30.08.2009 · Eine kurze Handbewegung in Richtung Fußraum, dann lässt der Fahrlehrer seinen Oberkörper nach vorn rucken, bis der Gurt blockiert. Sylvio Baumert grinst und nickt. Lehrer und Schüler müssen ohne gesprochene Worte auskommen, denn Benjamin ist seit seiner Geburt gehörlos.
Von Urs SpindlerFahrersitz, Lenkrad und Spiegel sind in Position. Benjamin Rueß, gerade 18 Jahre alt, hat den Zündschlüssel schon in der Hand, als ihm Fahrlehrer Sylvio Baumert auf den Arm tippt. Eine kurze Handbewegung in Richtung Fußraum, dann lässt der Fahrlehrer seinen Oberkörper nach vorn rucken, bis der Sicherheitsgurt blockiert. So will er zeigen, was passiert, wenn man den Motor anlässt, ohne die Kupplung zu treten. Benjamin versteht ihn, macht mit seinen Händen zwei schnelle Gesten und tritt die Kupplung. Sylvio Baumert grinst und nickt. Lehrer und Schüler müssen ohne gesprochene Worte auskommen, denn Benjamin ist seit seiner Geburt gehörlos. Trotzdem kann er einen Führerschein machen: Die Fahrschule Eichhorn bietet, als einzige im Raum Frankfurt, Ausbildung und Unterricht auch in Gebärdensprache an.
Autofahren sei grundsätzlich kein Problem, sagt Stefan Keller vom Hessischen Landesverband der Gehörlosen. Im Gegenteil ließen sich Gehörlose weniger ablenken und hätten eine bessere optische Wahrnehmung. „Wenn ein Sinn verlorengeht, sind die anderen umso mehr ausgeprägt“, erklärt Keller. Einen nahenden Krankenwagen erkenne ein Gehörloser beispielsweise an der Reaktion der anderen Verkehrsteilnehmer oder am Blaulicht. Gehörlose werden grundsätzlich als fahrtüchtig eingestuft. Im Zweifel entscheidet die Fahrschule oder ein Prüfer vom TÜV.
„Die Gehörlosen schreiben ganz anders“
Schwierig bleibt nur die Verständigung mit Hörenden. Sylvio Baumert stützt seine Ellenbogen auf den weißen Konferenztisch in der Fahrschule. An den Wänden hängen mehrere Schautafeln, die eine Anhängerkupplung, verschiedene Reifenarten und eine Bremsanlage zeigen. Mit der Fußspitze tippt der Fahrlehrer in schnellem Takt auf den grün marmorierten Linoleumfußboden. Er brütet über der Kurzmitteilung eines Fahrschülers. „Die Gehörlosen schreiben ganz anders“, sagt er in seinem Ost-Berliner Akzent. „Wir Hörende sagen: ,Das Fahrrad steht am Haus.' Gehörlose gebärden ,Haus, Fahrrad, steht' - und Ende“, sagt der Fahrlehrer. Baumert unterrichtet seit sechs Jahren an der Fahrschule, vor vier Jahren hat er die Gebärdensprache gelernt.
Etwas später stehen zwei Fahrschüler auf der Türschwelle. Benjamin, Druckerlehrling aus Hausen, nimmt seine vierte Fahrstunde. Er winkt Sylvio Baumert zu, der winkt zurück und dämpft seine Stimme. Der Fahrlehrer bewegt die Lippen, spricht nur einzelne Laute leise mit. Dafür gerät sein gesamter drahtiger Körper in Bewegung. Ein „Ach ja?“ wird zu ausgebreiteten Armen und hochgezogenen Brauen, ein „Nein“ zu einer schnellen Handbewegung und zu einem Kopfschütteln.
„Gehörlose werden viel zu oft für dumm verkauft“
Seit 40 Jahren bilden die Eichhorns an der Mainzer Landstraße Fahrschüler aus, Chefin Ulrike Eichhorn arbeitet seit 1987 in dem Familienbetrieb. „Wir haben schon immer körperbehinderte Menschen ausgebildet“, sagt die Dame im weiten geblümten Sommerkleid. „Irgendwann ist ein Gehörloser zu meinem Mann gekommen und hat gefragt, ob er auch seinen Führerschein machen kann. Das hat geklappt, weil der sehr gut Lippen lesen konnte.“ Fahrlehrer Eichhorn lernte im Gegenzug einige Gebärden - und fand Gefallen am Sprechen ohne Worte. Sohn Thomas Eichhorn hat gemeinsam mit Sylvio Baumert die Gebärdensprache gelernt. „Gehörlose werden viel zu oft für dumm verkauft“, kritisiert der Juniorchef. In der Folge bleiben Gehörlose oft unter sich, meiden die Verständigungsbarriere. „Viele meiner Schüler trauen sich selbst wenig zu.“
Benjamin scheint die Ausnahme zu sein. Gemächlich gondelt der Fahrschüler die Mainzer Landstraße entlang. Mit ausgestrecktem Arm gibt Sylvio Baumert die Fahrtrichtung vor. Zeigefinger nach unten bedeutet „jetzt“, rechts und links zeigt der Fahrlehrer mit dem Daumen an. Rund um das Messegelände wird die Straße schmaler und kurviger. Benjamin saugt zischend die Luft zwischen den Zähnen ein. „An der Atmung merke ich: Er ist nervös“, sagt Fahrlehrer Baumert. Besonders wichtig für Benjamin ist der Drehzahlmesser. Denn ohne das Motorengeräusch ist der richtige Moment zum Schalten schwer zu finden. „Das muss man spüren“, sagt Sylvio Baumert: „Wie alles: nur eine Frage der Übung.“