20.04.2009 · Bärbel Beinhauer-Köhler ist sich sicher: Vereine, die Moscheebauten planten, seien „ziemlich unproblematisch“. Sie stünden zwar für einen „konservativen Mainstream“ im Islam, gefährlich seien sie aber nicht. Die Religionswissenschaftlerin wirbt deshalb um Verständnis für muslimische Vereine.
Von Stefan ToepferBärbel Beinhauer-Köhler ist sich sicher: Vereine, die Moscheebauten planten, seien „ziemlich unproblematisch“. Sie stünden zwar für einen „konservativen Mainstream“ im Islam, gefährlich seien sie aber nicht. Muslime, die sich subversiv betätigen wollten, seien anders organisiert.
Wie Beinhauer-Köhler Moscheevereine einschätzt, ist von Belang, denn sie hat Einfluss. Die Religionswissenschaftlerin lehrt an der Goethe-Universität, und sie hat an einem neuen Buch mitgeschrieben: „Moscheen in Deutschland. Religiöse Heimat und gesellschaftliche Herausforderung“. Finanziert wurde es von der in Bad Homburg ansässigen Herbert-Quandt-Stiftung, die 2002 ein erstes Werk dieser Art herausgegeben hatte.
Der Gießener Politikwissenschaftler Claus Leggewie hatte schon an der ersten Publikation mitgewirkt. Auch in dem neuen Buch zeichnet er aktuelle Konflikte um Moscheebauten nach und gibt Moscheevereinen, Politikern und anderen Verantwortlichen etliche „Handlungsempfehlungen“. Ergänzt werden die Texte durch einen Essay von Alen Jasarevic, dem Architekten einer Moschee im bayerischen Penzberg.
„Perspektiven der Muslime sprechen lassen“
„Wir wollten nicht wieder einfach nur über Muslime schreiben, sondern deren Perspektiven sprechen lassen“, sagt Beinhauer-Köhler. Sie hat den ersten Teil des Buches verfasst, in dem sie aufschlussreich die Geschichte der Moscheen in Deutschland, ihre Funktionen und das Alltagsleben darin erläutert. Beinhauer-Köhler wurde 1994 in Arabistik und Islamwissenschaft promoviert, im Jahr 2000 folgte die Habilitation im Fach Religionswissenschaft mit einer Arbeit über eine Frauengestalt aus der Frühzeit des Islams. Seit 2006 hat sie die am Fachbereich Evangelische Theologie der Goethe-Universität angesiedelte Professur für Religionswissenschaft inne.
Pläne für neue, repräsentative Moscheen, die zunehmend an die Stelle von Hinterhofmoscheen träten, fordern nach ihrer Überzeugung nicht zuletzt die Muslime selbst heraus. „Sie müssen sich fragen, was ihnen gefällt, ob sie etwa einen Baustil wählen, der sie an ihre alte Heimat erinnert, oder einen, der moderner europäischer Architektur entspricht. Das ist noch immer Neuland in innerislamischen Debatten.“ Genau überlegt werden müsse auch, wo ein solches Haus errichtet werden solle. Weil Moscheen Gebäude im öffentlichen Raum seien, müssten „Formen gefunden werden, die möglichst vielen Interessen gerecht werden“.
Ausführlich geht das Buch auf einen aktuellen Konflikt in Frankfurt ein. Im Stadtteil Hausen hatte der Plan eines türkisch-pakistanischen Vereins, dort eine repräsentative Moschee zu errichten, zu einem heftigen Streit geführt. Leggewie konstatiert in seinem Beitrag, dass jener Streit eine „Konflikt- und Spaltungslinie“ aufdecke, die auch bei einem ähnlichen Vorhaben in Essen aufgetaucht sei: „Die Bürgerinitiative geriert sich im Stadtteil und in der Presse als Repräsentanz der heimatverbundenen ,kleinen Leute' - gegen eine in ihren Augen abgehobene politische Kaste, die im Zentrum der Stadt kosmopolitischen Phantasien nachgeht. ,Multikulti' ist in diesen Kreisen ein Reiz- und Hasswort, ein Anschlag auf die althergebrachte kulturelle Identität der ,Einheimischen'.“
„Uns ist der Islam als monotheistische Religion sehr nahe“
Beinhauer-Köhler warnt davor, „kulturelle Abgrenzungen“ zwischen Islam und anderen Religionen hervorzuheben. „Das ist historisch nicht haltbar. Die Kulturen haben sich immer gegenseitig befruchtet.“ So wiesen Kirchen, Synagogen und Moscheen gemeinsame Bauelemente auf. „Im Vergleich zum Buddhismus oder Hinduismus ist uns der Islam als monotheistische Religion sehr nahe.“ Im Dialog zwischen Kommunen und Moscheevereinen über deren Bauprojekte sieht die Wissenschaftlerin Fortschritte. In Stadtverwaltungen wachse die Bereitschaft, sich differenziert mit Bauplänen zu beschäftigen, und die Vereine bereiteten ihre Projekte immer versierter vor. „Das vereinfacht die Gespräche.“
Für nötig erachtet es Beinhauer-Köhler, die kulturelle Arbeit in den Moscheen mehr anzuerkennen als bisher. „Da geschieht sehr viel.“ Neue Formen würden erprobt, beispielsweise Kinderchöre nach europäischem Vorbild gegründet. Der Einfluss theologisch gebildeter Frauen auf Kinder und Jugendliche in Moscheen sei noch weitgehend unerforscht.
Auch die vielfach kritisierten Religionskurse für Jugendliche in den Moscheen sind nach Ansicht der Professorin wichtig: Könnten die Jugendlichen dort über den Islam diskutieren und so etwas für ihre muslimische Identität tun, verlören obskure Internetforen ihren Reiz. Sie führten nur zu einer Radikalisierung von Jugendlichen - „und dem können Moscheen entgegenwirken“.