26.11.2008 · Erika Gutmann ist schon lange arbeitslos. Mit ihrem acht Wochen alten Sohn wohnt sie in einer winzigen Wohnung in Bad Soden. Die Familienhebamme Karen Wende hilft ihr.
Von Stefan ToepferZweiundzwanzig Quadratmeter. Mehr Platz haben die beiden nicht. Ein Bett, ein provisorisches Kinderbettchen, ein Schrank, ein Regalbrett, ein Spiegel, eine Garderobe. Nicht viel Platz für Persönliches. Eine Glühbirne hängt von der Decke. Ein Bad gibt es, aber keine Küche, nicht einmal eine Kochnische. Um etwas Warmes zu essen, geht Erika Gutmann mit ihrem kleinen Sohn Raphael gelegentlich zu einer Freundin. Doch dann müssen sie wieder zurück in ihre zweiundzwanzig Quadratmeter in einem Wohnhaus in Bad Soden.
Im Frühjahr soll alles anders werden. Eine neue, größere, möblierte Wohnung steht in Aussicht – das ist wichtig für Raphaels Entwicklung. Denn bald wird er mehr brauchen als das kleine Gerät, mit dem seine Mutter die Fläschchen für ihn zubereiten kann. Es steht neben seinem Bettchen und einem Heizlüfter, den das Jugendamt besorgt hat. Denn in der winzigen Wohnung von Erika Gutmann funktioniert die Heizung nicht.
Die Mutter ist fast auf sich alleine gestellt
So widrig die Umstände sind, so liebevoll kümmert sich die Einundvierzigjährige um ihren erst acht Wochen alten Sohn. Er entwickelt sich gut – und eine wichtige Stütze für Mutter und Kind ist Karen Wende. Die Familienhebamme kommt jeden zweiten Tag vorbei, mal bleibt sie eine halbe Stunde, mal bis zu eineinhalb Stunden. Sie gibt der Mutter Ratschläge zum Umgang mit dem Baby, schaut mit ihr Formulare von Ämtern durch, kümmert sich mit ihr um die neue Wohnung, schaut, welche Hilfen Erika Gutmann vielleicht sonst noch braucht.
Geplant war die Schwangerschaft nicht. Doch Raphael kam trotzdem zur Welt, vier Wochen zu früh. In der Frankfurter Universitätsklinik haben die Ärzte gesehen, dass Erika Gutmann recht unsicher im Umgang mit ihrem Sohn war. „Ich habe mich gar nicht getraut, ihn anzufassen“, erinnert sie sich. Das Jugendamt des Main-Taunus-Kreises wurde informiert, und Karen Wende, eine von drei Familienhebammen im Kreis, nahm Kontakt zu Erika Gutmann auf.
Abgesehen von der Hebamme, hilfsbereiten Nachbarn, die ihr manchmal Kinderkleidung schenken, und ihren Bekannten ist die Mutter auf sich alleine gestellt: Raphaels Vater, der in einem der Nachbarhäuser wohnt, zeigt kein Interesse an seinem Kind, wie sie sagt. Von ihrem Partner – einem anderen Mann – hat sie sich ebenfalls getrennt. „Auch zu meiner Schwester habe ich keinen Kontakt mehr.“ Ihre Mutter lebt nicht mehr, ihr Vater ist in einem Pflegeheim. Die arbeitslose Frau ist auf Hartz IV angewiesen, das Jugendamt zahlt einen Unterhaltsvorschuss, denn Raphaels Vater ist selbst Sozialhilfeempfänger.
Doch zusammen mit Karen Wende geht es Schritt für Schritt voran. „Frau Gutmann ist sehr zuverlässig“, sagt die Familienhebamme. Seit Raphael da ist, wisse seine Mutter wieder, was es heiße, Verantwortung zu übernehmen. Erika Gutmann stimmt ihr zu. Jetzt sei jemand da, für den sie sorgen müsse, sagt sie. Wichtig wird in Zukunft aber auch sein, dass sie wieder eine Arbeitsstelle findet. Schon seit 2004 ist sie erwerbslos. Bis dahin hatte sie in Kriftel in einem Lager gearbeitet. Aber dann litt sie immer stärker an Neurodermitis, war zwölf Wochen mit Unterbrechungen krank, bis der Arbeitgeber, über den sie nicht viele Worte verliert, ihr kündigte.
Hebamme hilft fünf sozial belasteten Familien
Zunächst will sich Erika Gutmann um eine Halbtagsstelle bemühen. Das bedeutet, dass für Raphael ein Krippenplatz gefunden werden muss. „Das entlastet die Mutter, außerdem bekommt Raphael dort neue Anregungen durch andere Kinder“, sagt Wende. „Gut wäre es, wenn es einen Platz gäbe, wenn er ein Jahr alt ist.“
So lange kann sie die beiden als Familienhebamme besuchen. Dann endet ihr Dienst. Fünf sozial belastete Familien betreut Wende zurzeit – und achtet auch bei ihnen nicht nur darauf, wie sich ein Neugeborenes entwickelt, sondern auch darauf, wie es um Geschwisterkinder bestellt ist, ob die Familie weitere Unterstützung benötigt. Um den Dienst von Familienhebammen im Main-Taunus-Kreis, aber auch in den Kreisen Offenbach und Groß-Gerau ausbauen zu können, bittet diese Zeitung ihre Leser in diesem Jahr um Spenden.
Für Erika Gutmann und ihren Sohn hängt zunächst einmal viel davon ab, dass sie in eine angemessene Wohnung ziehen können. „Dann“, da ist sich Familienhebamme Karen Wende sicher, „haben die beiden einen guten Start.“
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Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung“ bitten um Spenden, die der Hilfe für Kinder in schwierigen Familienverhältnissen und dem Neubau einer Behindertenwerkstatt zugutekommen (siehe: Die Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“: Wo Ihr Geld sicher ist).
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