Der neue Ton hat das Publikum erst einmal ein bisschen erschreckt. Ein Zischlaut, offenbar akustischer Ausdruck des frischen Windes, der nun über den Campus wehen soll, leitete bei der Amtseinführung des neuen Uni-Präsidenten kurze Videosequenzen ein. In ihnen durften Hochschulangehörige und bekannte Frankfurter ihre Meinung über die Goethe-Universität sagen. Zu hören waren mächtige Lobesworte von Flughafenchef Wilhelm Bender über das Stiftungsmodell („gigantische, radikale Idee“), jedoch auch Kritik von Studenten, die sich über volle Hörsäle, schlechte Infrastruktur und zu viel Bürokratie beklagten. Nicht die klassische Orchestrierung für einen Festakt, aber durchaus angenehm, da sie auch moderate Dissonanzen zuließ.
Auch sonst setzte die Inszenierung ungewohnte Akzente. Werner Müller-Esterl hatte seiner Inaugurationsfeier einen Titel gegeben, der sehr nach einem hochschulpolitischen Symposion klang: „Positionen und Perspektiven einer modernen Forschungsuniversität“. Doch so dröge, wie die Ankündigung befürchten ließ, ging es im Saal des Westend-Casinos nicht zu.
Unterhaltsame Gesprächsrunde
Natürlich durften die Grußworte der Würdenträger nicht fehlen. Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann, Oberbürgermeisterin Petra Roth und Hochschulratsvorsitzender Rolf Breuer wünschten Müller-Esterl Erfolg bei seinem Bemühen, die Goethe-Universität in den Kreis der Spitzenhochschulen zu führen. Mit dem Historiker Bernhard Jussen und Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger konnten auch zwei Vertreter der Professorenschaft ihre Vorstellungen von zeitgemäßer Forschung darlegen. Besonders Jussen tat das in pointierter Art, indem er etwa eindringlich vor der „Standardisierung von Grundlagenwissen“ in den Geisteswissenschaften warnte. Wohin das führe, könne man an den Staatsexamensprüfungen in Bayern sehen, in denen gesellschaftlich relevante Themen kaum behandelt würden.
Unterhaltsamster Teil der Veranstaltung und für einen solchen Anlass ein Novum war jedoch eine Gesprächsrunde, in der drei Studenten Müller-Esterl ihre Ansichten und Wünsche mitteilen konnten. Daniela Born und Xaver Glass gaben zu, als „ZVS-Opfer“ in Frankfurt gelandet zu sein, AStA-Vorsitzender Jonas Erkel hat sich dagegen bewusst für die Goethe-Uni entschieden. „Ich wollte eigentlich kritisch sein, muss Sie aber auch mal loben“, sagte Jura- und Medizinstudent Glass an den Präsidenten gewandt. In der Sommerschule, die Müller-Esterl als Medizinprofessor veranstaltet habe, „gab es jeden Abend zwei Kisten Bier auf Kosten der Uni – davon wünsche ich mir mehr“. Ernsthafter war Erkels Anliegen, der sich von seinem Studium „nicht nur Ausbildung, sondern Bildung“ erwartet. „Warum wird in Pharmazie keine Ethik gelehrt?“, fragte Born, und auch die Didaktik der Vorlesungen ist nach ihrer Ansicht verbesserungswürdig: „Je brillanter der Professor, desto schwerer tut er sich beim Vermitteln.“
Mit verständnisvoller Miene
Müller-Esterl – ohne die Amtskette, auf die sein Vorgänger bei solcher Gelegenheit kaum verzichtet hätte – hörte sich das alles mit verständnisvoller Miene an. Er gab zu, dass ihm gewisse Aspekte der Bologna-Reform wie starre Lehrpläne und die Behinderung studentischer Mobilität „große Sorge“ bereiteten. Seinem Ziel, die Lehre – und vor allem die Lehrerbildung – zu verbessern, widmete er auch große Teile seiner abschließenden Grundsatzrede. Er versprach, eine „Goethe-Studienstiftung“ und ein millionenschweres Nachwuchsförderprogramm einzurichten. „Mit Bedacht, Gelassenheit und kühlem Kopf“ wolle er sein Amt führen, „ohne in Reformhysterie zu verfallen“. Entspannte Töne, zu denen das musikalische Begleitprogramm der Feier gut passte: kein Bläsersatz, kein Streichquartett, sondern Jazz-Arrangements für Cello und Gitarre.
