06.02.2008 · Die im Juni beginnende Neugestaltung der Zeil wird das Gesicht der Fußgängerzone nicht komplett verändern. Aber sie wird etliche Makel beseitigen.
Von Rainer SchulzeNiemand erwartet, dass sich die Zeil dank 200 neuer Lampen, 13.000 Quadratmeter Pflaster im „Fischgrätverband“ und dreier Gastronomiepavillons, die ein bisschen an Bungalows in Küstennähe erinnern, in die Schönheitskönigin unter den Einkaufsstraßen verwandelt. Oder dass sie gar wieder zu der Prachtstraße wird, die sie im 19. Jahrhundert einmal war.
Es gehört in Frankfurt zum guten Ton, etwas gegen die Zeil zu haben. Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg versehrten die frühere Prachtstraße, der allzu pragmatische Wiederaufbau tat ein Übriges. Gegen das zusammengewürfelte und lieblose Erscheinungsbild der Fassaden ist die Stadtverwaltung machtlos. Mit der Neugestaltung der Zeil, die im Juni beginnt, kümmert sie sich aber endlich um das hinfällige Erscheinungsbild ihrer wichtigsten Einkaufsstraße.
Zwölf Millionen Euro teurer Eingriff
Es ist wie bei einer Schönheitsoperation: Einige kosmetische Makel werden beseitigt. Das Resultat wird einen Wiedererkennungseffekt haben. Auch damit im Nachhinein keine Klagen kommen, hat der Magistrat schon früh die Bevölkerung beteiligt. Ein Kreis von Anwohnern wurde in alle wichtigen Entscheidungen einbezogen. Anhand von Musterabschnitten konnten sie sich von der Wirkung des neuen Pflasters und der Beleuchtung im Vorhinein überzeugen. Die Zeil-Anlieger beteiligen sich mit etwa einer Million Euro an der Neugestaltung.
Knapp zwölf Millionen Euro wird dieser Eingriff insgesamt kosten, die Kosten für Abriss und Neubau der Pavillons nicht eingerechnet. Im Westen der Zeil wird in Höhe der Liebfrauenstraße mit der Neugestaltung begonnen, die Konstablerwache im Osten kommt zum Schluss dran. Bis Februar 2009 soll der erste Bauabschnitt gepflastert und gestaltet sein – rechtzeitig zur voraussichtlichen Eröffnung des Einkaufszentrums von „Frankfurt Hoch Vier“. Dieser Zeitplan ist zumindest ambitioniert.
Das Pflaster
Bisher bedecken quadratische Betonsteine die Zeil. Doch der im versetzten „Läuferverband“ gepflasterte, zwei Jahrzehnte alte Untergrund ist schadhaft, von festgetretenen Kaugummis übersät und notdürftig ausgebessert, er gleicht streckenweise einem Flickenteppich. Der neue Boden für den Einkaufsbummel wird künftig aus 60 mal 90 Zentimeter großen rutschfesten Betonsteinplatten bestehen. Der helle Farbton wird leicht ins Ocker gehen, eine Imprägnierschicht soll die Reinigung erleichtern. Die Planer entschieden sich gegen Naturstein, weil das ausgewählte Material günstiger und einfacher zu beschaffen sei. Die Steine müssen nicht nur stündlich rund 13.950 Paar Füßen standhalten, sondern auch Einsatzfahrzeugen der Feuerwehr. Für die rund 13.000 Quadratmeter Straßenbelag werden sechs Millionen Euro bereitgestellt.
Die Lampen
Rund 200 Lampen sollen über der Zeil einen „Sternenhimmel“ bilden, wie das Beleuchtungskonzept inoffiziell in der Stadtverwaltung genannt wird. Die alten, Stehlampen ähnelnden Laternen, die bisher ein eher schummriges Licht verbreiten, haben ausgedient. Die neuen Lampen kommen schon andernorts zum Einsatz. In gläsernen Zylindern verbreiten drei leuchtende Ringe ein angenehmes, nicht zu grelles Licht über der neuen Europaallee und der Mainzer Landstraße zwischen Alter Oper und Platz der Republik. Um das Stadtbild einheitlicher zu gestalten, wird Katalogware die Einkaufsmeile beleuchten. Die neuen Lampen sollen von zirka 40 Masten strahlen, die im Abstand von 25 Metern auf die Zeil gestellt werden. Zwischen die Masten wird ein Gitternetz aus Seilen oder Rohren gespannt, an dem Lampen befestigt werden, die das Blätterdach der Platanen beleuchten sollen – ein gleichmäßiges Lichtdach soll so über der Zeil schweben. An den Masten wird auch die Weihnachtsbeleuchtung befestigt. Das Lichtkonzept soll 1,2 bis 1,5 Millionen Euro kosten.
Die Pavillons
In drei flach wirkenden, an amerikanische Bungalows von Bauhaus-Architekten erinnernden Pavillons sollen sich die Einkäufer erfrischen und stärken können. Die Neubauten werden die alten Pavillons ersetzen, die jeweils als Paar in Höhe von Douglas und Karstadt stehen und ein Nadelöhr für die Passantenströme bilden. Mittig zwischen diese alten Standorte werden zwei neue Pavillons mit einer Bruttogeschossfläche von 150 Quadratmetern gesetzt, die die schon vorhandenen Kellerräume nutzen sollen. Ein dritter, mit 100 Quadratmetern Bruttogeschossfläche deutlich kleinerer Pavillon soll westlich oder östlich des Brockhausbrunnens stehen.
Als Sieger aus einem Gutachterverfahren ging der Entwurf von Ferdinand Heide hervor. Sein Modell steht auf einem Podest und hebt sich wohltuend von der Umgebung ab. Vielleicht wird die Stufe, die Eltern mit Kinderwagen und Rollstuhlfahrer umständlich über Rampen überwinden müssen, aber noch geschleift. Stadtplanungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) hat den Architekten gebeten zu prüfen, ob und wie sich das Podest einsparen lässt. Außerdem soll Heide berichten, ob auch auf dem Pavillondach Gastronomie möglich ist.
Der Entwurf von Heide ist gelungen, allerdings stellt sich die Frage, ob die Flachbauten die zum Ort passende Form haben. Der geheime Favorit einiger Stadtverordneter zumindest war der Entwurf des Büros Meixner Schlüter Wendt, ein höherer, offen und luftig wirkender Pavillon, der in seiner Fassade das „hochgeklappte“ Muster des Zeil-Pflasters aufnimmt. Dieser intelligente, mutige Entwurf landete leider in der Schublade.
80 Platanen fallen
Auch der Darmstädter Architekt Udo Nieper kam mit seinem zu groß dimensionierten Entwurf nicht zum Zuge. Die Zeil wird dennoch weiter seine Handschrift tragen. Nieper hatte den Masterplan zur Gestaltung der Zeil vor 38 Jahren entworfen und der Fußgängerzone ein grünes Band aus Platanen geschenkt, das nun gelichtet wird. 80 der rund 380 Bäume sollen fallen, damit an einzelnen Punkten kleine Lichtungen und freie Plätze entstehen. Der Darmstädter Architekt ist zwar einverstanden damit, dass seine alten, zu voll gepackten Pavillons abgeräumt werden. Die Pachtverträge sind schon gekündigt worden, vom 1. Juni an sollen sie abgerissen werden. Allerdings widerstrebt nicht nur Nieper die Idee, dass ein mit 100 Quadratmetern deutlich kleinerer dritter Pavillon am Brockhausbrunnen gebaut wird: „Das wäre für das Erscheinungsbild der Zeil eine Katastrophe.“
Eine Betreibergesellschaft aus den Zeil-Anliegern wird die Pavillons betreiben. Die Anlieger sind überzeugt, dass die Frankfurter Aufbau AG (FAAG) einen dritten Pavillon bauen wird. Sie wollen dies finanzieren und den Pavillon selbst betreiben, für die beiden übrigen erstellen sie derzeit das Betreiberkonzept. In dem einen wird es Frankfurter Speisen geben, in dem anderen internationale Gerichte, wie Jan Dustmann berichtet, der die Interessen der Anlieger vertritt und Fast-Food-Ketten verhindern will. In den kleineren Pavillon am Brunnen soll nach seinem Willen ein Café einziehen, das abends als Bar seine Türen öffnen soll. Dustmann will so „mehr städtisches Leben“ auf die nach Ladenschluss tote Einkaufsmeile bringen.