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Kulturgut als Kartenspiel : 100 Stunden Öffnungszeit, wer bietet mehr?

Fremde sagen Kiosk: Eine Auswahl der Frankfurter Wasserhäuschen gibt es nun als Quartett. Bild: Müller, Norbert

Wer hat die längste Öffnungszeit, wer die meisten Biersorten? Beim neuen „Wasserhäuschen-Quartett“ zählen andere Faktoren als PS oder Hubraum – eine Liebeserklärung an ein Frankfurter Kulturgut.

          Es war so etwas wie ein Sippentreffen, das kürzlich im Homburger Hof in Eckenheim stattfand. Die muntere Runde, die bei Rindswurst und Flaschenbier angeregt plauderte, bestand aber nicht aus Großeltern und Enkeln, Nichten und Neffen, sondern aus den Mitgliedern der Frankfurter Wasserhäuschen-Familie. Oder, um es für Auswärtige verständlich auszudrücken: den Betreibern von Kiosken. Die Familie ist verzweigt, zählt Angehörige in fast allen Vierteln, umfasst mehrere Generationen und kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Zusammengebracht hat sie ein Trio, das sich seit Jahren intensiv mit der Frankfurter Trinkkultur befasst: Hubert Gloss, Oliver Kirst und Boris Borm.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn Kirst über Wasserhäuschen als Kulturgut spricht, dann klingt das keineswegs übertrieben, sondern voll ernsthaften Interesses für eine Institution, die er schätzen und lieben gelernt hat. Vor zwölf Jahren hat sich der Sozialpädagoge für seine Diplomarbeit in das Thema vertieft. „Wasserhäuschen – Vom Babbeln mit Bier am Büdchen. Stadtentwicklung im Zeichen der Trinkhalle“ heißt sie und hält, was der Titel verspricht: Sie liest sich wie eine Lokalgeschichte von der Industrialisierung bis zur Postmoderne, wie eine Sozialstudie der Frankfurter Gesellschaft – erzählt anhand den, wie das Ordnungsamt sie nennt, „Schankstätten an öffentlichen Wegen und Plätzen“.

          Wer hat die meisten Biersorten?

          Bei der Recherche für die Diplomarbeit lernte der heute Achtunddreißigjährige Hubert Gloss kennen. Der Journalist hatte den Wasserhäuschen schon Anfang der neunziger Jahre eine Fotoausstellung gewidmet. Seitdem habe ihn das Thema nicht losgelassen, sagt er. Vor einem Jahr stieß der Fotograf Borm dazu, zusammen haben sie nun das „Frankfurter Wasserhäuschen-Quartett“ herausgegeben. Gloss und Kirst wählten die 32 Kioske aus, die auf den Spielkarten abgebildet sind. Sie sammelten Daten wie die Zahl der Fruchtgummi- und Biersorten, bewerteten den „Kinderspaßfaktor“ und die „Eintrachtfieberkurve“. Borm fotografierte und gestaltete die Karten.

          Eine Kategorie im Quartett ist das Jahr, seitdem der jeweilige Betreiber den Kiosk innehat. Der Rekordhalter steht an der Kreuzung von Saalburgallee und Wittelsbacher Allee. Seit 1972 ist „Heidruns Trinkstübchen“ in derselben Hand. Die Geschichte der Wasserhäuschen reicht allerdings noch viel weiter zurück. Vorläufer gab es in Frankfurt schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, aber so richtig setzte die Entwicklung mit dem „Selterswasser“ ein. Um dessen Absatz zu erleichtern, beantragten von 1862 an drei Frankfurter Mineralwasserfabrikanten Konzessionen zum Aufstellen von Büdchen.

          Wasserhäuschen sollten einst Alkoholsucht reduzieren

          Wie Kirst schreibt, erteilte die Stadtverwaltung die Genehmigungen gern, nicht nur, weil sie die Pachteinnahmen schätzte, sie wollte auch die Volksgesundheit stärken. Aus Mangel an sauberem Trinkwasser, und weil in Fabriken Schnaps als stärkendes Getränk ausgegeben wurde, grassierte unter Arbeitern die „Trunksucht“. Die Mineralwasserbuden avancierten so zum „Kurort des kleinen Mannes“, und tatsächlich gibt es Belege, dass die günstige, betriebs- und wohnortnahe Abgabe von Wasser und Brause die Alkoholsucht eindämmte.

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