen, bei jedem Schritt das Gefühl zu haben, dass wir gerade angekommen sind.“ Gemeinsam mit anderen Mönchen in braunen Kutten führt er den Zug an.
Diejenigen, die ihm folgen, sind entweder aus Neugier gekommen oder weil der Buddhismus sie fasziniert. „Ich bin eigentlich ein hektischer Mensch. Da tut mir diese Gelassenheit gut“, sagt Oberheide. Damit sie sich besser auf das Gehen konzentrieren kann, setzt sie bei jedem Schritt den Fuß zuerst mit der Spitze auf, nicht wie normalerweise mit der Ferse. Das hat der Abt empfohlen, und die meisten folgen seinem Rat.
So gehen sie durch die Fußgängerzone, vorbei an Fitness-Centern, die Bodystyling, Aerobic und Yoga anbieten, und vorbei an Plakaten, auf denen „Schnelligkeit ist unsere Stärke“ steht. Gut 300 Meter mag der Zug lang sein. Immer wieder bleiben Passanten stehen und zücken ihre Handkameras. „Omm“, rufen einige und zeigen lachend auf die Mönche. „Ich nehme das wahr, aber ich bewerte es nicht“, sagt Oberheide. Sie sitzt nach der Gehmeditation mit den anderen auf dem Platz vor der Alten Oper und singt minutenlang eine eintönige Melodie. Hunde bellen, ein Auto hupt, man hört die Glocken der Katharinenkirche läuten. „Jetzt“, sagt Oberheide, „bin ich innerlich ruhig.“