03.08.2010 · Im sozialen Netzwerk Facebook buhlen ganz unterschiedliche Frankfurter um Aufmerksamkeit. Manche mit mehr, manche mit weniger Erfolg.
Von Friederike Haupt, FrankfurtDie Stadt Frankfurt gefällt 3570 Personen. Nicht gerade vielen, wenn man bedenkt, dass „680.000 Frankfurterinnen und Frankfurter zwischen Nieder-Erlenbach und Schwanheim“ leben, wie die Stadt am 23. Juli verkündete und dazu bemerkte: „Die allermeisten davon sind wirklich nette Leute!!!“ So steht es auf der offiziellen Seite der Mainmetropole im sozialen Netzwerk Facebook zu lesen. Als „Stadt Frankfurt am Main“ schreiben dort Mitarbeiter des Presse- und Informationsamtes Nachrichten für die Bürger; die werden hier geduzt, man ist schließlich bei Facebook, da gehört sich das so. 3570 Menschen haben bisher den „Gefällt mir“-Button auf der Seite angeklickt – bei Berlins Facebook-Auftritt steht der Zähler derzeit bei mehr als 256.000 Fans.
Dass die Stadt Frankfurt in dem Netzwerk aktiv ist, verwundert nicht; weltweit sind dort fast 500 Millionen Menschen registriert. Viele von ihnen decken ihren Informationsbedarf ausschließlich über Links und Artikel, die sie dort finden. Das machen sich all jene zunutze, die auch jenseits des Internets viel Aufmerksamkeit wollen: private Selbstdarsteller, Bürgerinitiativen, Unternehmen und andere. Von einem „zweiten Frankfurt im Netz“, das vor Jahren schon bei der 3D-Animation „Second Life“ beschworen wurde, kann zwar nicht die Rede sein; doch durchaus von einem breiten Kommunikationskanal, der die traditionellen ergänzt und teilweise verdrängt.
Aufmerksamkeit und Geld
Veronika Katic vom Presse- und Informationsamt der Stadt weiß um die Wichtigkeit der Präsenz bei Facebook für das Image von Frankfurt; sie pflegt gemeinsam mit ihren Kollegen die Seite, gibt Veranstaltungstipps oder gratuliert der Oberbürgermeisterin virtuell zum Amtsjubiläum. Zu der niedrigen Zahl der Frankfurt-Fans auf der Seite der Stadt möchte sie nichts sagen. Tatsächlich hat beispielsweise die Facebookseite „Mainfrankfurt“ mehr als 43.000 Anhänger, die sich dort die Mitteilungen der Administratoren durchlesen.
Jeder, der bei Facebook angemeldet ist, kann unentgeltlich die Seiten anderer lesen und kommentieren oder selbst welche anlegen – viele tun das und hoffen auf Leser, denn die bedeuten oft nicht nur Aufmerksamkeit, sondern bares Geld. Die Seite „Mainfrankfurt“ jedoch wird von zwei Freunden betrieben – „wir haben definitiv kein kommerzielles Interesse“, sagt Aroon Nagershet, der hauptberuflich bei einem großen amerikanischen Unternehmen tätig ist. Er lebt von klein auf in Sachsenhausen, während Alimu Rahman, der die Seite vor einem Jahr gründete, nur einige Jahre hier verbrachte und nun wieder in Bangladesh lebt. Der Wunsch, mit Frankfurtern in Kontakt zu bleiben, bewog den Schüler dazu, bei Facebook aktiv zu werden.
Facebook kann teure Werbung ersetzen
Jeder Beitrag der beiden erreicht innerhalb von 24 Stunden zwischen 100.000 und 150.000 Klicks – Zahlen, von denen die Betreiber kommerzieller Websites oft nur träumen können. Viele Beiträge ernteten 40 bis 50 Kommentare, berichtet Nagershet stolz. Er und Rahman „posten“ sowohl private Frankfurt-Fotos und „sentimentale Eindrücke“, wie Nagershet sagt, als auch Tipps, Termine und Links zu Zeitungsartikeln, die sie interessant finden. Ein Beitrag zum Frankfurter Badeschiff habe dessen Internetseite innerhalb eines Tages „das Vierfache an Besuchern im Vergleich zu den letzten zwei Jahren beschert“, erzählt Nagershet stolz. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Unternehmen den Autoren beliebter Facebook-Seiten Geld für Verweise auf ihre Produkte zahlen. Doch davon wollen die Freunde nichts wissen: „Facebook und ,Meinfrankfurt‘ sind für uns nur ein Hobby.“
Julean Aygut dagegen macht keinen Hehl daraus, dass Facebook ihm teure Werbung ersetzt. Er arbeitet für den Frankfurter Club „King Kamehameha“ und hat vor einem Jahr die Partyreihe „Ai Laik“ gegründet. Der Name spielt auf Facebook an: Der „Gefällt mir“-Button heißt auf englisch „I like“, und die Formulierung wird inzwischen auch über Facebook hinaus in Kommentaren verwendet, um Zustimmung zu signalisieren. Mit dem Namen spreche man eine große Gruppe von Menschen an, sagt Aygut: „Facebook ist ein Mega-Hype.“ Ein Freund von ihm hat auf Facebook eine Gruppe gegründet, in der Freunde der Partyreihe Mitglied werden können. Mehr als 900 sind es schon, doch die Beiträge der Nutzer können von jedem gelesen werden; 3000 bis 5000 Leute - die sich für genau das interessieren, was Aygun bewirbt - erreichen sie. „Facebook ist als Marketingtool super“, sagt Aygun, der auch die Öffentlichkeitsarbeit für den Club macht.
Widerstand gegen die Schließung des Turmpalastes im Netz
Die Szene komme heutzutage „komplett“ in dem Netzwerk zusammen, sagt er. „Wer da nicht ist, wird nicht beachtet.“ Dass Marketing dort unentgeltlich sei, mache Facebook für ihn noch attraktiver. Er lässt zwar auch Aufkleber herstellen, die für seine Partys werben, und schaltet Anzeigen in Magazinen, doch ohne die Gruppe im Netzwerk fehle die Glaubwürdigkeit. Einige Tage vor einer Party fordert er die Gruppenmitglieder auf, ihr Profilfoto gegen ein Bild des Partyflyers auszutauschen - viele machten das dann auch. „Das funktioniert wie ein Schneeballsystem, so werden deren Freunde auch auf die Party aufmerksam.“
Während die Veranstalter in diesem Fall selbst im Netzwerk aktiv sind, übertragen andere Unternehmen das Marketing im Netz an kleine Agenturen, die dann im Namen des Auftraggebers regelmäßig Texte, Gewinnspiele und Fotos bei Facebook „posten“.
Doch auch kritische Bürger nutzen Facebook, um schnell viele Menschen zu erreichen. So formierte sich der Widerstand gegen die Schließung des Turmpalasts in zwei Gruppen mit mehr als 4000 Mitgliedern - während in Hamburg der Abriss des Gängeviertels von der bei Facebook organisierten Gegen-Initiative verhindert werden konnte, hatten die Frankfurter keinen Erfolg. Auch als der Auszug der Buchhandlung Walther König aus dem Städel bevorstand, verbündeten sich Kunstfreunde und Kunden in der Facebook-Liste „Don't let König go away“.
Nirgendwo lassen sich leichter, billiger und schneller viele Leute erreichen als bei Facebook
Doch deren Gründer, der Kurator der Weißfrauen-Diakoniekirche Gerald Hintze, möchte das Thema ruhen lassen. „Bei Facebook bin ich nicht mehr aktiv“, teilt er auf Anfrage per E-Mail mit; er wolle sich zu dem Thema nicht mehr öffentlich äußern. „Ich bin auch eine öffentliche Person“, schreibt er als Begründung, als schadete die Kommunikation in dem Netzwerk seinem Ansehen. Dem würde Partyveranstalter Aygut widersprechen; und kaum ein überregional agierendes Unternehmen erlaubt es sich, keine Seite bei Facebook zu haben.
Doch viele, gerade Ältere, sind skeptisch. Anders als nachfolgende Generationen haben sie das Internet nicht in ihren Alltag integriert; junge Frankfurter dagegen laden zu privaten Partys inzwischen gern über Facebook ein; wer nicht registriert ist, kann froh sein, wenn ihm andere von den Feierplänen erzählen. Auch die „Flashmobs“, die gelegentlich an der Hauptwache und anderswo zu sehen sind, organisieren sich auf der Seite „Flashmob's Frankfurt“.
Nirgendwo lassen sich leichter, billiger und schneller viele Leute erreichen als bei Facebook - davon sind fast alle Nutzer des Netzwerkes überzeugt. Und deshalb will sich die Stadt auch mit den Machern von „Mainfrankfurt“ treffen, „um ein paar Ideen auszutauschen“, sagt Aroon Nagershet. „Die Presseabteilung der Stadt mag, was wir hier machen, findet unsere Seite gut und unterstützt uns.“