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Frankfurt : Islam-Institut wehrt sich gegen Vorwürfe

Spiritus Rector des Instituts: der Rechtsgelehrte Khaled Hanafy. Bild: Röth, Frank

Im Ostend wird in einer Bildungsstätte islamische Religion gelehrt. Für den Verfassungsschutz steht die Einrichtung der Muslimbruderschaft nahe. Das Institut sieht sich aber zu Unrecht kritisiert.

          Der Termin steht noch nicht fest, aber demnächst soll es im Europäischen Institut für Humanwissenschaften einen Tag der offenen Tür geben. Für die islamische Bildungseinrichtung im Ostend dürfte dieser Tag eine Gelegenheit sein, um ein Signal der Offenheit zu setzen und um Vertrauen zu werben. Denn das Institut ist in die Schlagzeilen geraten: Das Landesamt für Verfassungsschutz ordnet es dem Netz der Muslimbruderschaft zu.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Deren Ideologie werde dort gelehrt, und das Ziel der Muslimbruderschaft sei die Errichtung eines Gemeinwesens als Gottesstaat auf der Grundlage von Koran und Sunna, was eine Bestrebung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung darstelle. Wesentlicher Bestandteil der Ideologie sei die Durchsetzung der Scharia als Rechts- und Gesellschaftsordnung sowie als wichtigste Grundlage des politischen Lebens.

          Institut strebe nicht nach einem Gottesstaat

          Die Einrichtung hat in einer ausführlichen Stellungnahme diesen und anderen laut gewordenen Vorwürfen widersprochen. Sie hält sie für einen Ausdruck von Islamophobie. Das Institut strebe nicht nach einem Gottesstaat, es werde kein radikal-islamisches Gedankengut gelehrt, heißt es dort.

          Vielmehr gehe es um die Entwicklung eines europäischen Islamverständnisses, weshalb die Studenten angehalten würden, „bestimmte Auslegungen und Interpretationen der Scharia, insbesondere in gesellschaftsrelevanten Fragen, in ihrem historischen Kontext zu verstehen und durchaus auch kritisch zu hinterfragen“. So widersprächen zum Beispiel Strafen bei Glaubensabfall dem Islam.

          Institut: Keine Verbindungen zur Muslimbruderschaft

          Die Position, ein Glaubensabfall müsse mit dem Tod bestraft werden, vertritt dem Verfassungsschutz zufolge etwa der namhafte Prediger Yusuf al-Qaradawi. Er ist auch Vorsitzender des Europäischen Fatwa-Rats. Diesen sieht der Verfassungsschutz mit einer Föderation eng verbunden, die je ein „Europäisches Institut für Humanwissenschaften“ in Frankreich und Großbritannien gegründet hat; auch diese zählt die Behörde zum Netz der Muslimbruderschaft. Zum Thema Muslimbruderschaft hebt die Frankfurter Einrichtung gleichen Namens nur knapp hervor, sie sei nicht deren Teil und unterhalte zu ihr keine Verbindungen. Das klingt einfach, das ganze Bild dürfte aber komplizierter sein.

          Geführt wird das Frankfurter Institut von Abdullatif Hussein als Geschäftsführer und von Khaled Hanafy als Dekan. Der 41 Jahre alte, in Kairo geborene Hanafy ist Vorsitzender des Rates der Imame und Gelehrten in Deutschland, der in Frankfurt seinen Sitz hat, und Imam der Frankfurter Gemeinde „Islamische Informations- und Serviceleistungen“. Er ist außerdem in dem französischen Partner-Institut tätig. Der 1968 im Jemen geborene Hussein ist promovierter Chemiker und arbeitet in Mainz.

          Keine Kontakte zur Goethe-Universität

          Eigentlich sollte das Institut eine Hochschule mit Studienabschlüssen sein, doch das hessische Wissenschaftsministerium hatte untersagt, diesen Eindruck zu erwecken, denn dafür ist eine staatliche Anerkennung nötig. Gegründet worden ist das Institut nach eigenen Angaben „aufgrund der hohen Nachfrage vieler junger Leute und Imame in Deutschland, islamische Wissenschaften mit Bezug zum Hier und Heute zu erlernen“. Nach eigenen Angaben hat das Institut, das eine Etage eines Bürohauses an der Ostparkstraße bezogen hat, mehr als 80 Studenten, auch in seinen Außenstellen in Berlin und München, sowie zehn Dozenten aus mehreren Ländern.

          In der Ausbildung von Imamen und Religionsgelehrten, die bisher in muslimischen Ländern ausgebildet worden seien, will das Institut „gemeinsam mit allen anderen Angeboten in Deutschland eine an der deutschen Lebensrealität orientierte Alternative sein“. Es erhofft sich besonders mit den islamisch-theologischen Zentren an Universitäten einen wissenschaftlichen Austausch. Eines davon ist das Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität. Kontakte gibt es bisher aber nicht, wie dessen Leiter Bekim Agai auf Anfrage sagte.

          Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen) äußerte, eine unter Extremismusverdacht stehende Einrichtung sei grundsätzlich geeignet, den sozialen Frieden zu stören. „Die Grenzen der Weltanschauungs- und Religionsfreiheit sind durch das Grundgesetz jedoch weit gesteckt.“ Die Stadt habe wenig Eingriffsmöglichkeiten, weil für die Liegenschaft ein gültiger Kauf- oder Mietvertrag geschlossen worden sei, so die Stadträtin. Politik der Stadt bleibe, durch Information und Präventionsarbeit dem Einfluss fundamentalistischer Ideologien entgegenzuwirken. Dazu gehörten aber auch die Anerkennung religiöser Vielfalt sowie der interreligiöse Dialog.

          Thema wird das Institut auch im Rat der Religionen. Wie dessen Vorsitzender Khushwant Singh sagte, will sich zunächst der Vorstand damit beschäftigen, um zu prüfen, ob der Rat auch insgesamt darüber beraten soll. Mitglied des Rats ist auch der Islambeauftragte des Bistums Limburg, Joachim Valentin. Er ist dafür, die Arbeit des Instituts zu beobachten, warnt aber vor „Panikmache“.

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