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Erforschung von Jugendtrends : Refugium der Subkulturen

  • -Aktualisiert am

Feldforschung: So manche Technoparty hat Birgit Richard besucht. Auch die Eintrittskarten gehören zu ihrem Archiv. Bild: Frank Röth

Birgit Richard sammelt Schmuck, Mode und Konzertkarten - beruflich. Sie forscht im Jugendkulturarchiv der Goethe-Universität dazu, was junge Leute unterschiedlicher Milieus als schön empfanden.

          Birgit Richard trägt eine elegante Strickjacke mit Totenkopfmuster. „Ich fokussiere mich auf alles Bunte und alles Schwarze“, sagt sie. Die Professorin für Neue Medien am Institut für Kunstpädagogik leitet das Jugendkulturarchiv der Goethe-Universität.

          Totenkopfmotive mag sie am liebsten. Grautöne oder Pastellfarben gibt es keine hier. Das enge, fensterlose Zimmer ist rot gestrichen. Große Kisten stehen vollbepackt im Raum, darum herum sind fein säuberlich bunte Kleider, Schuhe, Accessoires, CDs und eine Reihe Energydrink-Dosen angeordnet. Mehr als 2000 Objekte sind hier verstaut. Es ist Birgit Richards Refugium der Subkulturen.

          Das Institut für Kunstpädagogik liegt gut versteckt hinter der Universitätsbibliothek und dem Bockenheimer Depot in der ehemaligen Druckerei Dondorf. Das Druckereigebäude wurde 1890 errichtet, 1971 zog die Uni ein. Richards Lehrstuhl und das Jugendkulturarchiv sind in der alten Heizzentrale untergebracht. In den nächsten Jahren muss das gesamte Institut umziehen, voraussichtlich auf den Campus Westend, wann genau, steht noch nicht fest.

          Es fing mit einem Loveparade-T-Shirt an

          Der wissenschaftliche Anspruch an das Archiv ist, Objekte der Jugendsubkulturen zu konservieren, die in einer konventionellen Designsammlung keinen Platz finden. „Mein großer Konkurrent ist das Archiv der Jugendkulturen in Berlin“, sagt Richard. In Berlin werden allerdings überwiegend Dokumente gesammelt. In seiner Art ist das Frankfurter Archiv einzigartig in Deutschland.

          „Welches Material steht für welche Szene? Wie werden die Dinge umfunktioniert oder entfunktionalisiert?“ Das sind Fragen, die sie als Forscherin umtreiben. Richard legt ihr Augenmerk auf Dinge, die banal erscheinen. Angefangen hat alles mit einem Loveparade-T-Shirt von Puma und einer „G-Shock“ von Casio. Die auffälligen Plastikuhren waren der letzte Schrei in den neunziger Jahren. Schuhe und Kleider machen bis jetzt den größten Teil der Sammlung aus.

          Kleider und Schuhe

          Im Schuhregal stehen unzählige Sneakers, Doc Martens, Clarks, Chucks und Flip-Flops. Stolz präsentiert Richard ein besonders schönes und wertvolles Paar Clarks, das der Sprayer „Futura 2000“ gestaltet hat. Die Kleiderkollektion reicht zurück in die siebziger Jahre, zu Schlaghosen und Hemden mit möglichst breiten Kragen. „Richtig viel haben wir aber aus den Achtzigern und aus der Gothic- und der Technokultur“, erläutert Richard. Im Archiv stehen auch einige CDs, Musik sammelt Richard aber keine. „Die Musik ist die Grundlage vieler Stilrichtungen. Ich will die gegenständliche Ästhetik der Subkulturen erfassen.“

          Viele Jugendkulturen beziehen Motive aus der Arbeitswelt und dem Militär. Zweckentfremdungen von Alltagsgegenständen sind beliebt. Punks haben zum Beispiel Tee-Eier als Anhänger in den Ohren getragen. „In der Punkbewegung wurde viel zerstört und zerrissen. Heute sind es eher Collagen. Der richtige Mix macht die Gestaltung aus“, sagt die Kunstpädagogin.

          Morbider Charme: Ein Totenkopf als schmückendes Beiwerk
          Morbider Charme: Ein Totenkopf als schmückendes Beiwerk : Bild: Frank Röth

          Richard hat in Essen Kunst und Geschichte auf Lehramt studiert, war dann wissenschaftliche Mitarbeiterin und wurde mit einer Dissertation zu Todesbildern im Alltag, in der Kunst und in Subkulturen promoviert. Seit 1998 ist sie Professorin in Frankfurt. Das Archiv hat sie aus Essen mitgebracht, ursprünglich war es ein „Technoarchiv“. Alles, außer den Kisten, gehört Birgit Richard. Sie hat fast alle Objekte selbst entdeckt und gekauft. „Böse Zungen behaupten, ich hätte eine super Möglichkeit gefunden, zu shoppen“, sagt sie.

          Ein Lieblingsstück hat Richard nicht. Sie hat viele Lieblinge in ihrer Sammlung. Vor kurzem hat sie gerade wieder ein günstiges Top mit Rosen und Totenköpfen gefunden, das ihr sehr gut gefällt. „In der Gothic-Szene ist die Herkunft der Kleidung und der Accessoires nicht wichtig. Wenn ich bei Kik oder New Yorker einen schicken Totenkopf finde, kaufe ich das Stück.“

          Derzeit erfassen Birgit Richards Mitarbeiterinnen sämtliche Objekte des Archivs elektronisch und stellen sie ins Internet. Die Website (www.jugendkulturarchiv.de) ist noch im Aufbau, aber jetzt schon sehr sehenswert. Richards Wunsch ist es, dass das Archiv irgendwann ein eigenes Museum bekommt oder als permanente Ausstellung zu sehen sein wird.

          Die Professorin forscht als Medientheoretikerin auch im Internet. Sie untersucht, wie sich Subkulturen in den sozialen Medien darstellen und wie sie sich miteinander vernetzen. Mit der Digitalisierung haben sich die Attribute der Subkulturen verändert. Das wichtigste Ding unserer Tage ist das Handy.

          Handyhüllen und allerlei zweckfreie Dinge

          Richard kuratiert die Ausstellung „Hamster Hipster Handy – Im Bann des Mobiltelefons“, die gerade im Museum Angewandte Kunst gezeigt wird. Die Ausstellung ist im Rahmen des interdisziplinären Forschungsverbunds „Konsumästhetik – Formen des Umgangs mit käuflichen Dingen“ entstanden.

          In den Regalen des Jugendkulturarchivs liegt als anschauliches Beispiel für Konsumästhetik ein „Raver Starter Pack“ mit ziemlich unnützem Inhalt. Neben Merchandisingartikeln und Kleidungsstücken lagern im Archiv auch Eintrittskarten zu Technoparties, Handyhüllen, Sonnenbrillen und allerlei zweckfreie Dinge in schreienden Farben. Wie ein Anachronismus erscheint da ein kleines Fläschchen Rotbäckchen-Fruchtsaft zwischen den Energydrinks. In der Raver-Szene der neunziger Jahre war der Saft als sanftes Aufputschmittel sehr beliebt – pur, oder gemischt mit weniger harmlosen Genussmitteln.

          Die Ausstellung

          „Hamster Hipster Handy“ ist bis zum 5. Juli im Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Frankfurt, zu sehen.

          Quelle: F.A.Z.

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