Home
http://www.faz.net/-gzh-sjx1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Flohmarkt am Mainufer Schadhaft, schmutzig und oft unangenehm

 ·  Das Angebot auf dem Frankfurter Flohmarkt ist unterm Strich entweder minderwertig oder schäbig. Frankfurt braucht einen Flohmarkt, aber nicht an einer der schönsten Stellen der Stadt, dem Museumsufer.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ausgerechnet an Frankfurts schönstem und bedeutendstem Museum, dem Städel, nimmt der Flohmarkt seinen Anfang. Flohmarkt? Eine heitere Veranstaltung mit Trödel und Antiquitäten? Nein, am Museumsufer liegen die dargebotenen Waren oft auf einem Tuch am Boden.

Und es ist so, als wäre die Großmutter verstorben und der Enkel hätte den seit 30 Jahren nicht aufgeräumten Keller der Oma mit allem Unrat originalgetreu ans Museumsufer verlegt. Nebeneinander fristen alte Teppiche, Puppen, Toaster, Gartenschläuche und Winterreifen ihr trauriges Dasein.

Schadhaft, schmutzig und unangenehm geht es an vielen Stellen weiter, der rostige Rasenmäher wirkt, als hätte er längst ins Gras gebissen, die Motorradfahrer-Lederjacke hat auch schon bessere Tage gesehen. Neben der Bohrmaschine aus den Frühzeiten des Heimwerkens wartet die Videocassettte „When a Man Loves a Woman“ auf einen barmherzigen Käufer. Eine Inderin fragt, was der Stieltopf kostet. Drei Euro, sagt der Händler. „Zwei“, bietet die Inderin, doch der Mann bleibt hart.

Billig-Schmuck und russische DVDs

Während sonst überall vergessen ist, daß in Deutschland das Rabattgesetz Handeln ausdrücklich erlaubt, wird es auf dem Flohmarkt fleißig praktiziert. Noch gibt sich der ausländische Händler Mühe mit dem potentiellen Kunden, der ihm vielleicht die elektronische Heimorgel abkauft: „Das neu. Das funßionier hundert Prosent.“ Als sich aber die Verkaufsverhandlungen in ungewisse ziehen, wird der Händler leicht ungeduldig und formuliert auf Multikulti: „Kollega, ich habe nicht so viele Zeit zu babbelen.“

Zwischen unzähligen Ständen mit Billig-Schmuck und russischen DVDs, zwischen gebrauchten Fahrrädern, soldatischer Tarnkleidung und ziemlich schadhaft wirkenden Badezimmer-Armaturen, zwischen Hemden, die man nicht anziehen, Geschirr, von dem man nicht essen, und Besteck, das man nicht in den Mund nehmen möchte - gibt es zwischen all dem Krempel nicht auch Schönes oder Überraschendes?

Doch, das kommt vor. Plötzlich begegnet einem aus heiterem Himmel „Die Verfassung des Freistaats Preußen“. Dann und wann präsentiert sich sogar ein hübscher Stand, ausgelegt mit Samt und dekoriert mit schönem, altem Porzellan oder Schmuck. Und manchmal weht einen plötzlich die Vergangenheit an, etwa an dem Stand mit Stehlampen aus den Siebzigern oder an der Ecke, an der uralte Radios von Telefunken, Schaub Lorenz oder Nordmende an die Kindheit erinnern, als man Sonntag mittags vor dem Gerät den Abenteuern Kalle Blomquists nachlauschte. Und hier das alte Plattencover zeigt Michael Jackson, als er noch ziemlich wie Michael Jackson aussah.

Brautkleid vom Flohmarkt

Dort vorn steht neben der Puppe mit einem Hochzeitskleid ein Ausländer. 350 Euro fordert er für das Prachtstück mit viel Spitze, der Katalog neben ihm birgt weitere Modelle. Ob wohl tatsächlich jemand vor den Altar tritt in einem Brautkleid vom Flohmarkt? Das bleibt ungewiß. Tatsache ist aber, daß mancher Händler einem Spaß macht, weil er wie das afrikanische Showtalent inmitten seiner Billigschuhe lauthals, sinnfrei, aber komisch verspricht: „Shoes for you, sechs Monat Garantie, steuerfrei!“

Leider bleiben die schönen Stände deutlich in der Minderzahl. Zwar hat sich gebessert, daß nicht mehr so viele Neuware zu Schleuderpreisen verkauft wird (noch vor ein paar Jahren konnte man sich am Flohmarkt für 20 Euro von Kopf bis Fuß neu einkleiden). Auch hat dieser Flohmarkt ganz und gar kein Akzeptanzproblem.

Schieß-Kulis und Munition

Im Gegenteil: Auf der Seite zum Mainufer herrscht in den etwas engen Gängen fast qualvolles Gedrängel. Aber das Angebot ist unterm Strich entweder minderwertig oder schäbig, oder es gehört (wie neue Schraubenzieher und Batterien) nicht auf einen Flohmarkt. Weitgehend fehlt dieser Veranstaltung Charme und Heiterkeit. Es trifft sich, daß an diesem Samstag ein Polizist, der sich als Privatmann am Schaumainkai aufhielt, den Verkauf eines Schieß-Kulis und von zwei Schachteln Munition vereitelte.

Nun hat die neue schwarz-grüne Koalition beschlossen, der Flohmarkt solle nur noch jeden zweiten Samstag stattfinden. Das ist gut für das Erscheinungsbild der Stadt, aber möglicherweise unfair gegenüber jenen Händlern, die auf die Veranstaltung angewiesen sind. Eine Großstadt wie Frankfurt, in der viele arme Menschen leben, braucht einen Flohmarkt - möglicherweise sogar einen so rohen und häßlichen wie diesen. Aber bitte nicht an einer der schönsten Stellen der Stadt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Jüngste Beiträge

Geben und nehmen

Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr 1