08.07.2004 · Ende Januar wurden an der Alten Oper in Frankfurt "Ronja" und ihr Vater "Tarzan", zwei amerikanische Wüstenbussarde, der Öffentlichkeit vorgestellt. Jetzt zeigen weitere Städte an dieser Art der Taubenbekämpfung Interesse.
Von Werner KurzlechnerVier Kamerateams und 35 Journalisten waren dabei. Ende Januar wurden an der Alten Oper in Frankfurt "Ronja" und ihr Vater "Tarzan", zwei amerikanische Wüstenbussarde, der Öffentlichkeit vorgestellt. Die beiden Greifvögel des Falkners Frank Schaumann aus Siegen sollten den prächtigsten Platz der Stadt von Tauben befreien und die frisch renovierte Fassade der Alten Oper vor den nach einer Brutmöglichkeit suchenden Vögeln schützen.
"Sauberes Frankfurt" heißt die zuständige Stabsstelle im Ordnungsamt der Stadt. Ihr Leiter, Peter Postleb, und Falkner Schaumann präsentierten die rotbraun gefiederten Raubvögel. Inzwischen haben sie ihre Arbeit weitgehend erledigt. Postleb schätzt, daß die Zahl der Tauben in den vergangenen Monaten auf dem Opernplatz um 75 bis 80 Prozent gesunken ist. "Als die Bussarde die ersten Male über den Platz geflogen sind, flogen Hunderte von Tauben auf und davon. Solch große Schwärme haben wir später nie mehr beobachtet." Allerdings ließen sich die Tiere gleich hinter der Alten Oper in den grünen Wallanlagen wieder nieder. Trotzdem ist Postleb zufrieden. "Die Tauben glauben nun, der Opernplatz ist das Revier von Raubvögeln." Um diesen Eindruck noch zu verstärken, werde er im Juli die Bussarde noch einmal über der Alten Oper kreisen lassen.
"Ratten der Lüfte"
In Deutschland ist Frankfurt vorausgeflogen. Zwar ist hinlänglich bekannt, daß Greifvögel die "Ratten der Lüfte" abschrecken: Falken, die in Türmen nisten, halten in vielen Städten die Plätze frei. Rund um die Franziskus-Kirche im Bochumer Stadtteil Weitmar etwa vertreiben die Falken schon seit mehr als fünfzehn Jahren die Tauben. Schwierig ist es allerdings, die Vögel dauerhaft an einem bestimmten Fleck anzusiedeln. So hat die Essener Domverwaltung ihre Idee, das Gotteshaus wie in Bochum mit Hilfe natürlicher Feinde von Tauben frei zu halten, schnell zu den Akten gelegt. Im westfälischen Marl hat man vor drei Jahren eine Uhu-Attrappe am Rathaus angebracht.
Der Frankfurter Versuch, mit temporären Gästen gegen das Taubenproblem vorzugehen, hat sein Vorbild in London. Dort hat Bürgermeister Ken Livingstone den Tauben den Krieg erklärt: Er ließ den Verkauf von Futter verbieten und stellte das Füttern - wie in deutschen Städten schon üblich - unter Strafe. Außerdem kreisen Bussarde über dem Trafalgar Square. Mit Erfolg, denn heute flanieren zur Mittagszeit mehr Touristen über den Platz als Tauben - statt Tausenden zählen sie nur noch wenige hundert.
Peter Postleb war von diesen Resultaten angetan. Er fand den Falkner Schaumann, der ebenfalls von Vorreitern im Ausland zu berichten weiß: Ein kanadischer Kollege aus der Gegend von Vancouver setze schon seit mehr als zehn Jahren Raubvögel gegen Tauben ein. Er selbst habe vor etwa zwei Jahren damit begonnen, seine Tiere auch gegen Tauben abzurichten. Seit sechs Jahren schon züchtet er Bussarde, vornehmlich um mit ihnen Kaninchen zu jagen. Der Wanderfalke, sagt Schaumann, sei ein Einzelgänger, der Langstreckenflüge gewohnt ist. Daher sei er in Städten schwer einzusetzen. Anders verhält es sich mit "Harris Hawks" wie Ronja und Tarzan, die für ihr ausgeprägtes Sozialverhalten bekannt sind. Im Zweifelsfall kommen die Bussarde wieder zurück zu ihrem Halter.
Mögliche Nachahmer
Aus der Sicht Postlebs bringt die Aktion positive und negative Resultate: So gut am Opernplatz alles gelaufen sei, so schwierig habe sich der Versuch an der einige hundert Meter entfernten Hauptwache gestaltet. An der Alten Oper seien die Bussarde in der Intensivphase im Februar täglich an Ort und Stelle gewesen; nach einigen Wochen hätten sie noch hin und wieder Präsenz gezeigt. Hunderte von Tauben seien noch im Januar über den Platz geflattert, inzwischen sei die Zahl auf ein gutes Dutzend geschrumpft. Der Platz mit dem freistehenden Operngebäude als "klarem Anflugpunkt" und einer geräumigen Freifläche davor war für den Test gut geeignet. Anders die Hauptwache: Dort flogen die Bussarde auf alle möglichen Dächer, auf denen sie nicht erwünscht waren. Es fehlte an Orientierung: Die Tiere waren kaum zu kontrollieren.
Besonders gespannt erwartet man in Gießen und Braunschweig, welches Fazit die Stadt Frankfurt nach dem Experiment zieht. Schon im Frühjahr hatten sich Gießen und Braunschweig als mögliche Nachahmer bei Postleb erkundigt. Obwohl sich andere Städte wie Berlin und München sowie manche Wissenschaftler skeptisch äußern - wenn sie nicht gleich ganz andere Wege der Bekämpfung vorschlagen. Ob die Bussarde auch in Gießen fliegen werden, ist aber noch nicht entschieden. Interessiert zeigt sich auch die Stadtregierung Braunschweigs. Ende Januar kündigte Oberbürgermeister Gert Hoffmann (CDU) an, entschlossen gegen die Taubenplage vorzugehen - mit schärferen Kontrollen des Fütterverbots und möglicherweise auch mit natürlichen Feinden. Auf rund 5.500 Tauben schätzt die Verwaltung die Population in der niedersächsischen Stadt. Allein die Beseitigung der Kotspuren an Rathaus, Altstadtrathaus und Gewandhaus hat im vergangenen Jahr 15.000 Euro gekostet.
Übel "an der Wurzel“ gepackt
Skeptisch sieht man die Frankfurter Methode in München und Berlin. An der Isar vertraut man ganz auf das Fütterverbot, das mit bis zu 1000 Euro Bußgeld durchgesetzt wird. Weitere Maßnahmen würden zur Zeit nicht ergriffen, teilt die Stadtverwaltung mit. In der Hauptstadt sei es die Aufgabe der 22 Bezirke, die Tauben zu bekämpfen, berichtet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Neben dem Fütterverbot, das in Berlin mit einem Bußgeld von 50 bis 500 Euro bewehrt ist, sei es dort gebräuchlich, die Tiere in den frühen Morgenstunden systematisch zu vergiften.
So ähnlich sieht das auch Elke Wartmann vom Ordnungsamt in Aachen. Oftmals werde nur an den Symptomen herumgedoktert. Aachen hingegen habe nach dem Basler Vorbild das Übel "mit langem Atem an der Wurzel gepackt": 1995 habe die Stadt in Zusammenarbeit mit Tierschützern beschlossen, Taubenhäuser aufzustellen. Inzwischen gibt es in Aachen sechs Schläge, in denen Tauben Nahrung finden und brüten können. Die Eier der Vögel werden gegen Attrappen ausgetauscht. Auf diesem Wege habe die Stadt im vergangenen Jahr 1500 Eier und 2100 Kilogramm Kot mühelos entsorgen können. Das sei "äußerst positiv", meint Wartmann, aber die aus personellen Gründen geringe Anzahl der Taubenhäuser reiche bei weitem nicht aus. Auch die Standortauswahl sei mitunter schwierig.
Auch in Augsburg stehen mittlerweile sieben Taubenschläge nach Aachener Modell; Düsseldorf hat kürzlich einen ersten errichtet. Auch Peter Postleb in Frankfurt zeigt Interesse. Die ideale Methode ist aus Sicht des Trierer Biogeographen Roland Klein ohnehin noch nicht gefunden. Der Versuch mit Bussarden sei vermutlich nur für kurze Zeit erfolgreich, weil die Tauben schnell merkten, wenn ihre Feinde nicht mehr dauerhaft am Ort seien. Bruthäuser lockten rasch Marder an, die dort geradezu in einen Blutrausch gerieten - so daß bald die Tauben fernblieben. Er selbst habe solche Erfahrungen in Saarbrücken und Leipzig gemacht. In Leipzig habe sich allerdings plastisch gezeigt, was wirklich greife: Als nach der Wende zahlreiche Gebäude renoviert wurden, habe sich der Taubenbestand stark verringert, weil die Tiere keine Orte zum Brüten mehr gefunden hätten. Ihnen diese zu nehmen sei der einzige auf lange Sicht wirksame Weg. Überhaupt glaubt Klein nicht an den schnellen Erfolg: Für den erfolgreichen Kampf gegen die Taubenplage seien "jede Menge Engagement und Geld nötig".