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Veröffentlicht: 05.03.2015, 15:59 Uhr

Frankfurter Kneipenrunden Von wegen Stammtischniveau

Gibt es in einer Großstadt heute noch Stammtische? Eine ganze Menge. Und die wenigsten entsprechen den Klischees. Fünf Besuche in Frankfurt.

von
© Max Kesberger Rollenspieler, Kneipe, Bier - fertig ist der Stammtisch: Larper tauschen sich über ihr Hobby aus.

Die Atheisten

Leonie Feuerbach Folgen:

„Gottlosen-Stammtisch“, jeden zweiten Mittwoch um 19.30 Uhr im Restaurant des Saalbaus Bornheim

Wie hält es ein Atheist, der sich für Flüchtlinge einsetzt, mit dem Kirchenasyl? Das fragen sich Martin Wagner und seine Mitstreiter an einem Mittwochabend im Restaurant des Saalbaus Bornheim. Wenn es darum gehe, Schwache zu schützen, müsse man auch einmal auf der Seite der Kirche sein, meint einer der Teilnehmer des „Gottlosen-Stammtischs“: „Das ist eine kleine Tür für die Menschlichkeit: Lasst die doch offen!“ Wagner hingegen findet, dass die Kirche sich lieber dafür einsetzen sollte, das Asylrecht zu reformieren.

„Bei der Scharia sagen wir: Wir wollen keine Juristerei außerhalb unseres Rechtssystems. Wieso nicht beim Kirchenrecht?“ Aber die Scharia sei eine Art des Zivilrechts, es gebe ja in Deutschland auch eine Sportgerichtsbarkeit, die den Rechtsstaat nicht bedrohe, wendet jemand ein. Es entbrennt eine Diskussion über Sportrecht, die sich weit über Stammtischniveau erhebt. Auch das Restaurant, in dem der Kellner im weißen Hemd Salat mit Avocado- und Orangenstückchen serviert, hat kein Stammtisch-Ambiente. Die fünf Männer am Tisch tragen Hemden, die drei Frauen Kurzhaarfrisuren.

Außenseiterrolle als Atheist

Christopher ist mit seinen 29 Jahren mit Abstand der Jüngste. Er komme aus einem „erzkatholischen Dörfchen“, erzählt er. Irgendwann habe er erkannt: „Ich glaube das alles eigentlich gar nicht.“ Seine Mutter habe ihn gebeten, mit dem Kirchenaustritt bis nach dem Tod seines Großvaters zu warten. Der Geschichts- und Politikstudent möchte seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Er sagt, die Rolle der Kirche im Arbeitsrecht sei „unter aller Kanone“.

Martin Wagner hingegen wäre fast Priester geworden. „Dann kamen die Frauen dazwischen“, sagt er und lacht. Erst mit 40 Jahren sei er aus der Kirche ausgetreten. Auch wenn er nach eigenen Worten keine schlechten Erfahrungen gemacht hat in seiner Zeit als religiöser Mensch, kritisiert er die Bedeutung der Kirche in Deutschland. Er kenne kein anderes westliches Land, in dem der Staat die Kirchensteuer einziehe oder in dem es bekenntnisorientierten Religionsunterricht gebe.

Gleichzeitig engagierten sich in der Entwicklungs- und Flüchtlingspolitik vor allem kirchliche Vereine. „Wieso sollen denn immer nur die Kirchen die Guten sein?“ Seine Tischnachbarin Charlotte Bender war nie religiös, schon als Kind nahm die 67 Jahre alte Rentnerin nicht am Religionsunterricht teil. Ihre Eltern ließen sie nicht taufen, damit sie selbst entscheiden könne, ob sie einer Religion beitreten wolle. Sie wollte nicht. Das war nicht immer leicht, wie sie sagt. „Man wird schon oft zum Außenseiter, wenn das zur Sprache kommt.“

Die Apfelweinliebhaber

„Frankfurter Drogenszene“, freitags um 18.30 Uhr in Apfelweinkneipen

Eigentlich ist der Apfelwein ein gesundes Getränk, da sind sich Michael Engel und seine Stammtischkollegen einig. Er sei vergleichsweise alkoholarm, man könne ihn mischen, und er fördere die Verdauung. Weil das Stöffche aber doch bewusstseinsverändernd ist, nennen sie ihren Stammtisch „Frankfurter Drogenszene“. Seit 25 Jahren treffen sie sich jede Woche in verschiedenen Apfelweinkneipen in und um Frankfurt. „Traditionen muss man halt pflegen“, sagt Engel. Am Anfang sprachen sie oft über Siemens, wo sie alle einmal gearbeitet haben. Als Jürgen Neumann und Hans Puchtinger dazukamen, ging es öfter um Politik - Puchtinger war jahrelang bei der SPD aktiv, zuletzt als Ehrenstadtrat in Groß-Karben. Neumann grummelt: „Gerechtigkeit heißt doch nur, dass einem in die Tasche gegriffen wird.“ Und inzwischen, sagt Michael Engel, seien sie thematisch bei den Krankheiten angekommen. „Wer in unserem Alter nichts hat, der ist nicht richtig untersucht worden“, wirft Neumann ein. Die Männer lachen.

Engel hat einen Schnurrbart, trägt Brille und ist gebürtiger Frankfurter. Er und zwei weitere Männer sind die Letzten, die von der ursprünglichen Runde übrig geblieben sind. Einer sei an Krebs gestorben, der andere 2002 im Himalaja verschollen. „Wir machen das auch für die beiden weiter“, sagt Engel. Auf den Tellern liegen riesige Koteletts, ohne Beilagen. Die Wände des Wirtshauses sind holzvertäfelt, Hufeisen hängen daran, in dunklen Regalen stehen Bembel. In der vergangenen Woche war die „Drogenszene“ zu Gast in einem Apfelweinlokal an der Schweizer Straße. Unfassbar unfreundlich sei der Kellner dort gewesen. „Das ist gespielte Unfreundlichkeit“, vermutet Engel. Neumann widerspricht ihm.

Meist trinkt einer der Herren nur Wasser und fährt dann die anderen. Manchmal trinken auch alle und fahren mit Bus oder Bahn. So auch heute, sagen sie und schenken nach. Außerdem gehen sie gemeinsam wandern, bei den Wochenendausflügen dürfen die Ehefrauen mitkommen, bei den längeren sind die Männer unter sich. Engel, mit seinen 58 Jahren der mit Abstand Jüngste und der Einzige, dessen Haare noch nicht ergraut sind, organisiert das alles. „Der einzige, der noch arbeitet, hat ja Zeit dafür“, kommentiert er das. Später am Abend kommt ein weiteres Stammtischmitglied dazu und bestellt ein Bier. „Früher gab es in den Apfelweinkneipen gar kein Bier“, sagt Neumann. Engel erzählt, dass die Männer zu Weihnachten immer wichteln. Da gibt es dann zum Beispiel ein Buch. „Oder eben ein Bembelsche.“

Die Anfänger

„Neu in Frankfurt“, jeden zweiten Dienstag um 19 Uhr in verschiedenen Kneipen

Die erste Nacht in der fremden Stadt steht bevor, und Claudia Schröder hat es nicht eilig, in die neue Wohnung zurückzukehren. Statt den Abend allein zwischen Umzugskartons zu verbringen, sitzt sie in der Bar „Louisiana“ im Nordend, umringt von jungen Menschen ihres Alters. Eigentlich kennt sie noch niemanden hier in Frankfurt. Doch dank des Stammtischs „Neu in Frankfurt“ muss sie ihren ersten Abend in der neuen Heimat nicht alleine verbringen. Claudia Schröder arbeitet seit einem halben Jahr bei einem Pharmaunternehmen in Mainz. Die meisten ihrer Kollegen sind deutlich älter als die Siebenundzwanzigjährige und wohnen teils mit Frau oder Mann und Kind am Stadtrand. „Eigentlich ist das eine spannende Lebensphase gerade: jung, ungebunden, neu im Beruf“, sagt die schlanke blonde Frau. Doch es sei schwer, Menschen in der gleichen Phase kennenzulernen, vor allem in Mainz, wo viele Studenten und ältere Leute lebten. Deshalb ist Schröder jetzt nach Frankfurt gezogen.

An ihrem Tisch sitzen neben anderen ein Schweizer und ein Berliner, die wegen der Arbeit nach Frankfurt gekommen sind. Sie unterhalten sich angeregt mit Schröder, die viele Fragen stellt, vor allem einem jungen Mann, der in seiner Freizeit Wikipedia-Artikel verfasst und erzählt, wie sehr das Niveau des Internetlexikons in den vergangenen Jahren gestiegen sei. „Ich hol mir noch ein Bier“, sagt er irgendwann. Das sei übrigens der Spruch, den alle sagten, wenn sie sich neue Gesprächspartner suchen wollten. Doch nach wenigen Minuten kommt er zurück an Schröders Tisch.

Das Pärchen, das „Neu in Frankfurt“ 2008 ins Leben gerufen hatte, organisiert den Stammtisch inzwischen nicht mehr. Seit 2013 koordiniert Adrian Zambrano ihn über die Facebook-Gruppe „Neu in Frankfurt“. Der junge Mann mit rot-schwarzem Holzfällerhemd und roter Schirmmütze begrüßt alle Neuzugänge persönlich. Auf der Empore des amerikanisch anmutenden Lokals geht er von Tisch zu Tisch und schaut, ob alle sich wohl fühlen. Mehr als 50 Menschen sind gekommen. Die geräumige Kneipe ist mit Pflanzen und Rum-Werbung dekoriert, es werden vor allem Burger, Pommes und Bier serviert. Weder die steifen Kunststoffsofas noch die Stühle sind sonderlich bequem, doch das stört die jungen Leute nicht, die umherwuseln auf der Suche nach dem nächsten interessanten und möglichst auch gutaussehenden Gesprächspartner. Zambrano muss nicht mehr suchen. Der 29 Jahre alte gebürtige Kolumbianer hat seine Freundin im vergangenen Sommer beim Stammtisch kennengelernt. Inzwischen organisieren sie ihn gemeinsam.

Die Action-Spieler

„Larp-Stammtisch“, jeden zweiten Donnerstag um 19 Uhr im „Malepartus“

Als sie sich zum Geburtstag Geld für eine Waffe gewünscht hat, war ihr Vater schon ein wenig irritiert. Aber dass das Schwert gepolstert war, hat ihn dann beruhigt. Meikes Hobby sind Live-Rollenspiele, und im „Malepartus“, einem Apfelweinlokal in Bornheim, trifft sie sich alle zwei Wochen mit anderen Larpern. Larp steht für Live Action Role Play. Kostümiert als Kelten, Elben oder Außerirdische, treffen Larper sich in einem Wald, auf einer Burg oder einem Campingplatz und spielen ihre Figuren. Sie befreien oder bekämpfen sich, lösen Rätsel oder feiern Hochzeit und entwickeln dabei ihre erdachten Charaktere weiter.

„Also als Kämpfercharakter sehe ich sie noch nicht so, sie ist doch eher so der vorsichtige Typ.“ „Man könnte sie ja mal beraten“ - so diskutieren zwei Larperinnen über den Charakter einer dritten. Auf die Glaubwürdigkeit komme es an, erklärt Meike, man könne eigentlich nur spielen, was einem selbst entspreche. Meike, 30 Jahre alt, braune Locken, Silberkette und Brille mit schmalem silbernen Rahmen, hat über eine Theatergruppe der Uni zu den Rollenspielen gefunden. Aus dieser Gruppe Gleichgesinnter entstand dann im Jahr 2007 der Stammtisch. Mal geht es um Conventions, mal um den neuesten Kinofilm. Zwischen fünf und 20 Larper kommen regelmäßig; an diesem Donnerstag sind es 13. Meike studiert noch, andere arbeiten als Banker, Lehrer oder Polizist.

In Rüstung aufeinander zurennen

Auf dem langen Tisch hinter dem Tresen des „Malepartus“ liegen ein selbstbesticktes Banner, Strickzeug und die Karte der keltischen Welt, die die Larper für ihre Spiele geschaffen haben. Handwerkliches Geschick sei ein wichtiger Teil des Hobbys, sagt Timo. Seit er sich selbst seine Kostüme für Larp-Conventions schneidere, nähe er so etwas wie Vorhänge in einer halben Stunde. Sein Kollege Benjamin, stoppelkurze Haare, roter Bart, dicke Silberkette, fertigt sogar Rüstungen selbst an: Metallplatten nietet er von innen an Lederwesten. Ein jahrhundertealtes Prinzip sei das. Oft gebe es Vorbehalte gegen ihr Hobby, hat Timo festgestellt. Deshalb wollen er und die anderen ihre Nachnamen nicht nennen.

„Du rennst in Rüstung aufeinander zu und kloppst dich, das sieht schon gefährlich aus“, gibt er zu. Gleichzeitig brächten die Live-Rollenspiele Jugendliche an die frische Luft, die sonst vielleicht stundenlang vor dem Computer hängen und „World of Warcraft“ spielen würden. Und wenn bei einer Convention mal ein Sanitäter ausrücke, sei das meistens bloß, weil sich jemand den Fuß umgeknickt habe, erzählt der Mittdreißiger mit Pferdeschwanz.

Mehr zum Thema

Die Artgerechten

„Bienenkisten-Stammtisch“, alle drei Wochen an verschiedenen Tagen und Orten

Selbst unter Stammtischbesuchern hat der Stammtisch einen schlechten Ruf. „Unser Stammtisch ist kein klassischer, sondern ein lockeres Beisammensein ohne Vereinsmeierei.“ Das sagt Thorsten Herget vom „Bienenkisten-Stammtisch“, doch Ähnliches sagen die meisten Stammtischler. Aber Herget und die anderen Hobbyimker haben weder einen festen Tisch, noch treffen sie sich immer im gleichen Lokal. Stattdessen besuchen sie sich gegenseitig beim Imkern oder gehen an Orte, die mit Bienen zu tun haben. Manchmal sehen die Treffen aber auch ganz anders aus: An einem regnerischen Mittwochabend sitzen sie im Gemeindesaal der Paulsgemeinde am Römerberg zusammen. Zeichnungen mit der Biene Maja und Willi weisen den Weg. Die Stammtischler wollen Interessierte über naturnahe Bienenhaltung informieren und einen regionalen Ableger des Vereins Mellifera gründen, der nachhaltig und ökologisch imkert.

Thorsten Herget zeigt mit dem Beamer Bilder vom Imkern mit der Bienenkiste, ein vereinfachtes System, das Hobbyimkern den Einstieg erleichtern soll. In der Kiste finden die Bienen einen Nistraum und Schutz vor Parasiten. Der Imker greift kaum in das Bienenleben ein, weshalb diese Art des Imkerns als wesensgemäße Bienenhaltung bezeichnet wird.

Herget selbst betreut den Bienenstand im „Frankfurter Garten“, einem Urban-Gardening-Projekt. Im eigenen Schrebergarten hält er sich ebenfalls Bienen. Seit zwei Jahren treffen sich die Bienenfans jetzt schon im Abstand von je drei Wochen, zwischen zehn und 30 Leute kommen zu den Treffen. In der Paulsgemeinde sind es 19. Ein älterer Mann mit Hörgerät hält wenig von der vermeintlich wesensgemäßen Bienenhaltung, eine junge Frau mit Stirnband will mit dem Imkern loslegen, ist aber von den vielen widersprüchlichen Informationen im Internet so verwirrt, dass sie sich nicht recht traut. „Also ich habe neulich gelesen, dass...“ - so unterbricht sie immer wieder den Vortrag von Thorsten Herget.

Als die Bienenfreunde für dieses Mal auseinandergehen, ist noch keine Regionalgruppe von Mellifera gegründet. Das ist jetzt für Anfang April geplant. Doch der Abend war für Herget trotzdem ein Erfolg. Und Frankfurt hat wieder ein paar Stammtischbesucher mehr.

Der Durchbruch

Von Helmut Schwan

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