19.08.2010 · Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist noch immer Brennpunkt der lokalen Drogenszene. Polizei und Suchthilfe arbeiten eng zusammen. Zum Beispiel in einem Haus an der Niddastraße werden Löffel, Spritze und Tupfer als Süchtige verteilt - zu Zwecken der Prävention.
Von Katharina Iskandar und David KlaubertWenn abends im Bahnhofsviertel die grellen Leuchtreklamen glänzen und blinken, bleibt es in der Niddastraße dunkel. Keine Restaurants, keine Kneipen, keine Etablissements - und trotzdem herrscht vor Hausnummer 49 oft reger Andrang. Die Türsteher sind streng, nicht mehr als zwölf Besucher lassen sie in den gefliesten Raum im hinteren Teil des Ladens. Beim Hineingehen wird jeder am Computer registriert, dann gibt es eine Schale mit Löffel, Spritze, Tupfer; und eine halbe Stunde Zeit - für das Spritzen von mitgebrachtem Heroin.
Rund 300 Einwegspritzen werden jeden Tag in dem Haus an der Niddastraße gebraucht. Die Einrichtung ist einer von drei Konsumräumen im Bahnhofsviertel, in denen Süchtige unter hygienischen Bedingungen und unter Aufsicht illegale Drogen nehmen können. Infektionen mit HIV und Hepatitis sollen so verhindert werden, bei Überdosen können die Mitarbeiter der Räume Erste Hilfe leisten, und nicht zuletzt wird der offene Drogenkonsum auf den Straßen auf diese Weise verringert. Etwa zehn Millionen Euro geben die Stadt und das Land jedes Jahr für die Konsumräume, für Streetworker und Suchtberatungsstellen vor allem im Bahnhofsviertel aus - denn Frankfurt ist noch immer ein Brennpunkt der Drogenszene und der Drogenkriminalität.
Beschaffungskriminalität gesunken
Mehr als 5000 Abhängige hat die Polizei im vergangenen Jahr registriert, die Dunkelziffer ist Schätzungen zufolge doppelt so hoch. Doch trotz dieser konstant hohen Zahl hat sich nach Einschätzung der Polizei die Situation seit Anfang der neunziger Jahre positiv entwickelt. Die offene Drogenszene in der Taunusanlage, wo sich damals Hunderte von Abhängigen trafen, mit Drogen handelten und diese konsumierten, konnte durch den sogenannten Frankfurter Weg, sprich die enge Zusammenarbeit von Polizei und Drogenhilfe-Einrichtungen, aufgelöst werden. Die Beschaffungskriminalität ist seither gesunken und vor allem die Zahl der Drogentoten - von jährlich rund 150 Anfang der neunziger Jahre auf 33 Tote im vergangenen Jahr.
Im Bahnhofsviertel und dort besonders rund um die drei „Fluss-Straßen“ Nidda-, Weser- und Elbestraße besteht allerdings weiterhin eine rege Drogenszene, auch der offene Konsum von Drogen gehört hier immer noch zum Alltag. Auf 500 bis 700 schätzt Michael Schmidt von der Malteser Drogenhilfe die Zahl der Abhängigen, die sich dauerhaft im Bahnhofsviertel aufhalten. Durch seine Arbeit in einer Ambulanz über dem Druckraum an der Niddastraße und als Streetworker kennt der Arzt viele von ihnen. Der Großteil der Süchtigen sei schon seit vielen Jahren abhängig und bekämpfe mit den Drogen schwere Probleme und Traumata, sagt er. Der Anteil derjenigen, die neben der Drogensucht an schweren psychischen Erkrankungen litten, habe in den vergangenen Jahren deshalb stark zugenommen, was die Arbeit der Drogenhilfe zusätzlich erschwere. „Bei uns geht es erst einmal darum, Überleben zu sichern und zu versuchen, bei den Abhängigen ein Bewusstsein für ihre Sucht zu schaffen“, sagt Schmidt. „Jemanden, der 15 Jahre mit Drogen gelebt hat, komplett umzudrehen, das geht nicht. Hollywood-Drehbücher werden bei uns nicht geschrieben.“ Drogenabhängige seien immer ein Teil der Gesellschaft, ein „klinisch reines“ Bahnhofsviertel könne es deshalb nicht geben.
Konsumräume im Bahnhofsviertel „extrem wichtig“
Ähnlich sieht es auch der Leiter des Rauschgiftkommissariats im Frankfurter Polizeipräsidium, Thomas Becker. Man könne die Süchtigen „nicht wegzaubern“, sagt er. Angebote der Drogenhilfe wie die Konsumräume im Bahnhofsviertel seien deshalb extrem wichtig.
Im Blick hat die Polizei aber nicht nur die Konsumenten, sondern vor allem die Händler, die das Heroin in die Stadt bringen und zu Dumpingpreisen verkaufen. Derzeit wird der Heroin-Handel in Frankfurt hauptsächlich von mazedonischen und bulgarischen Gruppen dominiert. Obwohl ein Großteil des Heroins im Bahnhofsviertel konsumiert wird, findet der Handel nach Erkenntnissen der Fahnder meist außerhalb des Quartiers statt, vor allem an öffentlichen Verkehrswegen wie U-, S- oder Straßenbahnstrecken. Dort wird das Heroin aber nicht selten von Abhängigen gekauft, die einen Teil davon selbst konsumieren und den Rest später im Bahnhofsviertel an andere Süchtige weiterverkaufen.
„Frankfurt hat eine Sogwirkung“
Dadurch dass in Frankfurt vor allem Heroin besonders günstig angeboten wird, kommen auch viele Konsumenten von außerhalb ins Bahnhofsviertel. „Frankfurt hat eine Sogwirkung“, sagt Becker. Gerade die mazedonischen Händlergruppen hätten in der Szene offenbar einen guten Ruf, da sie bei der Abnahme größerer Mengen Rabatte gewährten. Herumgesprochen habe sich außerdem der Ruf einer „liberalen Justiz“: Viele Händler meinten, in Frankfurt werde man für Drogendelikte weniger streng bestraft als in anderen Städten beziehungsweise Bundesländern. In jüngster Zeit registrierte die Polizei vor allem Käufer aus Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern. Gehandelt wird im Bahnhofsviertel aber nicht nur mit Heroin, sondern auch mit Crack und mit Medikamenten. Vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel sind im illegalen Arzneimittelhandel, der unter anderem am Kaisersack stattfindet, zu bekommen. Nachgefragt werden außerdem Methadon, Polamidon und Subutex, eine Substitutionssubstanz.
In Bezug auf die abhängigen Konsumenten arbeitet die Polizei eng mit den Einrichtungen der Drogenhilfe zusammen. „Polizei und Sozialarbeit haben erkannt, dass sie nur zusammen etwas erreichen können“, sagt Ronald Schneider, der den Konsumraum an der Niddastraße leitet. „Ich würde mir allerdings mehr Polizei wünschen.“ Das Bahnhofsviertel dürfe für Drogenabhängige nicht zu attraktiv gemacht werden. „Das ist ein schmaler Grat. Schaffen wir mehr Räume für die Abhängigen, kommen vielleicht noch mehr in das kleine Bahnhofsviertel. Verlegen wir die Angebote in andere Viertel, dann erreichen wir die Abhängigen nicht, weil die Drogenszene nun mal am Bahnhof ist.“ Die Drogenhilfe im Bahnhofsviertel dürfe deshalb das Ziel nicht aus den Augen verlieren, die Abhängigen aus der Drogenszene dort herauszubringen und beispielsweise in Substitutionseinrichtungen in anderen Vierteln zu vermitteln, meint Schneider. „Das ist aber ein sehr mühsamer und langer Weg.“
David Klaubert Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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