31.10.2008 · Das Baby ist da. Was nun? Einen der über 300 Erziehungsratgeber lesen, oder auf die eigene Intuition vertrauen? Der Psychoanalytiker und Familientherapeut Manfred Cierpka verrät im Gespräch, worauf Eltern achten müssen.
Von Anfang an ist Manfred Cierpka am Hilfsprojekt „Keiner fällt durchs Netz“ im Kreis Offenbach beteiligt. Er erläutert, was Väter und Mütter brauchen und warum Kinder schon früh zu Schaden kommen können.
Wachsen Neugeborene und Kleinkinder in Familien heute nicht mehr so sicher auf wie früher?
Die Umgebung, in der Babys und Kleinkinder aufwachsen, hat sich in der Tat geändert, weil sich Familienstrukturen verändert haben und sich die Gesellschaft als Ganze geändert hat. Viele Eltern sind heute mehr als früher auf sich gestellt und stark verunsichert, wie sie mit ihrem Baby umgehen sollen. Ihnen fehlt der Rückhalt, etwa durch die eigenen Eltern, die sagen: „Ihr macht das schon richtig.“ Bei Eltern, die zu uns in die Beratung kommen, machen wir oft nichts anderes, als ihnen diese Sicherheit zu geben. Zur Verunsicherung tragen auch die vielen Erziehungsratgeber bei, die Eltern lesen. Sie fragen sich dann: Soll ich es nun so oder so machen? Es gibt mehr als 300 solcher Bücher.
Sind diese Ratgeber unnütz?
Eltern könnten es sich letztlich viel leichter machen: Sie sollen einfach auf die Signale ihres Babys achten. Es zeigt ihnen, wann es Hunger hat und wann es müde ist. Dafür brauchen sie kein Buch. Ob ein Baby nun drei- oder fünfmal am Tag schläft, ist völlig egal. Mütter und Väter müssen und können auf ihre eigenen intuitiven elterlichen Kompetenzen vertrauen. Fast alle Eltern haben diese Kompetenzen, doch sie vertrauen ihnen nicht. Oder diese Kompetenzen sind verdeckt, weil die Eltern wegen eines andauernden Partnerschaftskonflikts oder anderer Schwierigkeiten wie Arbeitslosigkeit gestresst sind. Dann können sie ihr Kind leicht aus dem Auge verlieren.
Welche Faktoren kommen in sozial hoch belasteten Familien hinzu, die das Aufwachsen eines Kindes erschweren können?
Es gibt Belastungen, die vom Kind ausgehen, etwa wenn es behindert oder chronisch krank ist. Das ist per se eine Belastung für alle Eltern. Es gibt außerdem familiär bedingte Belastungen, etwa schwere psychische oder körperliche Erkrankungen eines Familienmitglieds, eine Drogenabhängigkeit oder, was das größte Risiko ist, massive Konflikte in der Partnerschaft. Dann können noch soziale und materielle Bedingungen hinzukommen, etwa die Kinderarmut. Armut allein ist aber kein Kriterium. Es gibt viele arme Familien, in denen Kinder sehr gut aufwachsen. Hoch belastet ist eine Familie dann, wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen. Dann können Babys und Kleinkinder tatsächlich Schaden nehmen.
So dass eine Unterstützung nötig wird.
Ja, zum Beispiel durch eine Familienhebamme, die für ein Jahr in eine Familie kommt und auf die Entwicklung eines Kindes achtet.
Sie sagten eben, fast alle Eltern wüssten intuitiv, was ihr Baby brauche. Das heißt, es gibt noch eine andere Gruppe.
Ja. Es gibt Eltern, die diese Fähigkeit nicht haben, weil sie selbst unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind. Wer selbst als Kind von seinen Eltern misshandelt oder missbraucht worden ist und seinen Schmerz verdrängen musste, um in der Familie weiterleben zu können, hat später ein gestörtes Verhältnis zum Schmerz seines eigenen Kindes und denkt: „Es hält das schon aus. Ich habe es ja auch aushalten müssen.“ Solche Eltern verstehen die Signale ihrer Babys nicht.
Welche Gruppe ist größer?
Die Unicef geht von vier bis acht Prozent hoch belasteten Familien in den industrialisierten Ländern aus. Wie viele dieser Familien über gute Kompetenzen verfügen, kann ich noch nicht sagen. Dafür müssen die Studien, die wir im Rahmen des Projekts „Keiner fällt durchs Netz“ machen, abwarten. Wichtig ist, dass die Eltern unterschiedlich gefördert werden müssen, je nachdem, zu welcher Gruppe sie gehören. Eltern der zweiten Gruppe muss man erst beibringen, ihre Kinder richtig zu verstehen.
Nun gibt es das ja: Im Projekt des Kreises Offenbach gibt es Kurse „Das Baby verstehen“. Im Kreis Groß-Gerau gibt es eine entsprechende „Entwicklungspsychologische Beratung“. Nutzen Eltern aus hoch belasteten Familien diese Angebote denn?
Das ist ein Problem. Durch Angebote wie diese, zu denen Eltern kommen müssen, erreichen wir nur zehn Prozent der hoch belasteten Familien. Deswegen müssen wir ja verstärkt zu ihnen gehen – wie es die Familienhebammen tun. Projekte wie „Keiner fällt durchs Netz“ sind unerlässlich, um in Deutschland ein tragfähiges System der „Frühen Hilfen“ für Kinder in Gang zu bringen. Inzwischen gibt es bundesweit acht solcher Projekte, drei in Ost- und fünf in Westdeutschland mit Standorten in allen Bundesländern. Koordiniert werden diese Projekte vom neuen Nationalen Zentrum „Frühe Hilfen“. Es wird getragen vom Deutschen Jugendinstitut in München und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln. In drei Jahren soll es dann Richtlinien des Bundesfamilienministeriums für das Angebot solcher früher Hilfen für Babys und Kleinkinder geben.
Nötig sind beispielsweise Konzepte, um Familien mit Migrationshintergrund zu erreichen. Allerdings müssen solche Projekte auf lange Sicht Teil der Regelversorgung werden. Es geht doch um Prävention, die allerorten gefordert wird. Unsere Arbeit im Projekt zeigt, dass die Hälfte der Familien, die wir betreuen, gar nicht erst in Kontakt mit den Jugendämtern kommt und später keine teuren Jugendhilfe-Maßnahmen braucht. Auch daran zeigt sich der Erfolg unseres Einsatzes.
Immer wieder gibt es Meldungen über Eltern, die ihren Kindern Gewalt antun. Was geht in diesen Eltern vor?
Wenn Eltern ihre Kinder heftig schütteln, schlagen, fallen lassen oder ihnen ein Kissen aufs Gesicht drücken, damit sie endlich aufhören zu schreien, sind das Impulshandlungen, zu denen sie in diesem Moment, in dem sie völlig überfordert sind, keine Alternative sehen. Das ist eine absolute Grenzsituation. Es gibt aber schon Vorläufer solcher Gewalttaten, zum Beispiel wenn Eltern ein schreiendes Kind kurz auf dem Wickeltisch fallen lassen, um es zu erschrecken, damit es Ruhe gibt. Etwa jedes hundertste Baby wird misshandelt. Hinzu kommen andere Formen der Gewaltausübung: sexueller Missbrauch und die Vernachlässigung von Kindern. Kinder werden viel häufiger vernachlässigt als misshandelt oder sexuell missbraucht.
Wann beginnt eine Vernachlässigung?
Dann, wenn Eltern ihrem Kind nicht das geben, was es für seine Reifung braucht.
Was gehört dazu?
Natürlich Nahrung und Kleidung, aber auch eine kindgemäße Umgebung und emotionale Wärme. Wichtig ist auch das altersgemäße Spielen mit dem Kind, um seine Neugierde und sein Lernenwollen zu befriedigen. Das hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Ausbildung des kindlichen Hirns. Andernfalls verkümmert das Gehirn. Ausbilden kann es sich nur, wenn es stimuliert wird.
Was geschieht mit der Psyche eines Kindes, wenn es vernachlässigt wird?
Diese Kinder gehen in eine innere Emigration, sie kapseln sich von der Außenwelt ab. Sie sprechen nicht, ihre körperliche und emotionale Entwicklung ist verzögert.
Gibt es dabei einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen?
Ja, dieser Unterschied zeigt sich aber erst im Laufe der Zeit. Mädchen, die Aggression, Vernachlässigung und Gewalt erlebt haben, neigen dazu, diese Erfahrungen zu internalisieren, und entwickeln später beispielsweise Essstörungen. Sie sind aggressiv sich selbst und ihrem eigenen Körper gegenüber. Jungen neigen dazu, diese Erfahrungen zu externalisieren, das heißt, sie werden gegenüber anderen aggressiv, den Kindern im Kindergarten und Mitschülern gegenüber. Dann werden sie irgendwann straffällig und sitzen, wenn es schlecht läuft, mit 30 Jahren im Gefängnis.
Die Fragen stellte Stefan Toepfer.
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