03.08.2005 · Die Biologen Markus Dietz und Ulrike Balzer sind in den Stadtwald gekommen, um den Fledermausbestand zu erfassen. Sie sind vom vom Umweltamt damit beauftragt worden, die Lebensräume der Tiere in der Stadt Frankfurt zu kartieren.
Am Altarm der Nidda ist es ruhig geworden. Im schwindenden Abendlicht kontrolliert der Fledermausexperte Markus Dietz ein letztes Mal seine Fangnetze. Drei Meter hoch und 90 Meter weit spannen sich die Maschen durch die Bäume des Frankfurter Niedwalds. Nicht weit entfernt an der Uferböschung steht Biologin Ulrike Balzer, die einen Detektor in der Hand hält, der auf einmal laute, zirpende Geräusche von sich gibt. "Aha, ein Großer Abendsegler!" ruft die Frau, die allein schon am Klang die in der Nähe jagende Fledermaus erkannt hat.
Balzer und Dietz sind in den Stadtwald gekommen, um den Fledermausbestand zu erfassen. Die Biologen arbeiten für das private Laubacher Institut für Tierökologie und Naturbildung, das im vergangenen Jahr vom Umweltamt damit beauftragt wurde, die Lebensräume der Tiere in der Stadt zu kartieren. "Die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie schreibt vor, bedrohte Fledermausarten streng zu schützen. Das können wir aber nur machen, wenn wir wissen, wo sie sich aufhalten", sagt Christa Mehl-Rouschal vom Umweltamt. Die von den Biologen erhobenen Daten seien sehr hilfreich, denn auf dieser Grundlage könne der Schutz seltener Fledermäuse bei der städtischen Bauplanung dann auch gebührend berücksichtigt werden. Die Laubacher sind nicht nur für die Kartierung verantwortlich. Zusätzlich sollen sie Förster, Bürger und vor allem Schüler bei nächtlichen Exkursionen über die Lebensweise der seltenen Säugetiere informieren.
Auch bei der Bestandserfassung im Niedwald ist heute eine Klasse des Frankfurter Hessenkollegs dabei. Die Schüler sind aufgeregt, als sich ein Exemplar im Netz verfängt: ein kleines Tier mit ledrigen Flügeln, geradezu riesigen Ohren und einer rosa Schnauze nebst äußerst spitzen Zähnen. Die völlig verschreckte Fledermaus läßt zwar ein beängstigendes Fiepsen ertönen, die jungen Exkursionsteilnehmer kann sie damit aber nicht erschrecken. "Süüß!" meint eine Schülerin.
Nebenbei erklärt Dietz seinen Zuhörern, wie man selbst mitten in Frankfurt Fledermäuse ausfindig machen könne. "Wer sich in der Abenddämmerung auf den Eisernen Steg stellt, hat gerade jetzt im Sommer gute Chancen, seltene Arten zu sehen: Zwergfledermäuse, die über die Brücke fliegen, und Wasserfledermäuse, die an der Oberfläche des Mains auf Insektenjagd gehen", sagt der Biologe. Beide Arten befänden sich in Hessen auf der Roten Liste der geschützten Tiere; genau wie die anderen zwölf Fledermausarten, die Dietz und seine Kollegen bisher schon in Frankfurt ausgemacht haben.
Weil sich die Tiere zum Schlafen gerne in Baumhöhlen hängen, durchkämmen Dietz und sein Team auf der Suche nach den Wohn- und Überwinterungsquartieren der Fledermäuse vor allem Gebiete mit altem Baumbestand. Im Niedwald sind sie jetzt zum ersten Mal unterwegs:Dort gibt es einen Fluß, der Insekten lockt, alte Laubbäume und keine intensive Forstwirtschaft - nach Ansicht des Biologen alles Argumente, die für einen Fledermaus-Lebensraum sprechen. Dennoch lassen sich in dieser Nacht kaum welche sehen. "Wenn wir in Frankfurt unterwegs sind, sind wir oft die ganze Zeit am Rennen", sagt Balzer, die sich über die vergleichsweise geringe Ausbeute wundert. Insgesamt fünf- bis siebenmal besuchen die Biologen jedes einzelne Gebiet, ehe die Kartierung abgeschlossen werden kann. Und meistens würden sie auch fündig: Besonders im Ostpark, im Riederwald und im Fechenheimer Wald wurden laut Dietz schon viele seltene Arten entdeckt. Alles in allem haben die Biologen in Frankfurt 17 städtische Flächen zu durchkämmen: neben Wäldern und Parks auch Obstwiesen, den Hauptfriedhof und sogar das Bankenviertel.
"Uns hat einmal ein aufgeregter Banker angerufen, der von irgendeinem Tier im Hochhaus berichtete. Niemand würde sich mehr trauen, durch den Flur zu laufen, in dem es sich befand", erzählt Dietz. Er sei dann hingefahren und habe festgestellt, daß sich in dem Gang eine Zweifarbfledermaus zum Schlafen hingehängt hatte. Weil diese Art selten sei, wolle er der Sache nun auf den Grund gehen. Abschließende Daten aus dem Bankenviertel und den anderen Untersuchungsräumen lassen allerdings noch auf sich warten, weil die Arbeit der Experten, die im vergangenen Winter begonnen wurde, wohl noch bis Ende 2006 dauern wird.
Die Arbeit besteht vor allem darin, nachts den Fledermäusen aufzulauern. Dabei ist eines der wichtigsten Werkzeuge der "Fledermausdetektor" - das Gerät in der Größe eines Taschenbuchs empfängt die hochfrequenten Orientierungsrufe der Tiere und wandelt sie in für den Menschen wahrnehmbare Signale um. Weil jede Art andere Laute von sich gibt, wissen Dietz und Balzer so auch in der Dunkelheit genau Bescheid, wen sie gerade vor sich haben. Doch fliegt längst nicht jede Art dort, wo sie zu Hause ist. "Manche Tiere entfernen sich bis zu 15 Kilometer von ihrem Unterschlupf", weiß Balzer. Weil die Forscher nicht nur die Jagdreviere kartieren, sondern eben auch die Wohnquartiere bestimmen wollen, stellen sie bisweilen große Netze auf, um die darin gefangenen Fledermäuse mit einem Peilsender versehen zu können.
Bei der Pirsch im Niedwald wird dieses Mal kein Tier mit einem Ortungsgerät ausgestattet. Das einzige Exemplar, das sich im Netz verliert, nutzt die von den begeisterten Schülern verursachte Aufregung, um zu entwischen. Biologielehrerin Stephanie Flatau, die den Ausflug organisiert hat, nimmt es gelassen. Ihr ist es wichtig, die Schüler für Fledermäuse zu interessieren. "Wer die Natur kennt, der liebt sie, und wer sie liebt, der schützt sie", meint Flatau. MANUEL WIRSING