06.11.2009 · Drei Tage lang haben sich Feuerwehren aus der ganzen Welt im „Leben retten“ gemessen. Die Mannschaft aus Ghana ist der heimliche Star. Letztes Jahr erhielten sie eine Anerkennungsurkunde. Dieses Mal wollten sie eine Medaille gewinnen.
Von Katharina Iskandar und Lucas Wahl (Fotos)William Brown-Acquaye sitzt auf der Tribüne, in eine Daunenjacke gehüllt, denn es ist kalt an diesem Donnerstagnachmittag. Wenige Minuten noch, dann wird sein Team an den Start gehen. Sechs junge Männer plus ein Ersatzmann, die der Chef des nationalen Feuer- und Rettungsdienstes selbst ausgebildet hat. Am Morgen haben sie noch gemeinsam mit Frankfurter Kollegen auf der Feuerwache 1 in Preungesheim trainiert. Nun, in den nächsten zehn Minuten, müssen sie zeigen, dass sich der weite Weg von Accra nach Frankfurt gelohnt hat.
„C’mon guys!“, schallt es über den Parcours, als der Wettkampf beginnt. Vor den sechs Ghanaern türmen sich zwei Autos. Im unteren sitzt eine Frau. Wäre dies ein Ernstfall, wären ihre Beine eingeklemmt, sie wäre vermutlich nicht mehr bei Bewusstsein. Eine Plane wird auf dem Boden ausgebreitet, Scheren und Metallschneider bereitgelegt. JK Mensah und Ezra Mingle, die im ghanaischen Team für die Technik zuständig sind, legen Holzklötze unter das Auto und stabilisieren es. Anschließend kriechen zwei Rettungssanitäter in das Wageninnere und versorgen die Frau. Die Minuten vergehen. Es wird gesägt und geschnitten. Dann ertönt ein Signal, die Zeit ist vorbei.
Starke Konkurrenz
William Brown-Acquaye seufzt erleichtert. „Jungs, das war gar nicht schlecht“, sagt er und nickt seiner Mannschaft aufmunternd zu – obwohl sie das gar nicht nötig haben. Denn wo auch immer sich die Ghanaer auf dem riesigen Hinterhof der Feuerwache 1 aufhalten – sie sind gerngesehene Gäste und die heimlichen Stars des Wettbewerbs. Man lächelt ihnen zu, klopft ihnen auf die Schulter. Und immer bekommt man ein strahlendes Lächeln zurück. Vor allem die Österreicher sind begeistert. In ihren braunen Overalls stehen sie am Parcours und rufen „Ghana, Ghana!“ im Chor.
„Die Jungs aus Afrika sind die absoluten Lieblinge hier“, sagt ein Feuerwehrmann. „Die machen einfach gute Stimmung.“ Das war schon im vergangenen Jahr so, als die Weltmeisterschaft in Cardiff ausgetragen wurde und das Team aus Ghana zum ersten Mal überhaupt teilgenommen hat. Damals gewann die Mannschaft eine Anerkennungsurkunde – dafür, dass sie so sympathisch und engagiert aufgetreten ist. „Diesmal soll es eine richtige Medaille sein“, sagt Brown-Acquaye und lächelt verschmitzt, weil er weiß, dass dieser Wunsch bei der starken Konkurrenz wohl eher unerfüllt bleiben wird.
Teambesprechung
Er schielt hinüber zu seinen Idolen: zu Steve Barrow und seinem Team von der „Hampshire Firebrigade“. Die Engländer sind die amtierenden Weltmeister und haben diesen Titel im vergangenen Jahr schon zum fünften Mal gewonnen. „Bei denen sitzt jeder Handgriff“, sagt Brown-Acquaye bewundernd. „Die könnten auch blind jemanden aus dem Wrack befreien.“ Barrow winkt bescheiden ab und sagt, der Kollege übertreibe. „Unser Geheimnis ist höchstens, dass das Team schon seit vielen Jahren zusammenarbeitet und dass wir außerdem auch Freunde sind.“
Bis zum Abend wird weiter gesägt und geschnitten. Wie viele „Unfallopfer“ schon befreit worden sind, kann bald niemand mehr zählen. Nur die Schiedsrichter, die sich mit ernster Miene jeden Handgriff ansehen, haben den Überblick. Noch bis morgen dauert der Wettbewerb an. Bis dahin haben die Ghanaer noch viele Gelegenheiten zu zeigen, was sie können. Gegen Ende des ersten Wettkampftags ruft Brown-Acquaye seine Mannschaft zusammen zur Teambesprechung. Die geliehenen Anzüge passen den Männern perfekt. „Na ja“, sagt Brown-Acquaye, „wenn wir diesmal nicht gewinnen, dann vielleicht nächstes Mal. Oder übernächstes. Aber irgendwann bestimmt.“