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Feuerwehr-Chef im Gespräch : Warum ein Feuer wie in London in Deutschland unwahrscheinlich ist

Feuerwehrleute betrachten die Bergung eines mutmaßlichen Opfers der Brandkatastrophe in London. Bild: EPA/REX/Shutterstock

Was hätte die Katastrophe in dem Londoner Hochhaus verhindern können? Der Leiter der Frankfurter Feuerwehr, Reinhard Ries, erklärt im Interview, wofür er seit Jahren kämpft – und warum in Europa kaum jemand auf ihn hören will.

          Herr Ries, Sie haben zu dem Hochhaus-Brand in London bereits am Mittwochmorgen gesagt: „Dieses Feuer ist nicht mehr löschbar.“ Hätte zumindest verhindert werden können, dass es sich auf alle Etagen ausbreitet?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die Londoner Feuerwehr ist eine der besten der Welt, aber keine Feuerwehr der Welt kann gleichzeitig in zig Apartments Brände bekämpfen. Es ist offensichtlich, dass in Deutschland geltende Sicherheitsbestimmungen für Hochhäuser bei dem Haus in London nicht eingehalten wurden. In Deutschland müssen an Häusern, die über 22 Meter hoch sind, nicht brennbare Fassaden verbaut sein. Die Briten und die Franzosen haben das nicht. In Europa sind wir die einzigen. Es gab schon 2013 einen Brand in Roubaix in Frankreich, bis heute kann man auf Youtube sehen, wie das Hochhaus innerhalb von Minuten wie eine Fackel brennt. In der Polystyrol-Industrie herrscht heute bestimmt Alarmstimmung: Wenn dieses Material in einem Hochhaus zur Wärmedämmung verbaut wird, ist ein Brand für die Feuerwehr kaum noch beherrschbar.

          Was wissen Sie über das Grenfell-Hochhaus?

          Der Grundriss ist 22 Meter breit, auf jeder Etage sind etwa vier bis sechs Wohnungen, darunter viele Kinderzimmer. Man kann also schon ahnen, was uns da noch droht.

          Wie sieht es mit den Rettungswegen aus?

          In dem Haus gibt es wohl nur eine Treppe und zwei normale Aufzüge, ohne Schleusen an den Ausgängen, die für einen effektiven Brandschutz sehr wichtig wären. Wir fordern schon lange, dass alle Hochhäuser ab 30 Meter Höhe einen Feuerwehraufzug bekommen, der mit Strom notversorgt ist, und durch Schleusen geschützt ist. Das hat den großen Vorteil, dass die Feuerwehrleute in die Nähe des Brandherdes kommen, ohne erst mal 20 Stockwerke mit der ganzen Ausrüstung hoch zu hetzen, wie das jetzt in London der Fall war. Dann sind die Retter schon fertig, bevor es richtig losgeht. Außerdem können Verletzte, die selbst nicht mehr laufen können, mit dem Aufzug nach unten gebracht werden. Bei Neubauten sind in Deutschland außerdem Brandmeldeanlagen, Sprinkler, Feuerwehraufzüge und zwei voneinander unabhängige Sicherheitstreppenhäuser vorgeschrieben, die statisch und technisch komplett vom Resthaus getrennt sind.

          Reinhard Ries, Leiter der Feuerwehr Frankfurt
          Reinhard Ries, Leiter der Feuerwehr Frankfurt : Bild: dpa

          Was können Sprinkleranlagen ausrichten?

          Wenn ein Hochhaus komplett mit Sprinkleranlagen versorgt ist, und keine brennbare Fassade hat, kann ein Feuer nicht so um sich greifen, wie das in London der Fall war. Soweit ich das mitbekommen habe, gab es in London keine Sprinkleranlage. Und es gab wohl auch keine Brandmeldeanlage, sonst hätte die Feuerwehr nicht erst von der Polizei alarmiert werden müssen. Das ist nicht zu verwechseln mit Rauchmeldern: Der warnt nur die Leute vor Ort, eine Brandmeldeanlage informiert direkt die Feuerwehr. Aber selbst mit Sprinkleranlage: Wenn die Fassade brennbar ist, ist das Feuer kaum aufzuhalten, das hat man auch bei dem Feuer in Dubai an Silvester 2015 gesehen.

          Können Sie aus dem Brand in London schon etwas schließen?

          Erstens hat sich unser jahrelanger Einsatz für strenge Richtlinien mal wieder als gerechtfertigt erwiesen. Zweitens müssen endlich auch international brennbare Außenfassaden bei Hochhäusern tabu werden. Und drittens müssen Hochhäuser alle zwei Jahre von der Feuerwehr begangen werden, damit die Retter im Ernstfall wissen, was sie erwartet. Wir sind europaweit in entsprechenden Gremien und versuchen das alles schon lange durchzusetzen. Leider haben da Lobbyisten oft mehr zu sagen als Feuerwehrleute.

          Die Fragen stellte Sebastian Eder.

          Im Schlaf überrascht : Tote und Verletzte bei Hochhausbrand in London

          (Hinweis der Redaktion: Mehr über den Streit um das Brandrisiko durch Polystyrol in diesem Text. Laut einem Bericht des „Guardian“ wurde das Hochhaus in London mit Platten aus Polyester und Aluminium verkleidet, von denen viele während des Feuers stark gebrannt haben sollen.)

          Reinhard Ries ist Leiter des Brandschutzes, Katastrophenschutzes, Rettungsdienstes, Notarztdienstes und der Flugrettung in Frankfurt mit 1000 hauptamtlichen und 1500 ehrenamtlichen Einsatzkräften. Außerdem ist er Dozent an der Fachhochschule Frankfurt, der Hochschule Darmstadt und der Technischen Universität Darmstadt.

          Quelle: FAZ.NET

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