28.09.2009 · Die Frankfurter CDU vermeidet Triumphgeschrei. Die SPD erntet Mitleid von der FDP. Ihr zusammengestauchter XXL-Mann Amann ist erst einmal politisch weg vom Fenster. Und die Grünen sind uneins.
Von Hans RiebsamenAn diesem hohen Tag der Bundestagswahl blickt das Volk von 18 Uhr an auf zu seinen elektronischen Altären – zu den TV-Bildschirmen. Auch im Römer, wo die Hohen Priester aller Parteien sich traditionell versammeln, um nach den ersten Hochrechnungen vor der versammelten Medienschar die Zeichen zu deuten. Zu deuten gibt es allerdings schon um 18 Uhr nach der Prognose nicht mehr viel, nur noch zu erklären. Die Hauptfrage, ob es für Schwarz-Gelb reichen werde, ist da schließlich bei ARD und ZDF schon mit einem klaren Ja beantwortet.
Die Seher und Lenker aus den oberen Parteirängen zögern ihren öffentlichen Auftritt dennoch hinaus. Warum stimmt Boris Rhein, der Vorsitzende der Siegerpartei CDU, keinen Siegeshymnus vor den Mikrofonen an? Warum zögert der SPD-Vorsitzende Gernot Grumbach den Leidensgang vor die Kameras hinaus? Ach so, er ist noch in Wiesbaden und muss dort von höherer Warte aus die Katastrophe seiner Partei interpretieren. Weshalb trauen sich die Obermuftis der hiesigen Grünen und die der Linken – ihrer beide Parteien haben doch zugelegt – noch nicht vor die Öffentlichkeit? Und die FDP? Wartet sie noch auf das echte Wunder, nämlich auf den sofortigen Aufstieg zur Volkspartei?
Nissen und Amann verschanzen sich
Dass die vier Kandidaten mit ernsthaften Chancen auf ein Direktmandat sich im Verborgenen halten, bis erste Zahlen aus Frankfurter Wahlkreisen eintreffen, ist ja verständlich. Erika Steinbach, die CDU-Bundestagsabgeordnete, weiß aus schlechter Erfahrung, dass erst am Schluss abgerechnet wird. Deshalb beobachtet sie zusammen mit ihrem Parteikollegen Matthias Zimmer die Entwicklung im Oberbürgermeisterbüro. Ihre Kontrahenten von der SPD, Ulli Nissen und Gregor Amann, verschanzen sich dagegen in den Büros der SPD-Fraktion.
Nur einer steht nach Bekanntgabe der Prognose um 18 Uhr tapfer auf verlorenem Posten in der Brandung: Klaus Oesterling, der Fraktionschef der SPD im Römer. Überrascht sei er nicht, gibt er zu Protokoll. Aber etwas angeschlagen wirkt er ob des Absturzes seiner SPD doch. Ein guter Außenminister müsse nicht notgedrungen ein guter Kanzlerkandidat sein, sagt Oesterling. Wie’s für die Sozialdemokraten weitergehen solle? Der Fraktionsvorsitzende deutet auf einen Bildschirm, auf dem der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, zu sehen ist. Dieser Heroe der SPD-Linken ist jetzt wohl der Hoffnungsträger auch der „rechten“ Sozialdemokratie.
Ein doppelter Sieger
Nach der ersten Hochrechnung lassen sich die ersten Grünen blicken. Omid Nouripour hat als doppelter Sieger gut lachen. Zum einen zieht er als Spitzenmann auf der grünen Hessenliste wieder in den Bundestag ein, zum anderen erfreut er sich eines frischen Vaterglücks. Avram heißt sein Sohn, der vor zwei Wochen das Licht der Welt erblickt hat. Ein Baby-Foto auf seinem Handy erinnert den alten und neuen Bundestagsabgeordneten, dass er die Welt für die nachfolgenden Generationen bewahren muss. Nouripour spricht vom „besten Ergebnis aller Zeiten“ für die Grünen. Später wird sein Landtagskollege Markus Bocklet viel Essig in den süßen Ökowein gießen. Die Grünen hätten erstens Schwarz-Gelb nicht verhindern, außerdem nicht drittstärkste Partei werden und darüber hinaus viel zu wenig von den abtrünnigen SPD-Wählern zu sich herüberziehen können. Versetzung gefährdet, hieße das in der Schule.
Na endlich, da kommt eine Siegerin. Oberbürgermeisterin Petra Roth ist sofort umringt von Fotografen. Sie verzichtet auf jedes Auftrumpfen. Es gebe für ihre CDU keinen Anlass zu großen Feiern. Für Frankfurt ändere sich aber durch die Wahl überhaupt nichts. Die Koalition von CDU und Grünen bleibe bestehen, wenn möglich sogar über die nächste Kommunalwahl 2011 hinaus. Warum die CDU Anteile verloren habe? Da möge man doch besser in Berlin Herrn Pofalla fragen, antwortet die Oberbürgermeisterin mit ernster Miene. „Lächeln Sie, Frau Roth!“, rufen die Fotografen ihr zu. Schon strahlt die Oberbürgermeisterin wieder.
Die letzte Volkspartei sei nunmehr die CDU, sagt Kämmerer Uwe Becker von der CDU. Vielleicht auch nur die vorletzte, kontert die FDP-Fraktionsvorsitzende Annette Rinn. Becker vergesse die Erfolge der Liberalen. Die von der Römer-SPD zur FDP-Fraktion ausgebüxte Elke Tafel schätzt sich glücklich, bei der echten Siegerpartei FDP gelandet zu sein.
Zusammengestauchter XXL-Mann
Eine Dreiviertelstunde nach der Bekanntgabe der Prognose hält der erste echte Sieger Einzug, der selbsternannte Anwalt aller Tüchtigen. Über sein Erststimmenergebnis musste sich Hans-Joachim Otto ja keine Sorgen machen, steht er doch auf dem sicheren Platz vier der FDP-Landesliste. Jetzt muss er sich auch nicht mehr um die FDP sorgen. Vielmehr um die SPD. Die FDP hätte gerne mehr als nur einen Koalitionspartner als Option, sagt Otto. Mit einem Sozialdemokraten wie Gregor Amann könnte er vermutlich ganz gut. Aber dieser vernünftige Genosse ist politisch weg vom Fenster. Mitleidig klopft Otto dem vom Wähler zusammengestauchten XXL-Mann der SPD auf die Schulter. Der will jetzt nur noch einen langen Urlaub machen. Wo? Dies zu überlegen, hat Amann noch keine Zeit gehabt.
Die anderen echten Sieger glauben auch anderthalb Stunden nach Ende des Wahlgangs immer noch nicht so recht an ihren Sieg. CDU-Chef Rhein muss Erika Steinbach und Matthias Zimmer nach Auszählung von mehr als der Hälfte der hiesigen Wahlkreise eigens aus dem Oberbürgermeisterbüro holen. Und auch dann halten sich die beiden weiter zurück: „Noch fällt der Stein nicht von meinem Herzen“, sagt Zimmer. Aber dann nehmen Roth und Rhein die beiden direkt gewählten Frankfurter Bundestagsabgeordneten in ihre Mitte. Für einen Moment wenden sich alle Blicke ab von den elektronischen TV-Altären und schauen auf dieses lebende Bild.