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Frankfurt In zehn Jahren 5000 Gläubige verloren

11.10.2010 ·  Die Zahl der Kirchgänger in Frankfurt geht zurück. Die Quote bei der evangelischen Kirche ist zwar niedrig, dafür aber stabil.

Von Stefan Toepfer, Frankfurt
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Der Frankfurter Jesuit und Pastoraltheologe Michael Sievernich hat eine Idee: In der katholischen Kirche solle zehn Jahre lang niemand das Wort „Mangel“ in den Mund nehmen und von Priestermangel, Gläubigenmangel oder Geldmangel sprechen. Der Sinn dieses Moratoriums soll sein, über die derzeitige Situation nicht dauernd zu klagen und sie an kirchlichem Leben zu messen, wie es etwa vor 50 Jahren aussah. „Dahin zurückzuwollen ist Unsinn.“

Ein Grund für die Klage, es stehe schlecht um die Kirche, ist die zurückgehende Quote der Gottesdienstbesucher, bezogen auf die Gesamtzahl der registrierten Kirchenmitglieder. Bei den Frankfurter Katholiken ist sie nach Angaben des Bistums Limburg innerhalb der vergangenen zehn Jahre gleichmäßig von 11,4 auf 8,5 Prozent gesunken. Rund 5000 Menschen hat die Kirche „verloren“. „Das ist eine beträchtliche Zahl“, urteilt Gerhard Buballa vom Dezernat „Pastorale Dienste“ im Bischöflichen Ordinariat in Limburg.

„Die Menschen gehen dorthin, wo es für sie stimmt.“

In der evangelischen Kirche ist die Zahl der Gläubigen, die zum Gottesdienst gehen, auch zurückgegangen, vor allem, wenn man bis ins Jahr 1990 zurückschaut. Immerhin ist die Quote aber in den vergangenen Jahren, wenn auch auf teils sehr niedrigem Niveau, relativ stabil geblieben. An Heiligabend ist sie sogar deutlich gestiegen (siehe Grafik). Bei den Katholiken gibt es diese gesonderte Erhebung nicht, sondern nur Durchschnittswerte aus zwei Zählsonntagen.

Pfarrerin Sabine Bäuerle, Leiterin des Zentrums Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), weist auf die Grenzen der offiziellen Zählung in ihrer Kirche hin: „Es gibt ein viel größeres Spektrum an Gottesdiensten als dasjenige, das erfasst wird. Die Menschen gehen dorthin, wo es für sie stimmt.“ Die EKHN zählt die Besucher am ersten Sonntag der Passionszeit, an Karfreitag, dem 1. Advent und an Heiligabend. In Deutschland gingen an Wochenenden noch immer mehr Menschen in den Gottesdienst als zu Bundesligaspielen, sagt Bäuerle.

„Neue Mischformen“

Buballa deutet den schwindenden Eifer beim Besuch von Gottesdiensten als Indiz dafür, dass die Kirche ihre Mitglieder immer weniger an sich binden könne. Die Quote zeige, wie viele Katholiken noch etwas mit ihrer Gemeinde zu tun haben wollten, mit ihr in Kontakt seien. Das Interesse gehe zurück.

Sievernich setzt diese Tendenz in einen größeren Zusammenhang: Gläubige Menschen entwickelten „neue Mischformen“ aus der Teilnahme an Messen, der Zuwendung zu Schwachen und dem Glaubenszeugnis im Alltag. So gesehen sei der Rückgang des Gottesdienstbesuchs „Ausdruck des religiösen Wandels in der späten Moderne“. Trotz der zentralen Bedeutung des Sonntagsgottesdienstes dürfe man die Teilnahme von Menschen am kirchlichen Leben nicht auf ihn reduzieren. Zudem nehme der Gottesdienstbesuch in Großstädten wie Wien oder Brüssel signifikant zu.

Neubaugebiete sind immer gut

Deutlich gewachsen ist das Interesse an evangelischen Heiligabend-Gottesdiensten in Frankfurt. Buballa ist sich sicher, dass es diese Entwicklung auch in der katholischen Kirche gibt. Erhöhen könne die Kirche den Grad der Aktivierung von Gläubigen, indem sie ein „verlässliches“ Gottesdienst-Angebot mache und auch auf „Events“ setze, etwa die Stadtwallfahrt am Fest des heiligen Bartholomäus, des Frankfurter Stadt- und Dom-Patrons. Hinzu kämen „profilierte“ Gottesdienste in der mitten in der Stadt gelegenen Liebfrauenkirche. Als Beispiel für die Bildung von Schwerpunkten nennt Bäuerle die Stärkung der Kirchenmusik in einer evangelischen Innenstadtkirche, der Katharinenkirche.

Zu einem Anstieg der Gottesdienstbesucherzahlen können Neubaugebiete führen – sofern die örtliche Gemeinde ein entsprechendes Angebot macht. So ist die Quote für die katholische Kirche im Viertel Frankfurter Berg gegenüber dem Jahr 2000 um 15,9 Prozent gestiegen. Ansonsten ist der Rückgang in anderen Gebieten der Stadt mit mehr als 50 oder um die 40 Prozent teils massiv. Als einen möglichen Grund vermutet Buballa die mit Pfarrerwechseln verbundenen neuen Gottesdienstordnungen.

Vier Prozent der Kirchenmitglieder gehen in den Gottesdienst

Bäuerle hebt den engen Zusammenhang zwischen einem vitalen Gemeindeleben und lebendigen Gottesdiensten hervor. Das Interesse von Gemeinden, „schöne Gottesdienste zu feiern“, sei groß, wie die Anfragen an das Zentrum Verkündigung zeigten, sagt sie. Das in Frankfurt ansässige Haus der EKHN will die gottesdienstliche Kultur und das geistliche Leben fördern. Für wichtig erachtet es Bäuerle beispielsweise, dass Predigten ansprechend und dass die Kirchenräume und die Musik stimmig seien. Der Pfarrer müsse „stilsicher“ sein und solle nicht als Entertainer oder Lehrer auftreten. Sievernich sagt, Gottesdienste seien dann gut besucht, wenn die Geistlichen als „Zeitgenossen“ der Menschen lebten und sie so in der Kirche ansprechen könnten. „Es hängt viel an der Person des Priesters.“

In der EKHN gehen Bäuerle zufolge vier Prozent der Kirchenmitglieder in den Gottesdienst, was auch der Quote in ganz Deutschland entspreche. Im Bistum Limburg sind es zwölf Prozent, wie Buballa sagt. Im Jahr 2000 lag die Quote noch bei 14,5 Prozent.

„Die Gesellschaft ist liturgiebedürftig“

Bemerkbar macht sich der Rückgang auch in katholisch geprägten Gebieten, die nahe an Ballungszentren liegen, etwa im östlichen Rheingau oder im südlichen Westerwald, wie Buballa ausführt. Die Bevölkerung dort habe sich durch den Zuzug von Menschen aus größeren Städten gewandelt – das wirke sich auch auf den Gottesdienstbesuch aus.

Pfarrerin Bäuerle macht insgesamt einen „erstaunlich hohen Sinn für Gottesdienste“ aus, nicht nur in Kirchengemeinden, sondern auch aus Anlass von Lebensübergängen – etwa zur Einschulung. Sie verweist überdies auf die Wichtigkeit öffentlicher Feiern nach großen Unglücken, Amokläufen etwa oder der Panik bei der Loveparade in Duisburg: „Die Gesellschaft ist liturgiebedürftig.“

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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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