04.11.2009 · Wer weiß, was aus Schirin Bogner geworden wäre, wenn sie ihren starken Willen nicht hätte. „Es gibt immer einen Weg, wenn man ein Ziel hat. Die 24 Jahre alte Frau lebt seit ihrer Geburt mit dem HI-Virus.
Von Stefan ToepferWer weiß, was aus Schirin Bogner geworden wäre, wenn sie ihren starken Willen nicht hätte. „Es gibt immer einen Weg, wenn man ein Ziel hat. Man muss sich durchbeißen“, sagt die 24 Jahre alte Frau. Sie weiß zu gut, was das heißt. Sie, der man anfangs eine Lebenserwartung von nur viereinhalb Jahren prognostizierte. Sie, die als Dreijährige nicht in den Kindergarten gehen durfte, weil bei einer vom Bürgermeister ihres Heimatdorfes in Oberösterreich anberaumten Abstimmung 80 Prozent der Bewohner dagegen waren. Sie, die Österreich verlassen hat und seit vier Jahren dabei ist, sich im Rhein-Main-Gebiet ein neues Leben aufzubauen.
Schirin Bogner ist seit ihrer Geburt HIV-positiv. Auch ihre Mutter hatte das Virus in sich, was sie aber erst erfuhr, als ihre Tochter acht Monate alt war. Außerdem konnte man schwangere Infizierte damals noch nicht therapieren – heute können sie, wenn alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden, Kinder gefahrlos zur Welt bringen. Bogners Mutter war heroinabhängig, genau wie der Vater. Beide leben schon lange nicht mehr. Das Mädchen wuchs bei der Großmutter auf.
Ein Buch geschrieben
Alle vier Wochen ist Bogner in der Ambulanz des HIV-Centers an der Universitätsklinik, sechs Medikamente muss sie nehmen, um das Virus zu bekämpfen. Auch stationär wurde sie dort schon behandelt, weil sie an einer infektiösen Gehirnerkrankung litt, die HIV-Infizierte mit einem schwachen Immunsystem bekommen können.
Die junge Frau dürfte zu den bekanntesten Patienten des HIV-Centers an der Universitätsklinik gehören. Sie hat ein Buch über das Leben mit dem Virus geschrieben, redete im Fernsehen über ihr Leben. Spricht sie von ihrer Erkrankung, merkt sie immer wieder, „dass viele nicht wissen, wie sie mit mir umgehen können“. In ihrem Sportverein hat sie es allen erzählt, und die Chefs in ihrem Betrieb – sie arbeitet als Rohrreinigungs-Helferin – stehen hinter ihr. Arbeit zu haben, ist ihr wichtig. „Ich möchte ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein.“ In Österreich hatte sie einen Hauslehrer, auch in die Schule konnte sie nicht gehen. In Deutschland schaffte sie dann die Mittlere Reife. Schulen besucht sie nach wie vor, um Schüler über das HI-Virus und Aids aufzuklären. „Da gibt es noch ordentlichen Handlungsbedarf.“
Wechselnde Medikamente
Auf Medizin angewiesen ist Schirin Bogner, seit sie drei Jahre alt ist. Fast jedes Jahr hat sie andere Medikamenten-Kombinationen bekommen, um die Widerstandskraft der Viren zu brechen. Sie rechnet nicht damit, dass sich die Erkrankung über kurz oder lang heilen lassen wird, zumal sich die Forschung derzeit eher auf die Suche nach einem Impfstoff konzentriert, wie sie sagt.
Trotzdem oder gerade deswegen sagt sie: „Ich schreibe meiner Krankheit vor, was ich machen will.“ So soll es sein, nicht umgekehrt. Wie gesagt: Schirin Bogner hat einen starken Willen.
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“
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