08.09.2009 · Ob bei der Großdemonstration, beim Politikergipfel oder beim Fußballspiel: Lena Rudolph ist fast immer im Einsatz. Dabei braucht die Polizistin vor allem gute Nerven.
Von Katharina IskandarAls die ersten Knallkörper gezündet werden, steht Lena Rudolph nur wenige Meter vom Rudererdorf entfernt. In unmittelbarer Nähe sitzen rund 1.500 Frankfurter „Ultras“ in der Sonne, trinken Bier und üben ihre Schlachtrufe, während es um sie herum zischt und kracht. Sechs Stunden wird es noch dauern, bis die Spieler von Eintracht Frankfurt und von Kickers Offenbach am Bieberer Berg aufeinandertreffen.
Am Morgen noch hatte Lena Rudolph gehofft, dass dieses Derby ohne größere Zwischenfälle verläuft. „Diese Hoffnung hat man immer“, sagt sie. Doch je mehr Zeit verstreicht, desto aggressiver werden einige Fans. Schließlich schwindet Rudolphs Zuversicht. Sie schaut auf die jungen Männer und Frauen, die ansonsten wahrscheinlich ein recht bürgerliches Leben führen. Wenn die so weitermachten, fürchtet sie, werde der Fußmarsch zum Stadion „kein gemütlicher Spaziergang“.
Mit Flaschen und Biergläsern beworfen
Lena Rudolph, blond, schlank, 1,70 Meter groß, hat schon viele heikle Einsätze hinter sich. Sie gehört der Beweis- und Festnahmeeinheit, kurz BFE, an. Seit 1997 ist die Nordhessin bei der Polizei. Sie hat in Kassel ihre Ausbildung gemacht, war dann zuerst bei der Bereitschaftspolizei in Mühlheim und anschließend im Polizeipräsidium Osthessen eingesetzt. 2001 kam sie nach Frankfurt, weil sie in die Spezialeinheit wollte, die es in dieser Größe außer bei der Bereitschaftspolizei nur noch beim Polizeipräsidium Frankfurt gibt. Seitdem wird Rudolph bei Fußballspielen, Nato-Gipfeln und anderen Großereignissen eingesetzt – immer dann, wenn es brenzlig werden kann. So wie heute.
Als die „Ultras“ gegen ein Uhr loslaufen, dauert es keine fünf Minuten, bis die ersten für Unruhe sorgen. Wieder zünden sie Böller, dann fangen sie plötzlich an zu rennen – reine Provokation. Rudolph kennt das Spiel. Es sei immer dasselbe, sagt sie. Gerade mit Fußballfans hat die Polizistin schlechte Erfahrungen gemacht. Als die Eintracht 2005 in die erste Liga aufgestiegen war, hatte sie Dienst. Völlig unvorhersehbar hatten damals einige hundert Anhänger randaliert. Der Polizeieinsatz dauerte bis in die Morgenstunden. Auch damals hatten sich am Morgen schon einige Fans mit Alkohol in Stimmung gebracht. Abends war die Situation dann eskaliert. Etwa 60 Polizisten standen in Alt-Sachsenhausen bis zu 500 gewaltbereiten Eintracht-Anhängern gegenüber. Rudolph und ihre Kollegen wurden mit Flaschen und Biergläsern beworfen. Zwei Beamte wurden damals verletzt.
Schutzkleidung hält einiges aus
Flaschen fliegen auch diesmal. Denn als die „Ultras“ in ein Offenbacher Wohngebiet kommen, bricht sich bei einigen Fans die Aggression Bahn. Sie fangen an, geparkte Autos zu beschädigen, zerkratzen den Lack und treten Außenspiegel ab. Als Rudolph und ihre Kollegen eingreifen, werden sie getreten, geschlagen und mit Böllern beworfen. Schließlich zücken die Beamten Pfefferspray.
In so einer Situation, sagt Rudolph, achte man nur noch auf das, was unmittelbar um einen herum geschehe. „Wo fliegt die Flasche? Ist der Nebenmann noch da? Ist jemand verletzt?“ Die Schutzkleidung halte schon einiges aus. „Aber blaue Flecken gibt es trotzdem.“
Am wichtigsten ist der Helm
Den bisher heikelsten Einsatz hatte Rudolph beim Nato-Gipfel in Baden-Baden. Dorthin war sie mit ihren Kollegen entsandt worden, um die ansässige Polizei zu unterstützen. „Auf der deutschen Seite lief alles gut, im Gegensatz zur französischen. Dort sahen wir schon die Rauchschwaden von dem brennenden Hotel“, erinnert sich Rudolph. Als es dann hieß, dass sie und ihre Kollegen mit einem Löschzug über die Brücke auf die französische Seite wechseln sollten, „wurde mir schon ein bisschen mulmig“, sagt die Einunddreißigjährige. „Aber auch das gehört wohl dazu.“
In diesen Momenten vertraue man vor allem auf die Uniform, die sich in den vergangenen Jahrzehnten stetig verbessert habe und deutlich robuster als die der Kollegen im Streifendienst sei. Auch an diesem Vormittag, als Rudolph versucht, die gewaltbereiten Fußballfans vor dem Derby in Schach zu halten, trägt sie über ihrem dunkelblauen Overall eine Weste, die den Körper vor Schlag- und Stichverletzungen schützt. Außerdem Handschuhe und einen Gürtel, an dem das Holster mit der Dienstwaffe hängt sowie ein Schlagstock und Pfefferspray. Am wichtigsten ist aber der Helm, der mittlerweile mit einem Visier ausgestattet ist. Denn der Kopf, sagt Rudolph, sei immer die empfindlichste Stelle.
Ausgeklügelte Deeskalationsstrategie
Trotz der Schutzkleidung werden immer wieder Beamte der BFE im Einsatz verletzt. „Meistens sind es blaue Flecken, die von Rangeleien oder Flaschenwürfen herrühren“, sagt Rudolph. „Die zählt man schon gar nicht mehr.“ Schwerere Verletzungen haben Beamte hingegen in den vergangenen Jahren vor allem bei Studentendemonstrationen auf Autobahnen, den Opernballprotesten oder bei der Nachttanzdemo davongetragen, wo Polizisten auch gezielt angegriffen worden sind. „Bei solchen Einsätzen“, sagt die Polizistin, „sind wir doppelt vorsichtig.“ Auch am Tag des Derbys erleiden einige Beamte Blessuren. Am Abend werden rund zwei Dutzend gezählt, die Prellungen haben. Ein Polizist hat einen Böller an den Kopf bekommen und ist mit einem Knalltrauma ins Krankenhaus gebracht worden.
In solchen heiklen Situationen hilft nach Rudolphs Einschätzung die inzwischen sehr ausgeklügelte Deeskalationsstrategie, die die Polizei in den vergangenen Jahren ständig verfeinert hat. So würden Kommunikatoren eingesetzt, die Randalierer gezielt ansprächen. „Es wird an ihre Vernunft appelliert, was oft hilft“, wie Rudolph sagt. „Denn nicht alle in einer Gruppe sind gewaltbereit.“
„Ein etwas heftigerer Einsatz“
Diese Taktik funktioniert schließlich auch beim Derby. Lediglich einen Zwischenfall gibt es noch, nur wenige hundert Meter vor dem Stadion: Ein Fußballfan zeigt mehrmals den Hitlergruß. Er wird festgenommen – von Lena Rudolph. Sie führt ihn ab und bringt ihn ins Polizeipräsidium. Eine Stunde später ist sie schon wieder bei ihrer Einheit am Bieberer Berg. Dort bleibt sie bis zum Abend. Einige Tage danach, als die blauen Flecken schon verblassen, sagt Rudolph: „Ja, es war ein etwas heftigerer Einsatz. Aber irgendwie doch ein ganz normaler Arbeitstag.“
Deeskalationsstrategie?!
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 09.09.2009, 12:27 Uhr
Wer zahlt eigentlich diese Einsätze?
Christian Knoche (christian.knoche)
- 09.09.2009, 14:50 Uhr
Vielleicht sollte man zukünftig von Veranstaltern wie Fußballspiel-Ausrichtern..
Alfons Crocusé (ALCR)
- 09.09.2009, 17:04 Uhr