31.07.2007 · Zum guten Ton gehört in Frankfurt, den Römerberg zu loben, über das Mainufer zu bemerken, es habe sich doch sehr zum Positiven gewandelt - und über die Zeil abfällige Worte zu verlieren. Das war mal anders: 1843 schärmte ein Reisebuch von der „Zeile von Palästen“.
Von Manfred KöhlerZum guten Ton gehört in Frankfurt, den Römerberg wegen seiner Schönheit zu loben, über das Mainufer zu bemerken, es habe sich doch sehr zum Positiven gewandelt - und über die Zeil abfällige Worte zu verlieren. Dabei stehen Reden und Handeln gottlob in scharfem Kontrast zueinander. Wie viel auch immer über die wichtigste Einkaufsstraße der Stadt geschimpft wird, es gehen doch immerhin genügend Menschen hin, dass der Einzelhandel dort in der Lage ist, die höchsten Mieten Deutschlands zu zahlen.
Vielleicht wirkte die Zeil ganz anders, hätte sie eine verwinkelte Führung, so dass sich dem Besucher immer wieder neue Blicke eröffneten. Die Straße wurde aber im Mittelalter hinter der Staufenmauer angelegt, die die Stadt umschloss. Und diese Anlagen beschrieben hier eben nur einen leichten Bogen. Die Mauer ist längst Geschichte. Die Zeil aber gibt dank dieser Führung bis heute auf den ersten Blick fast alles preis, und gemeinsam mit den langen Fluchten der Kaufhäuser vor allem auf der Nordseite, also von der Hauptwache aus gesehen links, erscheint sie wie eine Rennstrecke.
Einst eine Zeile von Palästen
Es ist aber natürlich nicht nur das. Im 19. Jahrhundert galt die Zeil, die ihren Namen der zunächst nur einseitigen Bebauung verdanken soll - es stand eben nur eine Zeile -, als eine Prachtstraße, die oft gerühmt wurde. „Niemand, und wäre sein Auge auch durch den Besuch der größten Städte Europas verwöhnt, wird der Zeil, dieser Zeile von Palästen, seine Bewunderung versagen können“, schwärmte ein Handbuch für Reisende aus dem Jahr 1843. Tatsächlich zeigen alte Fotos eine dichte Folge fast überladener Fassaden.
Es waren die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg, die dieses Bild weitgehend zerstörten. Den Rest besorgte der Wiederaufbau, bei dem die Straße zudem um acht Meter verbreitert wurde. Ein Eindruck von dem Baustil, der damit unterging, lässt sich noch gewinnen, wenn man sich den Komplex mit der Nummer 85-93, in dem heute H & M eine Filiale hat, von hinten, vom Holzgraben aus, ansieht: ein mächtiger Bau aus rotbraunem Stein mit aufwendiger Gestaltung. Nichts davon ist vorn geblieben.
Fassaden einheitlich im Erdgeschoss: viel Glas
Entlang der Zeil wechseln sich heute schlichte Bürogebäude der Wiederaufbaujahre, wuchtige Kaufhausfassaden mit kaum einem Fenster in den oberen Stockwerken und etwas anspruchsvollere Architektur aus jüngerer Zeit ab. Es hat durchaus nicht immer an Mühe gefehlt. Im Ergebnis bietet die Zeil aber doch einen seltsamen Stilmix, auf den die Stadtverwaltung allerdings nicht recht Einfluss nehmen kann.
So unterschiedlich die Fassaden aber immerhin in den oberen Stockwerken sind, so einheitlich geben sie sich im Erdgeschoss. Die endlos scheinende Folge der Schaufenster gönnt dem Auge keine Abwechslung, zumal sie heute zumeist liebloser gestaltet sind als in jener Zeit, in der ein Schaufensterbummel noch zum Wochenendvergnügen zählte. In anderen Städten ist die Reihe von Geschäften in Einkaufsstraßen da und dort zumindest noch durch ein Gebäude mit anderem Zweck unterbrochen, vielleicht auch durch einen größeren Platz. In Frankfurt aber kennt die Konsumwelt zwischen Haupt- und Konstablerwache keine Gnade.
Von oben wirkt sie schöner
Die meisten Menschen stoßen sich allerdings vor allem an der Gestaltung der Straße selbst, die in die Jahre gekommen ist. Hier immerhin kann die Stadtverwaltung Hand anlegen und wird es demnächst auch tun. Die Pavillons, die vielen ein Dorn im Auge sind, sollen durch neue ersetzt werden, auch der hinfällige Bodenbelag wird zum Teil erneuert. Eine andere Beleuchtung ist geplant. Es sollte aber niemand die Hoffnung haben, dass die Zeil auf diese Weise zur Nobelmeile wird.
Weitaus schöner wirkt sie, wenn man sie sich im Sommer von oben beschaut, von der Dachterrasse der Zeilgalerie aus zum Beispiel. Dann erst werden die Baumreihen, die unten eher für Düsternis sorgen, zu einem strahlenden grünen Band, und man erkennt nicht mehr so genau die vielen Buden und Bauchladenverkäufer, die der Zeil eine ganzjährige Jahrmarktatmosphäre verleihen; aber auch das soll ja besser werden. Es gilt eben am Ende für die Zeil wie für alles im Leben, dass es auf den Blickwinkel ankommt.
Wir sollten doch froh sein
Susanne Kost (susanne.kost)
- 31.07.2007, 19:52 Uhr
Zum Kommentar von Susanne Kost
Margit Appleton (meappleton)
- 02.08.2007, 13:24 Uhr