Mit voller Kraft wolle sie in den nächsten Wochen kämpfen, hat Andrea Ypsilanti beim Sonderparteitag der Frankfurter SPD im Messe-Kongresszentrum gesagt. Doch wie viel Kraft besitzt die Gescheiterte noch? Manchmal, wenn sie aufwache, so sagte sie den Frankfurter Genossen am Samstagmorgen, wisse sie es nicht genau. Aber hier, beim Frankfurter Unterbezirk, ihrer politischen Heimat, hat sie Kraft. Empörungskraft. Denn der „Verrat“ der drei „Abweichler“, die Ypsilanti um die Chance gebracht haben, Ministerpräsidentin zu werden, treibt sie sichtlich immer noch um. Sie bezeichnet das Tun Jürgen Walters und der anderen zwei Abgeordneten, die sich in letzter Minute von ihr abgewandt haben, als „infam“, spricht von einem Angriff auf die demokratischen Spielregeln der SPD. Walters Verhalten etwa sei mehr gewesen als Wortbruch, nämlich ein Anschlag auf die gesamte Partei. Jetzt gelte es zu kämpfen, lautete die Botschaft der hessischen Parteivorsitzenden.
Erzählungen aus der Jugend
Ihr Kampfplatz wird mit größter Wahrscheinlichkeit wieder der Landtag sein. Nach dem Parteitag wird Ypsilanti auf einer Wahlkreisdelegierten-Konferenz wieder zur Kandidatin im Wahlkreis 39 (Osten) bestimmt. Petra Tursky-Hartmann soll den Wahlkreis 37 gewinnen und Roger Podstatny den Wahlkreis 34. Für die Frankfurter Sozialdemokraten steht außer Frage, dass Ypsilanti Platz zwei auf der Landesliste einnehmen und damit auch bei einer Niederlage im Wahlkreis in den Landtag einziehen wird.
Nach Ypsilanti spricht der neue Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel. Den Mann, der aus der Tiefe des mittelhessischen Raumes kommend zum Mittelstürmer geworden ist, haben viele der Frankfurter Genossen noch nie leibhaftig gesehen. Er hat auf sie offenbar einen guten Eindruck gemacht, am Ende standen viele auf und applaudiertem ihm heftig. TSG, wie der Mann mit der dicken Brille in der Partei genannt wird, blickt kurz zurück im Zorn: Alle hätten versagt, die ganzen 110 Abgeordneten im Landtag, weil sie keine regierungsfähige Mehrheit zustande gebracht hätten. Der politische Gegner habe gegenüber Ypsilanti die Grenze des Anstands überschritten, als er ihren Sohn in den Wahlkampf hineingezogen habe. Schäfer-Gümbel macht dafür Ministerpräsident Roland Koch (CDU) verantwortlich, einen Mann, der in seinen Augen das Land spaltet. Die SPD sei ein Garant dafür, dass Koch nicht weiter regieren werde. Das hört sich fast wie eine vorweggenommene Absage an eine große Koalition an.
Die Herzen der Delegierten gewinnt der Neue aber eher mit leisen Tönen. Beim Thema Bildung etwa trumpft Schäfer-Gümbel nicht mit den altbekannten Schlagworten auf. Er erzählt einfach aus seiner Jugendzeit. Zufall, Glück und Entbehrung hätten ihm seine Bildungskarriere ermöglicht: Zufall, weil ein Realschullehrer sein Talent erkannt und seine Eltern davon überzeugt habe, dass er Abitur machen müsse; Glück, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung ihn finanziell beim Studium unterstützt habe; Entbehrung, weil sein Vater, damals Lastwagenfahrer, und seine Mutter, eine Hausfrau und Putzfrau, auf manches hätten verzichten müssen, um ihm das Studieren zu ermöglichen.
Fehlentwicklungen bei der SPD
Nach vorne blicken, kämpfen, zusammenstehen. Davon ist viel zu hören auf diesem Parteitag. Da passt ein Antrag des Ortsvereins Nordend-Günthersburg nicht, in dem die Rede ist von Kompromissunfähigkeit und davon, dass es darauf ankomme, Fehlentwicklungen bei der SPD zu benennen. Er wird auf kaltem Weg entsorgt, indem seine Behandlung auf den Jahresparteitag im Frühjahr verschoben wird. Einen Jahresparteitag, auf dem vermutlich nicht mehr darum gestritten werden wird, wer im Herbst 2008 die Chance auf eine Regierungsbildung – in Schäfer-Gümbels Worten – „versemmelt“, sondern wer das schlechte Wahlergebnis vom Januar 2009 zu verantworten hat.
Das wahrscheinlich schlechte Ergebnis. Denn just vor dem Parteitag wurde die von dieser Zeitung und Hitradio FFH in Auftrag gegebene Wahlumfrage veröffentlicht. Die SPD fällt ihr zufolge auf 26 Prozent. In einer Resolution spricht der Parteitag zwar davon, dass das Ziel unverändert laute: „stärkste Partei in Frankfurt bleiben und in Hessen werden“. Doch an die Erreichbarkeit glaubt so mancher nicht recht. Michael Paris, als Kandidat im Wahlkreis 38 (Bornheim, Nordend) bestätigt, scheint daran zu zweifeln, wieder das Mandat direkt gewinnen zu können. Er bemüht sich um einen sicheren Platz auf der Landesliste. Und der kann für ihn, da Ypsilanti und der ebenfalls als Kandidat bestätigte Parteivorsitzende Gernot Grumbach (Wahlkreis 35) sicherlich wieder sichere Plätze bekommen, nur der dritte Frankfurter Platz sein. Wobei er als Nummer drei bei einem schlechten SPD-Wahlergebnis sich eines Mandats auch nicht sicher sein kann.
Doch die Nummer drei unter den Frankfurtern bleibt wahrscheinlich Turgut Yüksel (für den Wahlkreis 36 als Kandidat bestätigt). Denn ein Antrag der Paris-Freunde, dem zufolge die „Zugpferde“, also die direkt ins Parlament gewählten Abgeordneten, bei der Vergabe der Listenplätze vor den Verlierern stehen sollten, wird abgeschmettert. Für Paris ist dies eine bittere Niederlage. Ob auch für den Bundestagsabgeordneten Gregor Amann, muss sich noch herausstellen. Bei der Aufstellung der Liste für die Bundestagswahl könnte dies bedeuten, dass Ulli Nissen erste Frankfurter Kandidatin wird. Doch Nissen hat am Samstag unmissverständlich erklärt, dass sie auf jeden Fall Amann den Vortritt lassen werde.

