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„Ferien vom Krieg“ : Unter einem Dach mit dem vermeintlichen Feind

Wenn sich Kinder begegnen, kann das Feindbilder abbauen. Bild: REUTERS

Bosnische und serbische, israelische und palästinensische Kinder bringt das Projekt „Ferien vom Krieg“ zusammen.

          Offizielle der Vereinten Nationen hatten damals gewarnt: „Das gibt Mord und Totschlag. Das kann niemand verantworten.“ Gemeinsame Feriengruppen von muslimischen Kindern, die aus Srebrenica deportiert wurden, mit serbischen Kindern, die inzwischen in den Häusern der Muslime in Srebrenica wohnten, der Stadt des größten Massakers im Balkankrieg. Hanne und Klaus Vack, Mitgründer des Komitees für Grundrechte und Demokratie, haben es trotzdem gewagt. Die befürchteten Tätlichkeiten bleiben aus.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mehr als 20 000 Kinder und Jugendliche aus den verfeindeten Gebieten des ehemaligen Jugoslawien haben seither in Ferienlagern des Komitees mit angeblichen Feinden unter einem Dach gewohnt. Viele haben später zu Hause, in der Schule und unter Freunden erzählt, dass sie mit den Jugendlichen der anderen Seite diskutiert und Spaß gehabt hätten. Manche „Feinde“ haben sich sogar angefreundet wie etwa Nermis, ein 16 Jahre alter Bosniake, und Idriz, ein gleichaltriger Serbe. Die beiden haben festgestellt: „Theoretisch kann es sein, dass mein Vater deine Eltern umgebracht hat oder dein Vater meine Eltern umgebracht hat. Nun hocken wir beide in Waisenhäusern. Was für ein Irrsinn.“

          „Eine phantastische Erfahrung“

          „Ferien vom Krieg“ nennt das Komitee sein seit 1994 existierendes Projekt. Am Samstag nahmen die Frankfurterin Helga Dieter als Koordinatorin und ihre Mitstreiter in der Katharinenkirche den Julius-Rumpf-Preis der Martin-Niemöller-Stiftung in Höhe von 10 000 Euro entgegen. „Ferien vom Krieg“ habe eine neue Friedensbewegung initiiert, begründete Martin Stöhr, der Vorsitzende der Stiftung, die Wahl.

          Seit 2001 ist das Komitee dazu übergegangen, auch junge Menschen aus Israel und Palästina nach Deutschland einzuladen, damit sie in Dialogseminaren ihren „Feinden“ begegnen können. 1200 Jugendliche aus dem Nahen Osten im Alter zwischen 14 und 18 Jahren sind sich seither begegnet und haben sich kennengelernt. „Wir können zusammen leben, sogar unter einem Dach, das ist eine phantastische Erfahrung“, sagte einmal eine Palästinenserin am Ende eines Seminars. Die Arbeit findet in gemischten Gruppen statt, die während der zwei Wochen mit je einem israelischen und einem palästinensischen Moderator zusammen bleiben.

          Feindbilder abbauen

          Gerne nehmen die Palästinenser, so berichtet die Koordinatorin Dieter, die jüdische Geschichte in der Diaspora als Beleg dafür, dass die Juden keinen Anspruch auf eine Heimat in Palästina hätten. Umgekehrt leiteten die Israelis aus der Vergangenheit vieler palästinensischer Familien als Nomaden und Viehzüchter ab, das Land sei wüst und leer gewesen, bis die jüdischen Einwanderer es in eine blühende Oase verwandelt hätten. Doch diese Mythen werden Dieter zufolge häufig schnell brüchig. Den Palästinensern falle es im Laufe der Gruppenarbeit immer schwerer, Leuten in ihrem Alter, die in Israel geboren seien und deren Familien oft schon in dritter Generation dort lebten, die Heimat abzusprechen. Umgekehrt müssten die Israelis ihr Bild vom Kameltreiber oder Terroristen ändern, wenn sie Palästinensern gegenüber säßen, die stolz ihre alte Kultur mit Musik und Literatur repräsentierten.

          Die Grundidee der Organisatoren um Frau Dieter ist eigentlich banal: Wenn Kriegsparteien Frieden schließen wollen, müssen sie verhandeln. Um den Frieden erhalten zu können, müssen Feindbilder abgebaut und die Gewalteskalation aufgearbeitet werden. Beim Komitee für Grundrechte und Demokratie hat man die Erfahrung gemacht, dass die jungen Leute ein normales Leben ohne ständige Angst führen wollen. Am Ende der Ferien seien alle, auch die fanatisch-nationalistischen Jugendlichen, darüber erstaunt, dass sie tatsächlich zwei Wochen unter einem Dach gewohnt hätten.

          Quelle: F.A.Z.s

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