06.06.2007 · Anna Müller - wie sie sich nennt - aus Frankfurt ist nach Heiligendamm gefahren, um zu protestieren. Sie ist Anarchistin, arbeitet aber in einem bürgerlichen Beruf. Gewalt mag sie nicht, und doch rechtfertigt sie sie.
Von Philip EppelsheimNeun Kilometer von Heiligendamm entfernt haben die G-8-Gegner in einem Industriegebiet in Reddelich eines ihrer Lager errichtet. 5000 Demonstranten haben sich eine Zeltstadt aufgebaut, eingeteilt in sogenannte Barrios – Stadtteile. Für jede Nationalität, für jede politische Ausrichtung. Autonome, Christen, Attac, Atomgegner, Zapatisten.
Drei „Volxküchen“ versorgen die Protestler. Bierpilz und Grillbude haben ebenfalls in die besetzte Zone gefunden. Denn so steht es auf einem Pappschild am Eingang geschrieben: „Achtung, Sie verlassen die BRD und betreten besetztes Gebiet.“ Die Menschen hier verbindet eines: die Ablehnung der Politik und der Wille, „Widerstand“ zu leisten, der ein auf ein Bettlaken geschriebenes Ziel hat: „G 8, euch bleibt nur das Meer.“
„Lieber aufrecht sterben als auf Knien leben“
Es sind Menschen mit weiß geschminkten Gesichtern und Clownsnasen, Punks mit buntem Irokesenhaarschnitt, schwarz gekleidete Autonome und solche, die es gerne wären, ältere Atomkraftgegner, Antifas, Attacis und noch viele mehr. Aus Holzstämmen haben die Camper so etwas wie Panzersperren errichtet, in einem Info-Zelt wird über anstehende Aktionen informiert. „Das ist so wie Anfang der achtziger Jahre, als die autonome Szene in Frankfurt tätig war“, sagt eine, die ihr Leben in solchen Camps verbracht hat. Sie ist eine der Ältesten hier. 54 Jahre. Der Gang schleppend, die Haare grau, das Gesicht aschfahl, die Augen müde.
Anna Müller nennt sich die Frankfurterin. Weil ihr Chef sie sonst entließe, wenn er wüsste, dass seine Angestellte ihren Urlaub damit verbringt, gegen den G-8-Gipfel zu demonstrieren. In erster Reihe, wenn es sein muss. Am Donnerstag ist die im Gesundheitswesen tätige Frau in das Lager gekommen und hat ihr Zelt aufgeschlagen. Im Zapatisten-Barrio, zusammen mit zwanzig anderen. Weil sie sich mit der mexikanischen Revolution und Emiliano Zapata identifizieren könne.
Getreu dem Motto: „Lieber aufrecht sterben als auf Knien leben.“ Sie benetzt sich mit etwas Wasser an der Freiluft-Waschgelegenheit, isst in einer der „Volxküchen“ und demonstriert. Demonstriert, wie sie es ihr ganzes Leben getan hat und auch in Zukunft tun will. Gegen „Militarismus und Faschismus“. Um sich selbst ernst nehmen zu können. Deshalb ist sie auch bei jedem Nazi-Aufmarsch in Frankfurt unter den Gegendemonstranten. Am 7. Juli will sie es wieder sein.
„Großgeworden in der postfaschistischen Zeit“
Anna Müller hat sich in einen Poncho gehüllt, am Hals baumeln Amulette, die helle Stoffhose und die Turnschuhe sind vom Camp-Alltag gezeichnet. Staubig, abgetragen. Sie selbst sitzt, Schultern schlaff herunterhängend und Rücken gekrümmt, zusammengesunken da, raucht selbstgedrehte Zigaretten. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, sagt sie. Der kraftlose äußere Eindruck täuscht. Anzeigen wegen Körperverletzung, Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung – keiner würde das Anna Müller zutrauen, wenn sie in Frankfurt ihrer Arbeit nachgeht, freundlich Kunden berät. Anna Müller hatte schon immer Ausdauer. Ihre Kindheit verbrachte sie im Odenwald. Ein kleines Mädchen vom Lande. Aufgewachsen in den fünfziger und sechziger Jahren, während des Wirtschaftswunders. Sie selbst drückt das anders aus: „Großgeworden in der postfaschistischen Zeit.“
Als die Studentenproteste Ende der sechziger Jahre richtig losgingen, war Anna Müller fünfzehn Jahre alt. Eine Jugendliche, fasziniert vom Protest. „Politisiert“, sagt sie. So wie die, die jetzt im Camp Reddelich hausen und gegen etwas sind, von dem viele wahrscheinlich gar keine Ahnung haben. Es geht um Ablehnung, darum, die Welt verändern zu wollen, und um Abenteuer. Grillromantik mit Wurst und Bier. Bei Anna Müller war das anders oder auch ganz ähnlich. Auch sie wollte etwas tun. Zu „den Guten“ gehören. Den „kleinen Leuten“ helfen. „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ – damals und heute ihr Motto.
Sie steht dazu, dass sie in der Hausbesetzer- und Autonomen-Szene tätig war. Zusammen mit Joschka Fischer: „Der wollte nur Macht in der Bewegung.“ Dass sie mit der RAF sympathisierte und sympathisiert, Kontakt mit vielen der aus den Gefängnissen entlassenen Ex-Terroristen hat. „Die Analysen waren richtig“, sagt sie. Sie selbst habe auch schon Gewalt angewendet. Doch nur, um sich oder andere zu verteidigen. Denn eigentlich könne sie keinem Menschen weh tun, und Steinewerfen sei sowieso eine Katastrophe: „Ich kann nicht zielen.“ Am Samstag war Anna Müller in Rostock, erlebte die Ausschreitungen, versuchte, verletzten Demonstranten zu helfen.
Auch ihre Kinder protestieren
Die Schuldigen sind für sie die Polizisten. Eine Verschwörung sieht sie in dem Vorgehen, die Vorbereitung auf einen Bundeswehreinsatz im Inneren. Die Autonomen, den „Schwarzen Block“, treffe keine Schuld. Man habe sich nur gemeinsam verteidigt. Dann redet sie davon, dass Gewalt ein taktisches Mittel sei, um die Welt zu verändern. Im Camp sind diese Ansichten nicht unbedingt die der Minderheit – die Schuld wird der Polizei gegeben.
Den „Schwarzen Block“ hält Anna Müller für ein von Politik und Polizei geschaffenes Konstrukt. „Ich war dabei, als dieses Konstrukt gegründet wurde. Am 28. Juli 1981.“ Damals ermittelte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden gegen Anna Müller und andere Autonome wegen „Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung Schwarzer Block“ und ließ das Bahnbetriebswerk in Frankfurt-Nied räumen. Wenig später, im Oktober 1981, folgte die Räumung des Hüttendorfs auf dem Gelände der geplanten Startbahn West. Anna Müller war wieder dabei, demonstrierte später mit mehr als 120.000 Menschen gegen die Startbahnpläne.
„Manchmal zweifelt man an dem Sinn“, sagt sie. Weil sich nichts ändert. Doch dann denkt sie an ihre beiden Söhne, ihre Tochter, die auch irgendwo in Reddelich ihre Zelte aufgeschlagen haben, fern von der Mutter ihre eigenen Wege gehend. „Ich kämpfe gegen die Hoffnungslosigkeit der Jugend“, sagt sie dann, schaut auf das Treiben in der Zeltstadt, lächelt. Sie wolle die Welt verändern, keiner solle über ihr und keiner unter ihr stehen. „Ich hasse es, wenn Menschen gehorchen müssen.“ Anarchistin nennt sie sich selbst. Eine, die nie aufgegeben hat und es auch nicht will, solange sie noch laufen kann.
„Wir sind dagegen“
Am Mittwoch und Donnerstag will sie den Regierungschefs ihren Protest entgegenschreien: „Wir sind die Mehrheit, und wir sind dagegen.“ Sie will an Demonstrationen und Sitzblockaden teilnehmen. Wenn es sein muss, in der ersten Reihe. Bis am Freitag alles wieder vorbei ist. Doch Anna Müller glaubt, dass sie nicht so lange demonstrieren wird. Man werde sie wohl festnehmen, sagt sie. Doch auch das gehöre dazu. Dann macht sie sich wieder auf, in die Tiefen der Zeltstadt, in das Zapatisten-Barrio. Langsam, aber beständig. Wie immer.
Was für ein Quatsch!
Björn Bierström (bierstroem)
- 06.06.2007, 14:30 Uhr
Unverständlich
Erwin Sailer (Erwin13)
- 07.06.2007, 13:29 Uhr
Erwiderung auf den Leser Sailer
Klaus Kreimeier (klauskreimeier)
- 07.06.2007, 16:46 Uhr
Anna Müller im Dunstkreis der linken Gewalt / Pfui Teufel
Christian Naubert (chutes_niagara)
- 07.06.2007, 19:28 Uhr
„Lieber aufrecht sterben als auf Knien leben.“
Friedrich-Karl Antonius (fk.antonius)
- 07.06.2007, 20:16 Uhr
Philip Eppelsheim Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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