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Frankfurter Zoo Der Riesenaffe war groß - viel mehr weiß man nicht

27.11.2003 ·  Auf den Spuren des Gigantopithecus, auch King Kong genannt /Reisen, Grabungen und der Urzahn im Senckenbergmuseum

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"King Kong" heißt mit wissenschaftlichem Namen Gigantopithecus, wird von seinen Verehrern aber meist kurz und bündig Riesenaffe genannt. Er war groß, größer als "Matze", der Gorilla-Boß im Frankfurter Zoo, oder "Charlie", der Chef der Orang-Utans dort. Wie groß, das weiß indes niemand genau - denn vom Riesenaffen ist nur ein Zahn übriggeblieben. Ein Riesenzahn freilich, wie man ihn bis dahin noch nie gesehen hatte.

Und damit sind wir schon mitten in der "King-Kong"-Geschichte, einer bizarren Geschichte, in der ein Frankfurter Forscher die Hauptrolle gespielt hat: Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald, Paläoanthropologe vulgo Urmenschenforscher am Senckenbergischen Forschungsinstitut. Der trieb sich beruflich viel in Asien herum und hatte sich auf seinen Forschungsreisen von einer seltsamen Medizin erzählen lassen, die in China bei allerlei kleinen und großen Leiden verabreicht wurde: ein Pulver aus Drachenzahn. Natürlich mochte Herr von Koenigswald nicht so recht an die Existenz von Drachen glauben, aber neugierig war er doch, was sich hinter dem seltsamen Medikament verberge. So marschierte er, als er gerade einmal in Hongkong weilte, einfach in eine Drachenzahn-Apotheke und ließ sich die Materialien zeigen, aus der besagtes Pulver gewonnen wurde. Auf der Stelle erkannte sein geübtes Auge, daß es sich bei dem Urstoff um Fossilien handelte, Versteinerungen aller Art, denen die chinesischen Heilkundigen magische Kräfte zuschrieben.

Besonders angetan war der Senckenberg-Forscher von Zähnen, so riesig, wie er sie in seinem ganzen Forscherleben noch nie gesehen hatte. Herr von Koenigswald zückte flugs die Geldbörse und kaufte ein. Sein Shopping-Ausflug vor 70 Jahren in die Hongkonger Drachenzahn-Apotheke hat dem Senckenberg-Institut einen der größten Schätze seiner Sammlung eingebracht: den obenerwähnten Riesenzahn und zwei weitere Exemplare vergleichbarer Größe.

Welches Lebewesen hat diesen Riesenzahn, der siebenmal größer ist als der eines Menschen, hinterlassen? Professor von Koenigswald und die anderen Großen seiner Zunft waren ratlos, weil es keine vergleichbaren Fundstücke gab. Klar war nur, daß es sich um einen Affen gehandelt haben mußte, einen Riesenaffen, größer als alle lebenden und alle bis dahin bekannten ausgestorbenen Arten. Deshalb postulierte der Frankfurter Wissenschaftler: Es handelt sich um eine eigene Gattung, sie soll den Namen Gigantopithecus tragen.

Damit war die Suche nach "King Kong" eröffnet, eine kräftezehrende Jagd nach seinen Fossilien, die Auskunft geben sollten über das mysteriöse Urtier. Dessen Rätsel zu lösen, damit hat sich später ein weiterer deutscher Forscher, Professor Hans-Dietrich Kahlke aus Weimar, ein Leben lang beschäftigt. Bei der "Koenigswald Lecture" am Mittwoch im Festsaal des Senckenbergmuseums berichtete der bald achtzig Jahre alte Gelehrte von seiner Suche nach dem ausgestorbenen Riesenaffen, die ihn während der beiden ersten Nachkriegsjahrzehnte nach China und Vietnam führte. Auch Kahlke hat Anfang der fünfziger Jahre eine chinesische Drachenzahn-Apotheke besucht, genauer gesagt ein Drachenzahn-Großlager, das zahlreiche Apotheken mit Fossilien versorgte. Zusammen mit 60 Wissenschaftlern und Helfern sichtete er am Anfang stundenlang die Arzneigrundstoffe und fand viel Interessantes - "aber nicht, was wir suchten". Kein Riesenzahn von Gigantopithecus, kein Schädelfragment des Riesenaffen, schon gar kein Schienbein oder einen Handwurzelknochen, die Auskunft über die Größe des Urzeit-Tieres hätten geben können.

Es bedurfte schon mehr als eines Besuchs in einem Apotheken-Lager, um Gigantopithecus ein wenig mehr auf die Spur zu kommen, nämlich einer drei Jahre dauernden Ausgrabungskampagne der Pekinger Wissenschaftlichen Akademie in Südchina mit Dutzenden von Wissenschaftlern, darunter Kahlke. Nach Herrn von Koenigswalds altbewährtem Motto "Ausdauer, Ausdauer und ein klein wenig Glück" buddelten die Forscher unverdrossen in den Höhlen der Karstberge - und fanden schließlich nach langer Suche tatsächlich Zähne und Unterkiefer des Riesenaffen. Leider aber keine Knochen. Fünf Gigantopithecus-Fundstellen wurden zwischen 1955 und 1960 entdeckt. Dazu kommen zwei Fundstellen in Vietnam - und die gehen ganz auf das Konto von Kahlke und seinem Team.

Das Angebot für eine wissenschaftliche Expedition hatte die nordvietnamesische Regierung Anfang der sechziger Jahre den DDR-Behörden gemacht. Als Leiter kam selbstverständlich nur der erfahrene Ausgräber und Riesenaffen-Experte Kahlke in Frage. In den tiefsten Dschungel an der Grenze zu China führte ihn und sein 100 Mitarbeiter umfassendes Team die Reise, in eine gottverlassene Gegend mit Mangelversorgung und Giftschlangen. In der "Höhle des Tigers" wurden sie fündig, später noch an einer anderen Stelle. Allerdings mußten sie sich mit Zähnen zufriedengeben.

Und so sieht ein knappes halbes Jahrhundert später die Fundlage aus: drei Unterkiefer aus China und einer aus dem indischen Himalaja, etwas mehr als tausend Zähne aus chinesischen Fundorten und einige aus vietnamesischen Grabungsstellen. Und natürlich der Urzahn im Senckenbergmuseum, der die ganze Suche ausgelöst hat.

Was kann man aus diesen spärlichen Relikten über den Riesenaffen sagen? Daß es ihn gegeben hat - und daß er groß war, größer als jede bekannte Affenart. Mehr nicht. Oder in den Worten Ralf-Dietrich Kahlkes, des Sohnes von Hans-Dietrich Kahlke, der mittlerweile die von seinem Vater gegründete und zu Senckenberg gehörende Forschungsstation Quartärpaläontologie in Weimar leitet: "Wir wissen gar nichts." Nicht, ob "King Kong" ein Pflanzenfresser oder ein Allesfresser war, nicht, ob er in Horden gelebt hat, nicht, ob er zwei oder drei oder vier Meter groß war. Der Riesenaffe ist bis heute ein Rätsel geblieben. Vielleicht können die Enkel des Herrn von Koenigswald und des Professors Kahlke es irgendwann einmal lösen. HANS RIEBSAMEN

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