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Fachkräftemangel in Heimen : Wer pflegt die Oma?

Hilfe aus Fernost: Die Chinesin Jie Lu arbeitet seit wenigen Wochen in einem Frankfurter Pflegeheim. Bild: Finger, Stefan

Die einen bilden aus, die anderen werben an. Auf die Frage, wo dringend benötigte Altenpflege-Fachkräfte herkommen sollen, geben die Heimbetreiber unterschiedliche Antworten.

          Ignacio Rodríguez Úbeda hat es in der Wetterau nicht gefallen. Nicht so sehr jedenfalls, um dort auf Dauer in einem Seniorenheim zu arbeiten. Der Spanier hat Hessen deshalb wieder verlassen und ist in seine Heimat zurückgekehrt. Vor fast genau einem Jahr kam Úbeda am Frankfurter Flughafen an und wurde empfangen wie ein Popstar. Schließlich sollte er helfen, den Mangel an Altenpflegern zu beheben. Wenige Monate später reiste er wieder ab. Der Liebe wegen. Die meisten der knapp 50Spanier, die das Land mit der Bundesagentur für Arbeit und weiteren Partnern für hessische Pflegeheime angeworben hatte, sind hingegen geblieben, zwei auch in Frankfurt.

          Christian Palm

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Ohnehin ist die Stadt eine Art Versuchslabor für die Bekämpfung des Fachkräfte-Mangels in der Pflegebranche. Außer den Spaniern arbeiten in hiesigen Heimen nun auch die ersten chinesischen Gastpflegerinnen. Die ersten fünf haben vor wenigen Wochen ihren Dienst angetreten. Jene 150, die in diesem Jahr nach Deutschland kommen sollen, bilden womöglich nur einen Anfang.

          Gesetzliche Fachkraftquote von 50 Prozent

          Die beiden erwähnten Spanier arbeiten in einem Heim des Frankfurter Verbands. Der Vorstand des stadtnahen Heimbetreibers glaubt aber nicht, dass die massenhafte Anwerbung ausländischer Kräfte den Mangel an Fachkräften beheben kann. „Wir machen das nur in homöopathischen Dosen“, sagt Frédéric Lauscher. Der Aufwand für Sprachkurse, Fortbildungen und die Anerkennung der ausländischen Abschlüsse sei derzeit sehr groß. Von je weiter her die Fachkräfte kämen, desto größer seien die sprachlichen und kulturellen Barrieren.

          Die Situation in deutschen Pflegeheimen unterscheidet sich in zweierlei Hinsicht von der in anderen Ländern. Einerseits schreibt der Gesetzgeber eine Fachkraftquote von 50 Prozent auf den Stationen vor. Das heißt, dass auf eine Pflegehilfe ein ausgebildeter Pfleger kommen muss. Zum Zweiten gibt es in anderen Ländern keine Ausbildung, die der hiesigen zum Altenpfleger entspricht. Die fünf chinesischen Pflegerinnen, die seit wenigen Wochen in einem Heim der privaten Curanum-Gruppe arbeiten, haben in ihrer Heimat eine Krankenpfleger-Schule besucht und mussten sich nun auf die Altenpflege spezialisieren.

          Fokus auf Europäer

          Lauscher hält es zudem nicht für sinnvoll, Kräfte aus Ländern anzuwerben, die selbst zu wenig ausgebildete Pfleger haben. Dies sei in China aber aus seiner Sicht der Fall, während Spanien zurzeit eher einen Überschuss an Fachkräften habe. Gerade sei er in Verhandlungen mit einem Partner in der Slowakei. Aber auch bei dieser Kooperation gehe es allenfalls um die Anwerbung von zwei oder drei Arbeitskräften.

          Die Kooperation mit Spanien will das Sozialministerium nicht ausbauen, wie es im hessischen Sozialministerium heißt. Auch eine Suche außerhalb Europas sei bisher nicht angedacht, sagt eine Sprecherin von Sozialminister Stefan Grüttner (CDU). Zwar sei jeder Zuzug von willigen und fähigen Pflegern ein Gewinn. „Wir in Hessen setzen aber unseren Fokus auf den EU-Raum, weil wir meinen, hier größere Chancen zu haben, die Menschen längerfristig in Hessen zu halten“, sagt die Sprecherin. Von den 46 Spaniern seien drei nach Hause zurückgekehrt.

          Weiterbildung von Pflegehelfern fördern

          Die Landesregierung versucht derzeit vor allem, die Ausbildung voranzutreiben. In den vergangenen fünf Jahren lag die Zahl der Absolventen von Pflegeschulen zum ersten Mal über 5000. Seit 2008 ist sie um 2000 gestiegen.

          Was hessenweit funktioniert, versuchen Lauscher und sein Frankfurter Verband im Kleinen. Noch gebe es ungenutzte Potentiale, sagt er, etwa in der Weiterbildung von Pflegehelfern. „Aiqua“ nennt sich ein Projekt, dass der Frankfurter Verband mit der Werkstatt Frankfurt betreibt. Die Abkürzung steht für „arbeitsintegrierte Qualifizierung in der Altenpflege“. Sie richtet sich an Angestellte, die schon in den Heimen arbeiten und nun nebenbei die Ausbildung zur Fachkraft absolvieren können. „Wir haben noch viele un- und angelernte Arbeitskräfte, die wir zu einer Ausbildung motivieren können“, meint Lauscher. Nur müsse man die verschiedenen Gruppen richtig ansprechen.

          Einen ähnlichen Weg gehen die Malteser. Sie bieten auch in Frankfurt die Möglichkeit, sich zum „kultursensiblen“ Pflegehelfer ausbilden zu lassen. Der Kurs dauert sechs Monate und enthält vor allem Sprachkurse. Die Teilnehmer sollen aber auch erfahren, wie verschiedene Kulturen mit den Themen Altern und Pflegebedürftigkeit umgehen. Er richtet sich vornehmlich an Lernwillige mit ausländische Wurzeln, die schon länger in Deutschland leben.

          In wenigen Berufen finden ausgebildete Kräfte derzeit so leicht eine Anstellung wie in der Pflegebranche. Wenn er extern suchen müsste, würde er wohl niemanden finden, sagt Lauscher. Der Markt sei schlicht leergefegt. Lauscher ist aber in einer Lage, von der andere Heimbetreiber nur träumen können: Er kann auswählen, wen er einstellt. Der Frankfurter Verband hat eine eigene Pflegeschule und das Projekt „Aiqua“. Jedes Jahr schließen mehr als hundert Pfleger die verschiedenen Ausbildungen ab, und damit mehr als Lauscher einstellen muss. Doch dieser Luxus wird nicht von Dauer sein. Das Angebot an Fachkräften in Deutschland sei endlich und eine „Pensionierungswelle“ stehe bevor, sagt Lauscher. „Ohne Zuwanderung wird es nicht gehen, weder für uns noch für Unternehmen in anderen Branchen.“

          Quelle: F.A.Z.

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