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Frankfurt : Otto Hahns Nachlass bleibt hier

  • Aktualisiert am

Otto Hahn. Bild: DPA

Otto Hahn hat Hähne gesammelt. Künftig krähen Hahns Hähne im Institut für Stadtgeschichte. Denn der Nachlass des Nobelpreisträgers, zu dem auch die Gockel-Sammlung gehört, ist am Mittwoch von der Ernst-Max-von-Grunelius-Stiftung an das Institut übergeben worden.

          Otto Hahn hat Hähne gesammelt. Hähne aus Porzellan, aus Glas, aus Holz. Einen besonders schönen Gockel hat sein Sohn Hanno, der 1960 bei einem Autounfall in Lothringen ums Leben gekommen ist, gebastelt und dem Vater geschenkt. Er diente der Familie als Zeichengeber. Stand er im Fenster der Göttinger Wohnung, wussten Eingeweihte, dass der Chemiker zu Hauses war.

          Künftig krähen Hahns Hähne im Institut für Stadtgeschichte. Denn der Nachlass des Nobelpreisträgers, zu dem auch die Gockel-Sammlung gehört, ist am Mittwoch von der Ernst-Max-von-Grunelius-Stiftung an das Institut übergeben worden. Allerdings nur der private, nicht der wissenschaftliche Nachlass. Und dieser auch nur als Depositum. Die 60 Regalmeter an Dokumenten und Objekten bleiben im Besitz der Stiftung. Zu den besonderen Kostbarkeiten zählen die Nobelpreis-Urkunde und die Nobelpreis-Plakette.

          Ein Denkmal an der Kleinmarkthalle

          Als die Königliche Schwedische Akademie Hahn 1945 den Chemie-Nobelpreis von 1944 für seine „Entdeckung der Spaltung schwerer Atomkerne“ zusprach, war Hahn noch mit neun deutschen Physikern, darunter Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker, in einem Landhaus in der Nähe von Cambridge interniert. An seine Frau Edith schrieb Hahn damals: „In einem deutsch übermittelten Teil von Radionachrichten wurde vor kurzen gemeldet, daß ich den Nobelpreis für Chemie erhalten hätte. Habt ihr etwas darüber gehört?“ Auch dieser Brief liegt fürderhin im Archiv des Instituts für Stadtgeschichte.

          Wird er einmal in einer Ausstellung gezeigt, könnte eine Vitrine aus der Verwandtschaft das Dokument bergen. Denn die Firma „Glasbau Hahn“an der Hanauer Landstraße, von Museen geschätzt ob seiner Glasvitrinen, ist von Heinrich Hahn gegründet worden, dem Vater des berühmten Naturwissenschaftlers. In der Mainmetropole wissen heute vermutlich nur die wenigsten, dass Otto Hahn ein Frankfurter Bub ist, dessen Geburtshaus an der Kleinmarkthalle stand, woran ein Denkmal dort erinnert.

          Die Stiftung hat vor Jahren den Nachlass für 1,1 Millionen Euro von Hahns Enkel Dietrich Hahn in Ottobrunn erworben

          Zum Nachlass zählen auch Hahns Notizkalender von 1927 bis 1968, in dem der Forscher wichtige Termine und Ereignisse notierte. Auch die Korrespondenz des Ehepaars Hahn und andere Briefe gehören dazu. Zum Beispiel ein Schreiben Hahns aus der Nachkriegszeit an Albert Einstein, in dem er dem Kollegen antrug, Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft zu werden. Einstein lehnte unter Hinweis auf die jüngste NS-Vergangenheit ab: „Die Verbrechen der Deutschen sind wirklich das Abscheulichste“, ließ er den Kollegen wissen.

          Alle diese Dokumente sind noch weitgehend unbearbeitet, weshalb Stadtarchivarin Silvia Stenger nun die vielen Objekte erfassen wird. Forscher können bald in der Datenbank des Instituts feststellen, welche Materialien im Archiv lagen und, falls die Grunelius-Stiftung zustimmt, sie in Augenschein nehmen.

          Die Stiftung hat vor Jahren den Nachlass für 1,1 Millionen Euro von Hahns Enkel Dietrich Hahn in Ottobrunn erworben und durch Zukäufe ergänzt. Eigentlich sollten die wichtigen Objekte und Dokumente am Sitz des Physikalischen Vereins an der Robert-Mayer-Straße in Bockenheim ausgestellt werden. Doch die erwarteten Zuschüsse von Land und Stadt blieben aus, so dass das Vorhaben aufgegeben werden musste. Mit der Übergabe an das Stadtarchiv hat die Grunelius-Stiftung nun eine auch für Frankfurt günstige Lösung gefunden: Otto Hahns privater Nachlass bleibt in seiner Geburtsstadt und ist der Forschung zugänglich.

          Quelle: F.A.Z.

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